Zwei Bewohner des nepalesischen Dorfes Barpak sitzen in den Trümmern von Häusern, die beim Beben vor zwei Jahren zerstört wurden.

Nepal - zwei Jahre nach dem Beben Die Trümmer sind geblieben

Stand: 25.04.2017 05:23 Uhr

Am 25. April 2015 bebte in Nepal die Erde - die Folgen: fast 9000 Tote, Hunderttausende zerstörte Häuser. Im Dorf Barpak sind die Spuren des Bebens noch allgegenwärtig. Trümmer, Notunterkünfte. Es fehlt an Geld, an Organisation und immer mehr an Zuversicht.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Kesh Bahadur wollte nicht auf die Regierung warten. Vier Monate lang hatte seine Familie nach dem Erdbeben unter einem Stück Wellblech ausgeharrt. Der Monsunregen setzte allen zu. Keshs Bruder starb an Tuberkulose.

"Nach der Regenzeit beschlossen wir, unser Haus so schnell wie möglich wieder aufzubauen", erzählt Kesh. Aus den Trümmern fischte er alles Brauchbare. Hilfsorganisationen lieferten weiteres Wellblech für ein Dach, und das restliche Geld lieh sich der Familienvater bei privaten Kreditvermittlern. Die Geldverleiher haben seit dem Beben Hochkonjunktur. "Von der Regierung gab es noch nichts, als wir mit dem Wiederaufbau begonnen haben. Wir haben einfach angefangen - mit dem, was wir hatten", sagt Kesh weiter.

Wie bauen, wenn das Geld fehlt?

Es dauerte ein Jahr, bis die Behörden 500 Euro zahlten - die erste Rate für alle Erdbebenopfer in Nepal. Eigentlich steht jetzt, weitere zwölf Monate später, die zweite Rate an: 1500 Euro. Eine weitere soll im nächsten Jahr folgen. "Aber ich befürchte, dass ich das Geld nicht erhalten werde", meint Kesh. "Die Techniker sagen, ich hätte mich nicht an die Vorgaben der Regierung gehalten. Das Haus sei nicht sicher genug. Soll ich jetzt alles wieder abreißen? Ich brauche das Geld. Sonst kann ich meine Schulden nicht bezahlen."

Kesh wohnt in Barpak, einem Dorf auf zweitausend Metern Höhe, zehn Autostunden von der Hauptstadt Kathmandu entfernt, davon vier Stunden im Jeep auf abenteuerlichen Bergpfaden. Barpak war 2015 das Epizentrum des Erdbebens in Nepal. So gut wie alle 800 Häuser wurden zerstört. 70 Menschen starben. Die meisten überlebten nur, weil sie zum Zeitpunkt des Bebens auf den Feldern arbeiteten.

Vielen geht es jetzt wie Kesh. Die Vorgaben der Regierung für den Bau einfacher, erdbebensicherer Häuser erreichten Barpak erst anderthalb Jahre nach dem Beben, da standen viele Rohbauten schon wieder. Nur passen sie nicht zu den Bauplänen der Behörden, die zum Beispiel mehr und dickere Stützpfeiler vorsehen.

"Sie können die Häuser doch nicht wieder abreißen"

Und so ist Ram einer der Buhmänner in Barpak. Der 26 Jahre alte Ingenieur kam im Dezember hierher. Die Wiederaufbaubehörde hat ihn geschickt, um die Häuser abzunehmen und grünes Licht für die nächsten Raten an Hilfsgeldern zu geben. Aber Ram hat die Nase voll. Der Lohn sei schlecht, für die Unterkunft müsse er selbst zahlen. Und richtig helfen kann er den Menschen in Barpak auch nicht.  

"Die Leute können die Häuser ja nicht schon wieder abreißen. Sie haben viel Geld da reingesteckt, der Transport der Materialien hierher war extrem aufwändig. Es ist schwer, den Leuten zu erklären, dass ihre Häuser nicht den Regeln entsprechen", sagt Ram.

Die Wiederaufbaubehörde in Kathmandu sagt, man arbeite derzeit an Plänen, Häuser wie das von Kesh nachzurüsten. In Nepal herrscht ein politisches Chaos: Die Behörden gelten als ineffizient, die Wiederaufbaubehörde erhielt erst im Januar einen neuen Chef. Und es fehlt an Fachkräften. Erst 17.000 Häuser wurden nach offiziellen Angaben wieder aufgebaut. Das Beben hatte 800.000 Familien obdachlos gemacht.

Selbst der Weg ins Krankenhaus wird zum Problem

Maya  harrt ebenfalls noch in einem Wellblechverschlag aus, gemeinsam mit der Familie ihrer Tochter. Auf den Trümmern des alten Hauses spielen Mayas Enkel. Sie selbst kann ohne Krücken nicht mehr gehen. "Wir würden ja gerne wieder aufbauen", meint sie, "aber wir haben kein Geld".

Die erste Rate der Regierung musste Maya für Fahrten ins Krankenhaus ausgeben. Ein Jahr lang wurde sie dort behandelt. Maya hatte es während des großen Bebens nicht rechtzeitig aus dem Haus geschafft. Sie wurde nach vier Stunden von Nachbarn entdeckt. Sie lag unter Steinen eingeklemmt, ein Bein war gleich mehrfach gebrochen. Mayas Tochter ist Tagelöhnerin, aber Jobs sind rar hier oben in den Bergen. Solange die Familie nicht mit dem Wiederaufbau beginnt, wird es kein weiteres Geld von der Regierung geben.

Ein kleiner Junge steht auf einem Trümmerhaufen und blickt in die Ferne.
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Es fehlt an Geld, um die Häuser wieder zu errichten.

"Dabei muss ich wieder ins Krankenhaus. Die Ärzte müssen Stahlplatten entfernen", sagt Maya. Wie sie das bezahlen soll, weiß sie noch nicht. Schon die Fahrt hinunter ins Tal ist eigentlich zu teuer - den alten, klapprigen Bus, der manchmal vorbeikommt, kann sie mit ihrem kaputten Bein nicht nehmen.

Und trotzdem kichert Maya. Sie will nicht, dass ihre Enkel etwas von den Problemen mitbekommen. Die alte Dame ruft die Kinder zum Abendessen in den Wellblechverschlag. Es gibt Linsen, wie fast jeden Tag.

Nepal: Neue Ziegeleien und bessere Luft
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
25.04.2017 00:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. April 2017 um 05:48 Uhr

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