Logo der Firma Netflix | Bildquelle: REUTERS

Fernsehen aus dem Internet Netflix gibt die Macht dem Zuschauer

Stand: 09.08.2013 10:37 Uhr

Kabel, Satellit oder Antenne - in den USA haben sie meist ausgedient. Viele Menschen dort nutzen das Internet, um fernzusehen. Neben den großen Online-Videotheken von Amazon oder Apple hat sich vor allem eine Firma als Online-Sender einen Namen gemacht: Netflix. Das kalifornische Unternehmen ist drauf und dran, die gesamte Fernsehbranche umzukrempeln.

Von Wolfgang Stuflesser, ARD-Hörfunkstudio Los Angeles

Eigentlich ist die Bekanntgabe der Nominierungen für den Fernseh-Oscar Emmy eine Routine-Angelegenheit. Doch diesmal war es ein fast schon historischer Moment, als Academy-Präsident Bruce Rosenblum im Juli die Nominierten in der Königskategorie "Beste Drama-Serie" verkündete: "House of Cards."

In insgesamt 14 Kategorien wurde "House of Cards" für den wichtigsten US-Fernsehpreis nominiert, dabei ist die Serie im Fernsehen nie gelaufen. Sie ist eine Produktion des Online-Videodienstes Netflix - und was für eine: Von 100 Millionen Dollar Budget ist die Rede.

David Fincher, der Regisseur von "Sieben" und "Fightclub" war Produzent und inszenierte die ersten Folgen persönlich. Die Hauptrolle übernahm der Oscar-Preisträger Kevin Spacey. Er spielt einen Politiker in der zweiten Reihe, der mit fiesen Ränkespielen das gesamte Weiße Haus zum "House of Cards", also zum "Kartenhaus" macht, in dem alle nach seiner Pfeife tanzen. Das Ganze ist eigentlich ein Remake einer britischen BBC-Serie aus den 90ern. Wie schon im Original wendet sich auch die von Kevin Spacey gespielte Hauptfigur immer wieder direkt zur Kamera, spricht die Zuschauer an, macht sie so zu seinen Komplizen.

Flatrate fürs non-lineare Fernsehen

Mit "House of Cards" betritt Netflix Neuland: Eigentlich lassen sich über den Dienst Hollywood-Filme und bekannte Fernsehserien abrufen, Netflix ist dabei nur der Vertrieb. Das bieten Konkurrenten wie iTunes auch, doch da zahlt der Kunde für jeden einzelnen Film.

Bei Netflix gilt dagegen das Flatrate-Prinzip: Für acht Dollar (etwa sechs Euro) im Monat kann ich sehen, so viel ich will. Zigtausende Filme und Serienfolgen hat Netflix im Angebot, darunter allerdings viele alte Schinken und nicht die allerneuesten Kinofilme.

Netflix-Chef Reed Hastings | Bildquelle: dpa
galerie

Sieht die Zukunft der Branche beim non-linearen Fernsehen: Netflix-Chef Hastings

Im Interview mit der Online-Plattform Kick erklärt Netflix-Chef Reed Hastings, warum sein Dienst inzwischen trotzdem fast 30 Millionen Kunden hat: "Lineares Fernsehen war 50 Jahre vorherrschend. Doch das Problem dabei ist, dass der Sender vorgibt, was Sie wann anschauen können. Der Vorteil des Internet-Fernsehens ist: Die Macht wandert zum Konsumenten. Jeder Einzelne entscheidet."

Experten schätzen, dass an einem normalen Abend ein Drittel aller Daten, die durchs amerikanische Internet wandern, Netflix-Filme sind. Dabei hat Hastings die Firma eigentlich vor 16 Jahren als DVD-Verleih per Post gegründet. "Aber nur, weil das Internet damals noch nicht schnell genug war", sagt er. Von Anfang an sei klar gewesen, dass die Firma Netflix heißt, und nicht "DVDs per Post".

Ab wann in Deutschland???

Inzwischen ist Netflix auch in verschiedenen europäischen Ländern aktiv. Doch fragt man nach einem Starttermin für Deutschland, gibt sich die Firma zugeknöpft.

In der amerikanischen Medienszene ist Netflix eine feste Größe: Viele neue Fernseher hier haben eine Netflix-App eingebaut, auch Spielekonsolen, DVD- und Bluray-Player sind Netflix-tauglich. Selbst auf dem Tablet oder Smartphone ist das Angebot abrufbar. Videos, immer und überall. Konkurrenten wie Amazon haben inzwischen ähnliche Flatrate-Angebote. Das hat auch die Art des Fernsehkonsums in den USA verändert.

Suchtgefahr bei "Binge-Viewing"

Es gibt das "Binge-Viewing" - übersetzt vielleicht "Fernsehen wie beim Komasaufen". Immer noch eine Folge, noch ein Film mehr. Selbst vom Netflix-Chef kommt dazu eine nicht ganz ernst gemeinte Warnung: "Wenn Sie erstmal alles auf Klick abrufen können, werden Sie süchtig. Starten Sie eine Serie wie 'Breaking Bad' nicht ohne ein paar freie Tage. Wenn Sie mal angefangen haben, schauen Sie immer weiter. Das wird ihre Produktivität ruinieren."

Hastings ist überzeugt, dass sein Konzept die Fernsehlandschaft verändern wird. Den Unterscheid zwischen klassischen Fernsehsendern und Netflix erklärt er gern mit dem Verhältnis von Festnetz- und Mobiltelefonie: "Lineare Fernsehsender sind wie ein Festnetzanschluss: zuverlässig, vertraut, billig. Aber das Wachstum, das findet bei der Mobiltelefonie statt, also in unserem Fall bei Netflix und ähnlichen Angeboten."

Netflix-Produktion "House of Cards" auf einem TV-monitor | Bildquelle: AFP
galerie

"House of Cards" - ein Supererfolg für Netflix. Fans können sich schon auf die zweite Staffel freuen. Sie ist in Arbeit.

Suche nach der reinen Form des Geschichten-Erzählens

Das hat natürlich am Ende auch Auswirkungen auf die Inhalte, also die Filme und Serien selbst. Hastings sagt große Veränderungen voraus: "Heute muss jede Fernsehserie alle 22 Minuten eine Werbepause haben. Mit Netflix können wir das ändern: Die Folgen einer Serie können ganz unterschiedlich lang sein, wie Kapitel eines Buchs. Dann folgt die Erzählung dem natürlichen Rhythmus der Geschichte, statt sich den willkürlichen Standards des  Werbefernsehens zu beugen. Und so kommen wir zu einer reinen Form des Geschichten-Erzählens. Danach suchen wir."

Noch ist "House of Cards" bei den Emmys nur nominiert. Doch egal, ob die Serie im September, wenn die Preise vergeben werden, erfolgreich ist: Die angeblich 100 Millionen Dollar Produktionskosten haben sich für Netflix offenbar schon gelohnt. Experten schätzen, dass die Firma allein mit dieser Serie drei Millionen neue Kunden angelockt hat. Eine zweite Staffel wird gerade produziert.

Darstellung: