Demonstranten in Philadelphia halten Schilder gegen Trump in die Höhe. | Bildquelle: dpa

Nach Charlottesville Wie das Silicon Valley Nazis blockiert

Stand: 17.08.2017 09:03 Uhr

Nach den rassistischen Protesten und dem Auto-Anschlag von Charlottesville reagieren Tech-Unternehmen und sperren Neonazi-Webseiten. Aber auch Unternehmen wie Airbnb und Paypal blockieren offensichtlich Rechtsradikale.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Vergangenen Samstag in Charlottesville: Robert Ray dürfte Mitte 50 sein. Er trägt einen Vollbart, Brille und eine beigefarbene Baseballmütze. Ray ist Reporter für den "Daily Stormer". Der bierbauchige Neo-Nazi brüstet sich in einer Reportage des Pay-TV-Kanals HBO damit, dass der "Daily Stormer" den Protestmarsch mit organisiert und koordiniert habe: "Heute können Sie endlich sehen, dass wir gegenüber dem  anti-weißen, anti-amerikanischen Abschaum in der Überzahl sind. Und irgendwann sind wir so stark, dass wir die Straßen von ihnen säubern können. Für immer. Denn das, was in weißen Ländern entartet ist, wird rausgeschmissen."

Unternehmen reagieren schnell

Es dauert nur wenige Stunden, dann ist die Website des "Daily Stormer" nicht mehr zu erreichen - die bis dato wohl größte Neonazi-Internetseite der USA. Ungewöhnlich schnell und geschlossen reagieren die Tech-Unternehmen des Silicon Valley.

Robert Ray arbeitet für den rechtsradikalen "Daily Stormer"
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Robert Ray arbeitet für den rechtsradikalen "Daily Stormer"

Bei GoDaddy, einem der größten Massenhoster der USA, hat die Nazi-Seite ihren Namen registriert. Am Montag lässt Blake Irving, Chef von GoDaddy, den "Daily Stormer" abschalten. Im US-Fernsehen CNBC erklärt er dazu: "Wenn eine Linie überschritten ist, wenn Gewalt propagiert wird, dann haben wir eine Verpflichtung, die Seite vom Netz zu nehmen."

Google lehnt Übertragung ab

Die Macher des "Daily Stormer" versuchen daraufhin, ihre Website zu Google zu übertragen. Doch das Suchmaschinen-Unternehmen lehnt ab. Dann taucht der "Daily Stormer" plötzlich in Russland auf - mit einer ru-Adresse. Doch nach wenigen Stunden ist auch diese Website offline.

Der Grund: Cloudflare in San Francisco, ein Dienstleister, der Internetseiten gegen Angriff schützt, entzieht der Nazi-Seite seine Dienstleistung. Die bestand bislang darin, beliebig viele Kopien der Internetseite bereit zu halten, auch wenn der eigentliche Server, auf dem die Daten liegen, angegriffen wird.

Doch die Auseinandersetzung zwischen Nazis und Gegnern wird auch in sozialen Netzwerken ausgetragen. Allen voran Facebook. Stunden nach der Auto-Attacke von Charlottesville wird ein Artikel des "Daily Stormer" auf Facebook geteilt. In dem Text wird die getötete junge Frau verunglimpft.

Facebook löscht Artikel und Links

Facebook reagiert und lässt den Text sowie alle Links auf den Artikel löschen. "Das ist für Facebook sehr ungewöhnlich", sagt Russel Brandom vom Tech-Blog "The Verge". "Vor allem musste Facebook zehntausende Links und Verweise überprüfen. Das erfordert sehr viel manuelle Arbeit, weil man unzählige Einträge anschauen und kontrollieren muss."

Bislang hat sich Facebook häufig darauf zurückgezogen, kein Medienunternehmen zu sein. Man wolle die Artikel und Beiträge seiner Nutzer nicht zensieren. Es gelte die Freiheit der Meinung. Dafür musste sich das soziale Netzwerk in der Vergangenheit viel Kritik anhören: Man lasse Neonazis freien Raum, während man die Darstellung von Nacktheit - zum Beispiel stillende Mütter - verbiete.

Neue Haltung oder nur Kosmetik?

Viele Tech-Unternehmen des Silicon Valley haben es sich in der Vergangenheit einfach gemacht und auf den ersten Zusatzartikel in der US-Verfassung berufen. Dieser garantiert unter anderem Meinungsfreiheit. Das könnte sich mit Charlottesville geändert haben. Brandom fragt sich allerdings, ob diese neue Haltung gegenüber Nazis und Rechsextremisten Bestand haben wird. "Es gibt andere Facebook-Nutzer, die ebenfalls eine Neonazi-Überzeugung vertreten. Was passiert mit deren Nutzerkonten? Wird Facebook ähnlich streng gegen sie vorgehen? Oder handelte es sich nur um eine außergewöhnliche einmalige Aktion, und man kehrt wieder zur bisherigen Grundlinie zurück?"

Zuckerberg spricht von "Schande"

Facebook-Chef Mark Zuckerberg meldet sich zu Wort. Er sagt, es sei eine Schande, dass man heutzutage immer noch erklären müsse, dass Nazis und Rassisten böse seien. Sein Netzwerk werde künftig noch stärker gegen Artikel und Links vorgehen, in denen zu Gewalt aufgerufen werde.

Aber nicht nur Facebook, Google und GoDaddy reagieren. Der Zahlungsdienstleister Paypal zum Beispiel wickelt keine Überweisungen mehr von Neonazis ab. Apple hat sein Bezahlsystem für Händler von Nazi-Kleidung oder Devotionalien ebenfalls gesperrt. Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder GoFundMe lehnen seit gestern Spendenkampagnen zugunsten des mutmaßlichen Attentäters von Charlottesville ab. Airbnb, die Wohnungs- und Zimmervermittlung, vermietet nicht mehr an offensichtlich Rechtsradikale.

Silicon Valley überdenkt Umgang mit rassistischen Inhalten
Marcus Schuler, ARD Los Angeles
17.08.2017 08:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. August 2017 um 05:54 Uhr.

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