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Das Laub strahlt in rot, orange und gelb, der Nebel steigt aus den Wäldern, und das Meer liegt ruhig im Sonnenuntergang. So schön wie in Neuengland ist der Herbst wohl nirgends sonst. Hier heißt er auch nicht Herbst, sondern "Indian Summer".
Von Klaus Scherer, ARD-Studio Washington
Mit Blick auf Wald und Weite quartieren wir uns in einem hochgelegenen früheren Bauerngut ein. Die alte Meierei, erbaut um 1900, beherbergt heute die Gäste. Früher schliefen in den Mansarden die Stallburschen oder die Mägde. Dass die Renovierung Tücken hatte, erfährt man schon beim Duschen. Ein historisches Haus habe historische Wasserleitungen, vermerkt eine kleine Hinweistafel. "Den Hahn bitte nicht auf 'heiß' stellen, sondern auf 'sieben Uhr'".
[Bildunterschrift: Früheres Bauerngut ]
In seinen Ställen hielt der Hof Hunderte von Milchkühen und Schweinen. Heute stehen sie leer, außer dem alten Pferdestall. Der dient nun als Altersheim für Tiere. Hauptberuflich hat Betreiber John Pastore, ein angesehener Herzspezialist in Boston, zwar mehr mit Menschen zu tun, trotzdem kennt er hier jedes Tier.
"Unser ältestes Pferd ist 'Panther'", zeigt er auf einen ergrauten Hengst. "Er ist 36 Jahre alt. Früher lief er Trabrennen. Als er wegen Arthritis als Rennpferd nicht mehr taugte, haben wir ihn vor dem Tod bewahrt." Jedes Tier habe seine Geschichte. Manche stammten aus aufgegebenen Farmen, andere brachten Tierschützer. Hier sollen sie altern, ohne zu leiden.
"Viele sind sehr schreckhaft, wenn sie ankommen, weil sie schlecht behandelt wurden und misstrauisch sind. Auch 'Salz' und 'Pfeffer', wie er das weiß-schwarze Ziegenpaar genannt hat. "Sie waren völlig abgemagert, weil ihr Vorbesitzer ihnen nichts zu fressen gab. Eine Tierschutzorganisation übergab sie uns mitten in der Nacht. Sie hatten wunde Hufe und konnten kaum noch laufen." Heute geht es ihnen sichtlich gut.
[Bildunterschrift: Jedes Gebäude hat seinen eigenen Wetterhahn ]
Um den Zustand des Hofs kümmere sich eher seine Frau Marilyn, sagt John. Da ich noch immer Fragen habe, etwa nach all den Wetterfahnen und Türmchen auf den Stall- und Scheunendächern, lädt sie uns zum Rundgang ein. "Jedes Gebäude war so markiert", sagt sie. Die "Clockbarn" etwa hieß so wegen der Hof-Uhr. Und weil hier die Pferde lebten, zeige das auch heute noch die Wetterfahne, auf deren Spitze ein kupfernes Pferd steht.
"Die Kuh da drüben, auf dem Kuhstall, ist tatsächlich so groß wie ein Kalb. Ein Meter fünfzig lang. Viel größer als es von unten aussieht", nimmt sie aus der Ferne Maß. "Und trotzdem dreht sie sich, sobald der Wind die Richtung ändert."
Am Herrenhaus werkeln die Anstreicher. Einst beschäftigte der Hof sogar eigene Maler. Heute freuen sich örtliche Kleinfirmen über die Aufträge. Die Landwirtschaft, sagt Meister Howard Peer, sei lange tot. "Ohne Hofkäufer hätten wir keine Arbeit und alles würde verfallen." Gibt es denn hier gute und schlechte Investoren? "Das ist hier wie überall", antwortet er. "Manche sind weitsichtig und kümmern sich, andere steigen nur ein um baldmöglichst wieder auszusteigen."
[Bildunterschrift: Aufbruch im aufsteigenden Nebel ]
Wieder meint es der nächste Morgen nicht gleich gut mit uns. Doch nun wissen wir ja, dass früher Regen nicht viel heißen muss. Im aufsteigenden weißen Nebel nehmen wir wieder Kurs auf die Küste - und peilen Portland, Maines größten Hafen an. Umfragen haben dem Ort zuletzt die beste Lebensqualität unter Amerikas Großstädten bescheinigt. Was auch daran liegt, dass der Großstadttrubel hier recht klein ausfällt.
Unten am Pier buchen wir uns auf der "Vendameen" ein, einem Windjammer, der raus auf die Inseln fährt. "Wir haben den Regen in Vermont gelassen, damit er uns hier nicht stört", scherzen wir. "Das ist nett", sagt die Chefin. "Wir haben wirklich fantastisches Wetter. Sonne und guten Wind, was wollen wir mehr?" Die Crew begrüßt bald die übrigen Mitfahrer.
[Bildunterschrift: Volle Fahrt voraus ]
"Wir haben Platz für 14 Passagiere und bieten auch Törns mit Übernachtung an. Wenn Sie die Kabinen sehen wollen, gehen Sie ruhig unter Deck", informiert der Steuermann die Runde. Wer auserkoren ist, darf sogar als Aushilfsskipper mit anpacken. So ziehen wir die Segel hoch, bis alle stramm im Wind stehen und fachgerecht verzurrt sind.
Die Tour ist ein Klassiker und das gleiche gilt für das Boot. Fast hundert Jahre ist es alt. Eine Liste nationaler Kulturgüter registriert es als historisches Erbe. Für die jungen Besitzer, die das Schiff eher als Wrack erworben hatten, ist das zwar ein schönes Lob. Trotzdem müssen sie das Geld, das sie hineingesteckt haben, nun wieder verdienen. In guten und in schlechten Zeiten.
"Die Wirtschaftskrise haben wir zuletzt klar gespürt", sagen Michelle und Scott Reischmann, mit zwei kleinen Kindern auf den Knien, unten in der Hauptkabine. "Aber wir bieten auch Zwei-Stunden-Touren an, die kosten nur 35 Dollar und sind für viele weiterhin erschwinglich. Außerdem haben wir viele Hochzeiten an Bord, und Hochzeiten gibt’s immer." Als Unternehmer sehen sie sich bisher gut am Markt platziert. "Wer etwas Stilvolleres mag, dafür mit kleinerer Hochzeitsgesellschaft auskommt, dem passen wir ganz gut."
Im Fischerdorf Stonington, wo bunte Boote und geflochtene Hummerfallen auf ihren nächsten Einsatz warten, endet unsere Reise. Aus der Bucht ragen von der Eiszeit flachgeschleifte Felsenbuckel. Am Ufer reihen sich pastellfarbene Häuserwürfel.
[Bildunterschrift: In Stonington liegen nicht mehr viele Fischerboote ]
"Viele sind es nicht mehr, die hier täglich ihr Fischerboot besteigen", sagt Andy Grove. In Stiefeln und kariertem Hemd steht er bereit als wir ankommen. Den grauen Haarschopf verbirgt eine speckige Baseballmütze.
Sein ganzes Leben lang sei er hier Fischer gewesen. Erst waren es Heringe, die er aus dem Meer holte, nun sind nur noch die Hummer geblieben. Das kleine Boot bringt uns zu dem großen. Damit sucht er weiter draußen seine Bojen, an denen die Fallen hängen.
Er sei einer der letzten Fischer, die hier noch ein Haus am Wasser hätten, sagt er, als wir aus dem Hafen tuckern. Fast alle hätten sich verdrängen lassen von den erhöhten Grundsteuern, die eigentlich die reichen Städter und ihre Zweitwohnsitze treffen sollten.
Dann beginnt er mit der Arbeit, jeder Griff ist eingeübt, das Hantieren zwischen der schnell laufenden Seilwinde und den Käfig-Reihen ist nicht ungefährlich. Die Hummer dürfen nicht zu klein sein und keine Weibchen, die Eier tragen. "Sonst werfen wir sie zurück ins Wasser", sagt er. Der erste Käfiginhalt landet denn auch sogleich wieder im Meer.
[Bildunterschrift: Die Ruhe der Fischer in Stonington ]
"Du musst aufpassen, wie du sie hältst, sonst schneiden sie Dich mit den Panzerzacken", weiht er mich in die Geheimnisse der Meereskunde ein. "Schau, das hier ist ein Männchen. Bei ihnen ist eine Körperstelle mit gepanzert, die bei den Weibchen weich ist", fingert er an dessen rotweißem Unterleib. Als er mir den tellergroßen Hummer kurz übergibt, sorgt er sich schnell, dass er mir über Bord entflüchten könnte.
Er sei riskant, die Arbeit auf dem Boot allein zu machen, hatte er mir zuvor gesagt. Nun frage ich nach, warum. "Wenn du Dich in den Seilen verfängst, die der Motor hin und her zerrt, kannst Du damit samt den Käfigen über Bord gehen."
Ob das Fischern tatsächlich schon passiert sei, will ich wissen. "Ja, die meisten sind dann ertrunken", seufzt er. "Manchmal schafft es einer, sich noch mal zu befreien. Aber ich weiß bestimmt von einem Dutzend Fischern, die so umkamen. Für einen zweiten Mann an Bord fehlt vielen nun mal das Geld."
Dass sie hier nur noch Hummer fangen, liege daran, dass die Hochseeflotten draußen seit Jahren alles andere wegfischten, sagt Andy auf der Rückfahrt. Als Köder hängen in den versenkten Fallen nun neue Heringsstücke. Die Zahl der Fallen, die ein Fischer auslegen darf, wird von den Behörden begrenzt - damit die Hummerbestände sich erhalten können. Wie viele Tiere jedem in die Falle gehen, ist Glücksache.
"Die Fangquoten haben erst nicht allen hier gefallen", sagt Andy. "Aber heute sehen auch sie ein, dass sie damit auf Dauer besser fahren." Durch einen Geräteschuppen kommen wir in seinem Haus an. Die Aussicht, verspricht er uns, gebe es nicht noch einmal. In der Tat schauen er und seine Frau täglich vom Frühstückstisch weit in die Felsenbucht hinaus.
Wie kalt wird es hier im Winter? "Vom November an trage ich lange Unterhosen", lacht Andy. "Manchmal scherze ich auch, dass ich sie nur zum Nationalfeiertag im Juli ausziehe. Und danach gleich wieder an."
[Bildunterschrift: Sonnenuntergang am Wasser in Stonington ]
Auf der schmalen Fensterbank zeigt ihn ein graues Foto als Siebenjährigen in seinem ersten Holzboot. Sein Großvater habe das einmal gebaut. Oft hätten sie es später noch gemeinsam repariert. Gab es für einen Jungen damals nur die Möglichkeit, auch selbst Fischer zu werden? "Es gab noch ein paar Farmer. Aber wissen Sie, die machten ihr Heu, und am Ende kamen sie so eben hin. Es reichte kaum, ihre Familien zu ernähren."
Letzte Frage: Ob er denn danach jemals gehadert habe mit seinem Beruf? "Ich hätte anderswo mehr Geld verdienen können", sagt er da in sich ruhend. "Aber glücklicher hätte es mich nicht gemacht."
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