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Mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher Csatáry
Aufgespürt nach 67 Jahren
Er lebte unbehelligt mitten in Budapest: Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher Csatáry ist von britischen Reportern in der ungarischen Hauptstadt aufgespürt worden. Doch noch ist ungewiss, wie die Justiz nun mit dem Mann verfährt, der an der Deportation Tausender Juden beteiligt gewesen sein soll.
Von Christoph Peerenboom, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa
In Socken und im Unterhemd öffnete László Csatáry die Tür, als Reporter des britischen Boulevard-Blatts "Sun" bei ihm klingelten. Offensichtlich hatte er keinen Besuch erwartet, hier, in einem kleinen Appartment mitten in Budapest.
"Gehen Sie weg", soll er gesagt haben. Und auf den Vorwurf, er sei an Gräueltaten während der Nazi-Zeit beteiligt gewesen, lautete seine Antwort: "Das will ich nicht diskutieren, das habe ich nicht getan."
97 Jahre ist Csatáry alt und körperlich offenbar noch in recht guter Verfassung. Andere Fotos zeigen ihn mit Einkaufstüten in der Hand beim Bummel durch Budapest, bekleidet mit kariertem Jackett, Hemd und Schirmmütze.
Mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher Csatáry in Ungarn entdeckt
C. Peerenboom, ARD Wien
16.07.2012 12:48 Uhr
Weltweit gesucht
Auf der Liste der weltweit meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher steht dieser Mann ganz oben: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem legt ihm Taten zur Last, die er während des Zweiten Weltkriegs begangen haben soll, als Polizei-Kommandeur in Kosice, im ungarisch besetzten Teil der Slowakei. Dort soll er maßgeblich daran mitgewirkt haben, dass mehr als 15.000 Juden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Immer wieder ist von seiner besonderen Grausamkeit die Rede.
Dass Csatáry jetzt offenbar entdeckt wurde, ist jahrelangen Recherchen des Simon-Wiesenthal-Zentrums zu verdanken. Im Rahmen der Aktion "Letzte Chance" versucht man dort, die letzten noch lebenden NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu stellen.
Im Fall Csatáry war es offenbar ein Informant, der gegen Belohnung den entscheidenden Hinweis gab, wo sich der Gesuchte aufhält. Gestützt auf diese Recherchen machten die britischen Zeitungsreporter dann die Wohnung des Mannes in Budapest ausfindig.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Csatáry nach Kanada abgesetzt und dort als Kunsthändler gearbeitet. In den 90er-Jahren dann wurde seine Vergangenheit bekannt - er verlor die kanadische Staatsbürgerschaft, verließ das Land und tauchte unter.
Prozess vorerst ungewiss
Wie der Fall nun weitergeht, ist offen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum fordert, Csatáry in Ungarn vor Gericht zu stellen. Man habe den ungarischen Behörden die notwendigen Unterlagen dazu übergeben. Die Staatsanwaltschaft in Budapest hat sich allerdings noch nicht geäußert, wie sie jetzt weiter vorgehen will und ob sie tatsächlich einen Prozess anstrebt.
Die eingegangenen Informationen würden geprüft, heißt es in einer knappen Mitteilung, eine Untersuchung sei im Gange. Derzeit ist nicht einmal bekannt, wo sich Csatáry jetzt befindet: Ob er noch in seiner Budapester Wohnung ist, ob er sich womöglich absetzen will oder ob er offiziell verhaftet werden soll.
Der letzte große Kriegsverbrecher-Prozess in Ungarn war vor etwa einem Jahr zu Ende gegangen: Damals stand Sandor Kepiro vor Gericht. Ihm hatte die Anklage ebenfalls die Beteiligung an Mordaktionen während des Zweiten Weltkriegs zur Last gelegt. Die Richter sprachen den Mann jedoch frei - im vergangenen Herbst starb er im Alter von 97 Jahren.
Mutmaßlicher Nazi-Kriegsverbrecher Csatáry in Budapest gefunden
nachtmagazin 00:20 Uhr, Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv
Stand: 16.07.2012 13:51 Uhr
