Blick auf den Container-Hafen Gioia Tauro | Bildquelle: picture alliance / AA

Mafia-Prozess in Norditalien Erfolgsmodell 'Ndrangheta

Stand: 23.03.2016 10:48 Uhr

Es ist der bisher größte Mafia-Prozess im Norden Italiens: 147 Angeklagte müssen sich vor Gericht verantworten. Das Besondere: es geht um die 'Ndrangheta, die eigentlich im Süden verwurzelt ist - aber sich mehr und mehr ausdehnt.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Von allen Spielarten der Mafia in Italien ist die 'Ndrangheta am erfolgreichsten. Die Organisation aus Kalabrien konnte in den letzten Jahren ihre Macht beträchtlich steigern, schon allein wirtschaftlich: Einer Studie zufolge, die das Sozialforschungsinstitut Demoskopia vor zwei Jahren veröffentlicht hat, macht die 'Ndrangheta einen Jahresumsatz von rund 53 Milliarden Euro, das sind etwa 3,5 Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes. Und auch wenn die Clans noch immer tief in Kalabrien verwurzelt sind: Die Organisation ist längst zu einem global Player geworden, mit schätzungsweise 60.000 Mitgliedern in 400 Untergruppen (den 'Ndrine), die in 30 Ländern aktiv sind.

Blick auf den Container-Hafen Gioia Tauro | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
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Hier schlägt die ’Ndrangheta Kokain um: der Container-Hafen Gioia Tauro

Klassische Mafia-Geschäfte sorgen für Umsatz

Das große Geschäft ist der Drogenhandel: Die 'Ndrangheta ist gewissermaßen zum wichtigsten Großhändler für Kokain in Europa geworden. Man pflegt beste Verbindungen zu den Drogenkartellen Südamerikas. Viele Lieferungen werden über den kalabrischen Containerhafen Gioa Tauro abgewickelt - allein zwischen Mitte 2013 und Mitte 2014 haben italienische Ermittler dort mehr als 1400 Kilogramm Kokain beschlagnahmt. Der Umschlag über diesen Hafen, der als von den Clans kontrolliert gilt, dürfte um ein Vielfaches höher sein. Auch andere, klassische Mafia-Geschäfte tragen zum großen Umsatz der 'Ndrangheta bei: Erpressung, Korruption, Glückspiel, Waffenhandel und Prostitution.

Ein Schild auf der italienischen Autostrada gibt die Richtung nach Salerno, Reggio Calabria, Roma (Rom), Casoria, Avellino und Bari an | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Ein Schild auf der Autostrada 3: Sie wird seit mehr als 50 Jahren gebaut - und schon genauso lange nicht fertig - auch dank der Mafia.

Eine Baustelle für ein neues Haus in Italien | Bildquelle: picture alliance / Lars Halbauer
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Auch im klassischen Baugeschäft ist die 'Ndrangheta aktiv.

Lukrative Baugeschäfte

Sehr lukrativ sind auch die Baugeschäfte: Immer wieder schaffen es die Clans, mit von ihnen kontrollierten Unternehmen große Bauaufträge an Land zu ziehen. Richter aus Reggio Calabria konnten beweisen, dass sich die Clan-Familien beispielsweise die einzelnen Bauabschnitte der Autobahn zwischen Salerno und Reggio Calabria regelrecht aufgeteilt haben. Die A3 ist in Italien berühmt-berüchtigt und wird l’autostrada infinita, die unendliche Autobahn genannt, weil sie auch nach mehr als 50 Jahren Bauzeit immer noch nicht fertig ist. Kein Wunder, denn solange gebaut wird, bringen die Clans ihre Anhänger in Arbeit und können kassieren.

Prozess in Reggio Emilia

Als besonders bedrohlich gilt, dass die 'Ndrangheta ihre enorme wirtschaftliche Macht schon längst in der legalen Wirtschaft einsetzt. Ausdruck dessen ist auch der aktuelle Prozess in Reggio Emilia mit weit über 100 Angeklagten - darunter der ehemalige Fußballer Vinzenzo Iaquinta. In Emilia Romagna hatten die Clans am Wiederaufbau nach dem schweren Erdbeben 2012 mitverdienen wollen und Gemeinden unter Druck gesetzt.

alt Vincenzo Iaquinta  | Bildquelle: dpa

Mafia-Prozess

Im bisher größten Mafia-Prozess Norditaliens müssen sich ab heute 147 Angeklagte vor Gericht verantworten. Im Visier der Justiz steht die 'Ndrangheta. Unter den Angeklagten ist auch der italienische Fußballweltmeister Vincenzo Iaquinta (Foto). Dem 36-jährigen ehemaligen Stürmer werden illegaler Waffenbesitz und Unterstützung der Mafia vorgeworfen. Sein Vater wird verdächtigt, Mitglied der Verbrecherorganisation zu sein. Iaquinta weist jegliche Vorwürfe zurück.

Zu den Verdächtigen zählen 25 Gefängnisinsassen sowie zahlreiche Beamte, Politiker, Handwerker, Unternehmer und Journalisten. Die Staatsanwaltschaft lastet ihnen klassische Mafia-Verbrechen wie Mord, Geldwäsche, Erpressung, Korruption und Stimmenverkauf für Kommunalwahlen an. Für den Mega-Prozess wurde im Gericht von Reggio Emilia eigens eine sogenannte Aula Bunker eingerichtet, ein riesiger Gerichtssaal der höchsten Sicherheitsstufe.

Investitionen erleichtern die Geldwäsche

Die Clans investieren in Unternehmen in Norditalien, aber beispielsweise auch in der Schweiz und in Deutschland. Diese Beteiligungen bringen neue Einnahmen und Erleichtern die Geldwäsche der illegalen Milliardeneinnahmen. Diese Art der Mafia hat nichts mehr mit lokaler Kriminalität in ländlichem Raum zu tun. Hier kommen professionelle, höchst anpassungsfähige Manager zum Einsatz - in Italien spricht man von der "weiße-Kragen-Mafia".

Kalabrien bleibt das Stammland

Bei all der Expansion und den globalen Geschäften bleibt Kalabrien das Stammland der 'Ndrangheta. Hier werden die Anhänger rekrutiert, hier übt die Organisation physische Kontrolle aus. Nirgendwo in Italien gibt es so viele Akte der Einschüchterung gegenüber Politikern oder Verwaltungsbeamten wie in Kalabrien. Allein in diesem Jahr wurden bereits über 20 Fälle zur Anzeige gebracht. Zugesandte Patronen, abgebrannte Autos, ein blutiger Tierkopf auf dem Schreibtisch. Die Dunkelziffer dieser Bedrohungen ist wesentlich höher, sagen Experten. Tausende, vielleicht Zehntausende Straftaten gehen in Kalabrien in den letzten Jahren auf das Konto der 'Ndrangheta.

In Kalabrien pflegt die 'Ndrangheta denn auch eine besondere Nähe zur Politik - das sichert den Einfluss und sorgt für neue, lukrative Geschäfte. Die Politiker, die mitspielen, können mit Wählerstimmen rechnen. Seit dem Frühjahr 2013 wurden insgesamt 25 Gemeinderäte wegen Infiltration durch die 'Ndrangheta aufgelöst und die Gemeinden zwangsverwaltet. 2012 war das mit Reggio Calabria erstmals einer Provinzhauptstadt passiert. Von den fast 200.000 Einwohnern dort soll jeder Zehnte mit der Organisation verbunden sein.

Eine weggespülte Straße in der Region Benevento | Bildquelle: picture alliance / Lars Halbauer
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Eine weggespülte Straße in der Region Benevento

'Ndrangheta als Ersatzstaat

Die 'Ndrangheta konnte sich auch deshalb so ausbreiten, weil sich der italienische Staat jahrzehntelang zu wenig in Süditalien engagiert hat. Die Infrastruktur ist vielerorts desaströs, die Wirtschaft entsprechend schwach. Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht Werte von über 50 Prozent. So kann sich die `Ndrangheta als Ersatzstaat profilieren, indem sie Probleme löst und Menschen in Arbeit bringt.

Erschwerend kommt hinzu, dass in Kalabrien der Kulturwandel bislang ausgeblieben ist, der zum Beispiel in Sizilien dazu geführt hat, dass dort ein zivilgesellschaftliches Engagement gegen die Mafia entstehen konnte. So genießt die 'Ndrangheta in weiten Teilen der Bevölkerung ein hohes Ansehen, Gegeninitiativen haben es schwer - und die Zahl der Überläufer, die mit den Polizeibehörden kooperieren und die Spirale des Schweigens brechen, ist verschwindend gering.

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