Postkarte Moresnet

200 Jahre Neutral-Moresnet Ein staatenloses Stück Torte

Stand: 17.04.2017 00:25 Uhr

Es war einmal ein Niemandsland irgendwo zwischen Aachen und Eupen. Ohne Justiz oder Schulpflicht, aber mit Fahne und Briefmarke. Neutral-Moresnet - ein 3,4 Quadratkilometer kleines staatenloses Gebiet in Form eines Tortenstücks. Ein Historiker hat seine Geschichte aufgeschrieben.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Er muss immer an ein klitzekleines Stückchen Torte denken oder an eine dreieckige Mini-Pizza: "Sehen sie mal da", ereifert sich Belgiens populärster Historiker und Reise-Schriftsteller David van Reybrouck und deutet auf eine alte Europakarte von 1816. Preußen ist zu erkennen, die Städte Aachen und Eupen. Und ganz in der Nähe, aber bereits auf dem Territorium der Niederlande, ein winziges weißes ausgespartes Dreieck. Die kleine staatenlose "Pizzaspitze" trug den Namen "Neutral-Moresnet".

Ein Kind des Wiener Kongresses

Immerhin 103 Jahre lang existierte das Niemandsland im heutigen Südostbelgien unweit von Aachen. Seine Geburtsstunde war ein Europa-Gipfel namens Wiener Kongress - als der Kontinent 1816 nach Napoleons Waterloo-Untergang neue Grenzen zog.

Das Ende von Neutral-Moresnet leiteten 1919 die Versailler Verhandlungen ein, erzählt Historiker Reybrouck, der dem Winzlingsterritorium ein Buch mit dem Titel "Zink" gewidmet hat, denn einer Zinkmine verdankte Moresnet seine neutrale Niemandsland-Existenz.

Alle wollten Zink aus Neutral-Moresnet

Europas profitabelste Zinkmine war hochbegehrt, denn Zink galt als Zaubermetall: leicht und nicht rostanfällig. Napoleons Reisebadewanne, die Dachkanten und Regenrinnen von Paris - alles wurde damals vor Feuchtigkeit geschützt durch Zink aus der Grube von Neutral-Moresnet. "Wenn es in Paris regnet, dann tropft es auf Zink aus Moresnet", sagt der Historiker Reybrouck.

Flagge von Neutral-Moresnet
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Die Flagge von Neutral-Moresnet

Ob Preußen oder die Niederlande: Alle Nachbarn wollten das profitable Zinkhütten-Nest haben, also bekam es mehr als 100 Jahre lang niemand. Ein Niemandsland im kriegerischen Europa, ohne Wehrpflicht, ohne Steuern, ohne eigene Währung und ohne Zollabgaben, weiß Moresnet-Forscher van Reybrouck, der im Wald noch einen von 60 Grenzsteinen der neutralen Exklave entdeckte.

Ein Magnet für Desporados und Visionäre

Die Bewohner von Neutral-Moresnet waren sich durchaus ihres Landes bewusst: Es gab sogar eine eigene Hymne, eine Flagge und eine eigene Briefmarke. Moresnet entwickelte sich schnell zum Magnet der Schmuggler, Deserteure und Bergarbeiter und Ende des 19. Jahrhunderts auch noch zum Eldorado der Esperanto-Anhänger, die mit ihrer 1887 erfundenen Kunstsprache das neutrale Moresnet zum Zentrum grenzenloser Völkerverständigung machen wollten.

Plötzlich hatte das 250-Seelen-Nest mehr als 3000 Einwohner. Frauen aus der Schweiz und aus Preussen zogen nach Moresnet, auf der Flucht vor der Engstirnigkeit ihrer Heimat. Maria Brixen aus Düsseldorf zum Beispiel, die ein uneheliches Kind erwartete. Ihr Sohn Emil wurde 1903 in Neutral-Moresnet geboren, als Staatenloser. Als Emil Brixen 1971 dort starb, war Moresnet längst nicht mehr neutral, sondern gehörte zu Belgien, nachdem es zuvor vom Deutschen Kaiserreich annektiert worden war.

Ein Wohnsitz - fünf Staatsbürgerschaften

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das ehemals neutrale Niemandsland Moresnet 1919 im Versailler Vertrag Belgien zugesprochen. Zuvor war es bereits vom Deutschen Kaiserreich annektiert worden. Hitlers Truppen besetzten es dann im zweiten Weltkrieg, nach dessen Ende Moresnet wieder belgisch wurde.

Der Staatenlose Emil Brixen, 1903 geboren in Neutral-Moresnet, 1971 gestorben in Moresnet, wechselte zwar niemals den Wohnsitz - aber fünf Mal die Staatsbürgerschaft. "Er hat keine Grenzen überschritten. Die Grenzen sind vielmehr über ihn hinweg gegangen", bilanziert van Reybrouck die von ihm entdeckte Biographie des Zinkhüttenarbeiters und Bäckers Emil Brixen aus ehemals Neutral-Moresnet.

Emil Brixen war zunächst Bewohner eines neutralen Zwergterritoriums, dann Untertan des deutschen Kaiserreichs, schließlich Bürger des Königreiches Belgien, dann Staatsangehöriger im Dritten Reich, abgeführt als deutscher Kriegsgefangener. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er schließlich wieder Belgier. Fünf Staatsangehörigkeiten in einem einzigen Leben ohne einen einzigen Grenzübertritt: eine europäische Geschichte aus Moresnet, dem heutigen Kelmis in Südost-Belgien.

Der Zwergstaat Neutral-Moresnet
R. Sina, ARD Brüssel
17.04.2017 00:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. April 2017 um 17:22 Uhr

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