Eine Frau hält sich ein Tuch auf eine Kopfwunde | Bildquelle: REUTERS

100 Tage nach dem Erdbeben in Nepal Wunden, die nicht heilen

Stand: 02.08.2015 17:24 Uhr

Hundert Tage sind seit dem schweren Erdbeben im Himalaya vergangen. Die Naturkatastrophe hat das Leben des Bergbauern Nanda Thami für immer verändert. Er gehört zu den mehr als 20.000 Verletzten, die sich zurück ins Leben kämpfen müssen. Eine Reportage.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi, zzt. Kathmandu

Nanda liegt regungslos im Bett. Das Atmen strengt ihn an, er klagt über Druck im Brustkorb. Es fällt ihm schwer zu begreifen, dass das Erdbeben sein Leben für immer verändert hat.

Nanda im Krankenbett (Bildquelle: Sandra Petersmann)
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Kann seine Beine nicht kontrolliert bewegen: Der Bergbauer Nanda Thami.

"Ich weiß nicht, ob ich meine Beine zurückkomme. Ich weiß nicht, was hier mit mir passiert. Manchmal zittern meine Beine. Dann ist es so, als ob ich was fühle. Dann sehe ich, dass sich meine Beine bewegen können. Und das macht mich glücklich", sagt der ehemalige Bergbauer.

Doch Nanda wird seine Beine nicht zurückbekommen. Seine Muskelzuckungen sind unkontrolliert. Spastisch. Er ist seit dem Erdbeben am 25. April querschnittsgelähmt. Sein Haus brach über ihm zusammen, ein Stützbalken traf seinen Nacken und schädigte das Rückenmark im Bereich der Halswirbel C6 und C7. "Ich liege hier rum und frage mich, wie es weitergehen soll. Wenn ich gesund wäre, würde ich zurück in mein Dorf gehen und auf meinem Feld arbeiten", sagt Nanda.

"Ich vermisse meine Kinder sehr"

Es ist Regenzeit in Nepal. Zeit für den Reisanbau. Nanda kennt nichts anderes. Der Bauer stammt aus einem kleinen Bergdorf mit 200 Familien. Als sein Haus über ihm einstürzte, zogen ihn Nachbarn aus den Trümmern. Sie trugen ihn einen Tag lang bergab zur nächsten Straße.

Nanda mit Frau Hast und Tochter Hira (Bildquelle: Sandra Petersmann)
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Leben im Krankenhaus: Nanda mit Frau Hasti und Tochter Hira.

Die gefährliche Busreise nach Kathmandu dauerte weitere zwei Tage. Nandas Frau Hasti und seine zweijährige Tochter Hira sind bei ihm. Seine anderen drei Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren sind bei den Großeltern im Bergdorf zurückgeblieben. Es gab ein zweites schweres Erdbeben am 12. Mai. Und unzählige Nachbeben.         

"Ich habe Angst um meine Kinder. Aber ohne Beine kann ich ihnen nicht helfen. Wir haben keinen Kontakt nach Hause. Ich vermisse die Kinder sehr", sagt Nanda. Der Distrikt Dolakha, aus dem er stammt, gehört zu den am schwersten zerstörten Gebieten in Nepal. Viele Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Nandas Dorf gehört dazu. Seine Frau Hasti drängt auf eine schnelle Rückkehr. Auch ihr fällt es schwer zu begreifen, dass die Lähmung ihres Mannes für immer sein wird. Das Paar ist nie zur Schule gegangen.

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Ohne fremde Hilfe geht gar nichts

"Ich vermisse einfach alles zu Hause. Am meisten die Kinder. Ich sorge mich auch um unsere beiden Ochsen, um unsere Kuh und die Ziege. Die Kuh war trächtig", erzählt Nanda. Die beiden sind zum ersten Mal in der Hauptstadt. Nanda wurde nach seiner Ankunft in Kathmandu im nationalen Traumazentrum operiert, um seine Nackenwirbelsäule zu stabilisieren. Jetzt liegt er im einzigen Wirbelsäulenrehabilitationszentrum des Landes, das sich über Spenden finanziert.

Chanda Rana ist für seine Physiotherapie verantwortlich. Er bräuchte eine intensive Therapie, doch die überfüllte Klinik kann nur 15 Minuten am Tag pro Patient leisten. "Nanda versucht sich zu orientieren und seine Querschnittslähmung zu verstehen. Er ist zurzeit in seiner eigenen Welt verloren", erklärt Rana. "Wir versuchen seiner Frau Hasti beizubringen, was es bedeutet, einen Querschnittsgelähmten zu pflegen. Sie muss ihm mit seinem Urin und Kot helfen, Infektionen und Wundliegen vermeiden, die Zeichen einer Komplikation frühzeitig erkennen." Es sei sehr wichtig, dass sie ihre Rolle verstehe.

Selbst das Rollstuhlfahren fällt schwer

Nanda Physiotherapie
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Nanda bräuchte eine intensive Therapie - aber die gibt es nicht.

Nanda soll lernen, sich im Bett selber zu drehen und aufzusetzen. Vielleicht wird er sich auch einmal selbständig im Rollstuhl bewegen können, obwohl auch seine Arme und Hände bewegungseingeschränkt sind. "Meine Hände tun sehr weh. Meine Hände und meine Arme werden kleiner. Der Rollstuhl ist anstrengend. Als ob sich die Erde um mich dreht. Es fällt mir schwer, zu sitzen. In meinem Dorf ist so ein Rollstuhl nutzlos", klagt der Bauer.

Dennoch klammern sich Nanda und Hasti an die Rückkehr. Wie sich die Familie langfristig versorgen will, ist unklar. Die Shanti-Hilfe aus Dortmund, die sich seit über 20 Jahren um behinderte Menschen in Nepal kümmert, hat ihre Hilfe angeboten.

Infektionsgefahr bei Rückkehr ins Dorf

Heiko Grosspietsch, aktiv bei der Shanti-Hilfe und gelernter Physiotherapeut, kennt das Risiko. "Selbst wenn man ihn in sein Dorf tragen würde, wäre er in einer Umgebung eingesperrt, auf engstem Raum, wo er sich nicht fortbewegen könnte, wo er keine Chance auf irgendwelche Hilfe hat, zum Beispiel für einen Katheter- Wechsel. Eine Katheter-Versorgung bringt auch eine Infektionsgefahr mit sich", sagt Grosspietsch.

Man könne einen Katheter nur eine gewisse Zeit lang tragen. Der Katheter müsse dann gewechselt werden. "Alleine an den Katheter-Beutel zu kommen dürfte dort unmöglich sein. Wenn er dorthin zurückkehren sollte, sehe ich für ihn keine Überlebenschance", fügt Grosspietsch an.

Das trifft auf viele der mehr als 22.000 Verletzten zu, denen das große Himalaya-Beben ihr altes Leben unwiederbringlich geraubt hat. Nur für die wenigsten gibt es professionelle Hilfe.      

Nanda aus Nepal kämpft um sein Leben
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
02.08.2015 16:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. August 2015 um 19:15 Uhr.

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