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21.11.2009

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Reportage: Indian Summer in Neuengland - Teil 1
Reportage: Indian Summer an Amerikas Ostküste - Teil 1

Von Herbstlaub und Leuchttürmen

Das Laub strahlt in rot, orange und gelb, der Nebel steigt aus den Wäldern, und das Meer liegt ruhig im Sonnenuntergang. So schön wie in Neuengland ist der Herbst wohl nirgends sonst. Hier heißt er auch nicht Herbst, sondern "Indian Summer".

Von Klaus Scherer, ARD-Studio Washington

Wer gerne reist, um Druck abzulassen, ist bei Rob Costa richtig. "So aufgepumpt wie sonst", sagt er doppeldeutig, "kommt man nie in den Dünen an." Dann lässt der bärtige, braungebrannte Mann nahezu die gesamte Luft aus den Reifen seines "Dünen-Taxis" und grinst, als wir so rumpelnd noch den steilsten Anstieg schaffen.

Sandhügel mit Dünengras in Neuengland Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Sand so weit man blickt: die Dünen von Cape Cod ]
Es sind die Dünen von Cape Cod, wo einst die Pilgrims aus Europa anlandeten - eine der schönsten Landschaften der Welt: Sandhügel, so weit wir blicken, Dünengras, das blaue Meer. So zeigte sie schon Robs Vater einst den Fremden, als er selbst alles noch für einen großen Sandkasten hielt.

Von den Wäldern bis zu den Leuchttürmen

Mit Robs Dünen-Tour beginnt unser Streifzug durch Neuengland - zu Lande, am Himmel und zu Wasser, weil Neuengland nun mal nicht an der Küste aufhört, sondern draußen, auf den Inseln. Da wo die Leuchttürme stehen. Zugegeben, sagt mir Rob, im Sommer sei hier mehr los: Badegäste allüberall, so wie in jedem Sommer seit seinen Kindertagen.

"Als ich drei oder vier war, saß ich hier auch schon am Lenkrad, auf dem Schoß meines Vaters." Der Strand und die Dünen seien sein Leben. "Er ließ uns Kinder oft hier raus, weil wir mit den anderen spielen wollten, die hier badeten und campten. Eigentlich sind wir hier draußen aufgewachsen."

Dabei spielt Rob immer noch im Sand. Nur mit anderem Spielzeug: Die Taxi-Lizenz erteilt ihm die Umweltbehörde, solange er sich an die Wege hält. Jetzt, im Spätherbst, gibt es hier nicht mehr viele Kunden. Ein paar Ausflügler noch, manchmal ein Maler auf Motivsuche oder Manager auf Anti-Stress-Kurs.

Familiengeschichten

Im Familienalbum zeigt er mir seinen "Dad" vor einem Ford "Woody" mit Holzwänden, Baujahr 1936. "So fing er damals an. Er lehnt am Taxi wie ein Filmstar", lacht er. Daneben rutscht der kleine, noch strohblonde Rob im Dünensand. Es scheine, als sei das immer noch sein Sandkasten hier, werfe ich ein. "Ja", nickt er, "ein riesiger dazu. Da hat sich nichts geändert."

Irgendwann sei der Vater krank geworden. Alzheimer. Da habe er ihm die Firma übergeben, damit sie in der Familie bleibe. Und heute sei "Dad" immer noch hier: "Er liebte das alles. Hier draußen hat man geheiratet, und hier draußen streuten wir nach seinem Tod seine Asche in den Wind. Er ist Teil des Ganzen. So hatte er es sich gewünscht."

Leuchtturm in der Abenddämmerung Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Blaue Stunde am Strand ]
Langsam neigt sich der Tag der blauen Stunde zu - die Spaziergänger am Strand ebenso entspannt angehen wie die sich in Sichtweite tummelnden Robben. Dann verabschieden wir uns, weil wir vor Sonnenuntergang noch eine Verabredung haben.

Der Leuchtturmwärter

Ein paar Meilen weiter, im Leuchtturm von Jim Walker. Er erwartet uns in schwarzer Uniform. Den Turm kennt er wie sein Wohnzimmer. "Das Licht wurde von Gewichten gedreht, die daran zogen wie an einer Kuckucksuhr", erklärt er. "Früher brannten hier 13 Glühstrümpfe, die der Wärter alle mit Petroleum oder Wal-Öl tränken und anzünden musste. Dann kurbelte er die Gewichte im Turm hoch. Das machte er die ganze Nacht durch, alle vier Stunden. Und wenn die Glühstrümpfe nicht sauber brannten, hatte man den ganzen nächsten Tag damit zu tun, all die verrußten Glasfenster wieder frei zu putzen. Damit von See her das Leuchtfeuer auch sichtbar war."

Und dennoch zerschellten an Neuenglands Klippen Tausende von Schiffen. Jim betreut den Turm heute für eine Denkmalsstiftung. Einst wohnten die Wärter im Diensthaus mit Familien. „Bis Ende des 19. Jahrhunderts liefen die Kinder noch um die ganze Bucht zur Schule“, sagt Jim und zieht die Dienstmütze zurecht. „Und wenn es stürmte, blieben sie so lange dort, bis sie wieder zurück konnten.“

"Wir lieben die Einsamkeit"

Heute helfen Freiwillige, die verbliebenen Türme in Schuss zu halten, mit viele Liebe zum Detail. Und mit Farbe, die Jim ihnen vorbeibringt. "Guten Abend, wir haben Arbeit für Sie. Was werden Sie mit der Farbe machen?", frage ich das Gästepaar, das sich nach einem langen Tag das Sofa teilt. Er lesend, sie mit Strickzeug. "Den Turmsockel haben wir schon gestrichen", sagen sie, "nun sind die Holzplanken dran. Wir machen das, seit wir hier auf unserer Hochzeitsreise vorbeikamen. Es wäre schade um die Gebäude, nachdem schon so viele abgerissen und einfach unter den Sand geschoben wurden." Sie liebten die Einsamkeit um diese Zeit hier, das Licht und die Geschichte, schwärmen beide, während sich vorm Fenster das Turmlicht in den nachtblauen Himmel wirft. Es sei einfach schön.

Unterwegs im Doppeldecker

gelb-rotes Doppeldecker-Flugzeug über einer Wiese Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ein historischer Doppeldecker über Maine ]
Am nächsten Morgen wollen wir noch höher hinaus: Über dem US-Küstenstaat Maine zieht ein Pilot namens Phil in einem historischen gelben Doppeldecker seine Kreise, haben wir gehört. Und wollten mehr darüber wissen.

"Es ist eine Waco YMF-5, falls Ihr Euch damit auskennt", sagt er, als wir ihn am Flugfeld von Bar Harbor treffen. "Ein einzigartiges Flugzeug, du steuerst sie mit den Haaren im Wind, spürst sofort alles, was die Maschine tut." Hinter dem Holzpropeller knattern sieben im Kreis geordnete Zylinder wie eine Staffel alter Horex-Motorräder.

Über den Inseln

Mit einer Körperdrehung muss ich den engen Vordersitz unter dem Dachflügel erklimmen. Der Piloten hat seinen Platz dahinter. Schon heben wir ab, im Cabriolet der Lüfte. Kurz darauf zieht Phil es steil zur Seite. Erleichtert höre ich, dass er mir Loopings und Pirouetten wunschgemäß erspart.

"Die Inseln unter uns gehören zum Acadia National Park. Da gibt es um diese Jahreszeit nicht nur das übliche Grün und Gelb in den Wäldern, sondern mehr Farben als irgendwo sonst", ruft er nach vorn. Das vor allem sei es, was ihn hier immer wieder neu beeindrucke. Man sieht ihm an, wie jungenhaft er sich darüber freut.

Auf der Jagd nach dem Herbstlaub

Als wir ins Hinterland aufbrechen, haben wir Zuversicht nötig, denn es regnet in Strömen. Carolin, die im gleichen Quartier wohnte, muntert uns auf. Sie schwärmt von Vermont. Tatsächlich klart der Himmel schon bald wieder auf. Wir passieren Holzbrücken mit Dachaufbau, über schluchttiefen Tätern. Fotokameras klicken über dem Geländer.

Bilder:

buntes  Herbstlaub in Neuengland
Bilderstrecke Leuchtendes Neuengland Indian Summer an der Ostküste der USA [mehr]

Aus ganz Amerika jagt man hier dem Herbstlaub nach. "Wir sind dafür sogar aus Texas angereist", stellt sich uns eine Frau vor. Ob denn Vermont dafür ein gutes Gegengift sei, scherze ich. "Und wie, allein schon gegen die Hitze", lacht sie.

Dann dringen wir tiefer in den bunten Wald vor, bis weit in den Norden nahe der Grenze zu Kanada. Und stoßen zwischen Ahornbäumen auf einen Braumeister einer jahrhundertealten Köstlichkeit. Seine Baumplantage könnte man auch für eine Art Gehege halten, wegen der blauen Gummileinen, die überall gespannt sind. Doch bald erkennt man, es ist ein Gewirr aus Schläuchen, das den Saft der Bäume sammelt.

Mit Vernon Gray auf Sirup-Ernte

Vernon Gray ist schon weit über 70 und zapft hier dennoch jeden Frühling 7000 Bäume an, aus jährlich neu gebohrten Löchern. "Eine Technik, die die weißen Siedler einst von den Indianern hier gelernt haben", erläutert er, als wir uns den Zapfstellen nähern. "Die Indianer und die Weißen lebten hier lange friedlich miteinander zum beidseitigen Nutzen. Bis die Siedler ihnen immer mehr Land wegnahmen. Aber bis dahin war die Sirup-Ernte hier jedes Jahr ein großes gemeinsames Ereignis."

Die Kunst sei, den Baum zu melken, ohne ihm zu schaden. "Der Saft versorgt den Baum ja mit wichtiger Energie, damit oben die Blüten und die Blätter wachsen. Wenn man ihm die zu lange nimmt, geht er ein. Und sobald der Saft dann in die Blüten geht, wäre der Sirup auch nicht mehr so gut."

Baum am See im Gegenlicht Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Im Einklang mit der Natur ]
Jeden Winter spinnt er hier in Schneeschuhen sein neues Netz, treibt neue Zapflöcher in die Rinde, während die vom letzten Jahr verheilen. "Ein Baum, den du mit deinen Armen nicht mehr leicht umfassen kannst, erträgt zwei Löcher", zeigt er mir an einem dickeren Stamm. "In die Dünneren bohrt man nur eines." Wer kurze Arme habe, ernte dann aber mehr, halte ich dagegen. "So habe ich das nie gesehen", schmunzelt er. "Ich sollte einen Kurzarmigen einstellen."

Am liebsten mit Cognac und Vanilleeis

Natürlich gebe es auch für Waldarbeiter gute und schlechte Jahre, sagt Vernon. Er habe schon Sturmschäden weggesteckt, Elche hätten ihm das Schlauchsystem niedergerissen. Nicht immer sei die Ernte zuverlässig. Eine Holzhütte am Waldrand birgt den Sirup-Ofen. Um die tausend Liter Zuckersaft pro Jahr kocht Vernon sich darin zusammen. Doch nicht jeder Jahrgang ist gleich gut.

"Schmeckt wie Bienenhonig, wenn der Vergleich erlaubt ist", kommentiere ich die süße Kostprobe. "Die Natur bestimmt das selbst", sagt er. "Wir können die Güte und den Geschmack des Sirups kaum beeinflussen. Wir sammeln Saft, kochen ihn zu Konzentrat, das ist alles. Am Ende der Saison wird er dunkler. Und wenn der Zuckergehalt dann abnimmt und wir länger kochen müssen, wird er tiefbraun, aber dafür aromatischer."

Womit er ihn am liebsten esse, frage ich zuletzt. "Ich mag die üblichen Rezepte, also mit Crepes und Pfannkuchen oder Waffeln. Aber ich liebe ihn mit Vanilleeis. Dann mische ich den Sirup mit Cognac, von beidem ein bisschen. Das ist das Allerbeste."

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Reportage:
"Von Fischern und Panzerzacken"

Stand: 06.11.2009 13:51 Uhr
 

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