Ein obdachloser Mensch schläft auf einem Gehweg in New York. | Bildquelle: AP

Obdachlose in New York "Stop Homelessness!"

Stand: 30.12.2015 17:19 Uhr

Im jahrelangen Kampf gegen Obdachlosigkeit steht New York vor massiven Problemen. Zehntausende Menschen in der Stadt müssen auf der Straße leben. Die verantwortlichen Politiker agieren hilflos - und schieben sich die Schuld gegenseitig zu.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

"Schluss mit der Obdachlosigkeit!" - Demonstranten vor dem New Yorker Rathaus machen ihrem Unmut Luft. Bürgermeister Bill de Blasio wollte zum Amtsantritt vor knapp zwei Jahren die Metropole gerechter machen. Statt die Obdachlosigkeit in den Griff zu bekommen, hat sich der Politiker der Demokraten jetzt nur vom zuständigen Behördenchef getrennt - von Gilbert Taylor, zuständig für die sogenannten Obdachlosendienste.

Obdachlose protestieren in New York gegen Polizeigewalt. | Bildquelle: AFP
galerie

Obdachlose protestieren in New York gegen Polizeigewalt.

"Hätte ich das Ausmaß des Problems doch nur besser erklärt", übt sich der Bürgermeister in ungewohnter Bescheidenheit. Das Ausmaß verkündet eine große rote Zahl auf der Internetseite der so genannten Koalition für die Obdachlosen: Beim Amtsantritt des Bürgermeisters verbrachten rund 53.000 Menschen die Nacht in Notunterkünften. Vergangene Nacht dagegen waren es 59.568.

Rechnet man noch einige Tausend hinzu, die die Nacht auf der Straße verbringen müssen, dann ist eine Kleinstadt inmitten New Yorks heimatlos. "Ich halte es auf der Straße nicht mehr aus", sagt der 35-jährige Ronald. "Das Ungeziefer, der Dreck, der Schweiß, der Ärger mit den Polizisten. Es ist einfach zu viel."

Wirtschaftliche Not

Vor Behördenchef Taylor hatte im September bereits die stellvertretende Bürgermeisterin Lilliam Barrios-Paoli aufgegeben. Auch sie war beauftragt worden, die Obdachlosenkrise der Stadt in den Griff zu bekommen. Eine Krise, mit neuen Gesicht, wie der Bürgermeister jetzt einräumte. Mehr und mehr unserer Obdachlosen seien Familienangehörige - keine alleinstehenden Erwachsenen. "Und mehr und mehr sind aus wirtschaftlichen Gründen auf der Straße - nicht wegen Drogenmissbrauchs oder psychischer Probleme. Sie kommen finanziell einfach nicht zurecht", so de Blasio.

Schlimme Zustände für 23.000 Kinder
K. Clement, ARD New York
30.12.2015 16:36 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Ein Wahlversprechen des Bürgermeisters lautete, neben den vielen New Yorker Luxus-Wohnungen mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, die Menschen so langfristig von der Straße zu holen. Dies sei ein richtiger Schritt, aber nicht ausreichend, findet George McDonald, Präsident einer Stiftung, die Obdachlose unterstützt. "Der Bürgermeister hätte vor allem mehr Übergangslösungen schaffen müssen. Aber sie denken immer noch an ständige Wohnungen, die erst in vielen Jahren verfügbar sein werden - aber das Problem spielt sich jetzt auf unseren Straßen ab."

Selbst Polizeichef Bill Bratton, für gewöhnlich im engen Schulterschluss mit dem Bürgermeister, übte Kritik. Man hätte das einräumen müssen, was alle sahen - nämlich dass das Problem größer werde. Einziger Trost derzeit: Bislang fühlt sich der New Yorker Winter eher wie ein Frühling an.

Ein Paar sitzt bei warmen Temperaturen im New Yorker Central Park. | Bildquelle: AFP
galerie

Milder Winter: Ein Paar sitzt bei warmen Temperaturen im Central Park.

Schwarzer-Peter-Spiel

Jetzt will die Stadt in einer dreimonatigen Phase alle bisherigen Instrumente überprüfen. Das Schwarze-Peter-Spiel aber läuft schon längst. Andrew Cuomo, Gouverneur des Staates New York und eigentlich ein Parteifreund des Bürgermeisters, tatsächlich aber mehr sein liebster Feind, ließ Ende November mitteilen: Der Bürgermeister könne es nicht, er werde selbst eingreifen. Blasio lässt zurückkeilen: Seit 2011 habe der Staat New York Mittel gestrichen, das könne die Stadt alleine nicht auffangen.

Dieser Beitrag lief am 30. Dezember 2015 um 16:36 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Darstellung: