NATO-Chef Stoltenberg in Brüssel | Bildquelle: dpa

Nach Abschuss von russischem Jet NATO-Parole: Ruhe bewahren

Stand: 25.11.2015 09:47 Uhr

Diplomatie, Deeskalation und ein kühler Kopf: Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch NATO-Mitglied Türkei mahnt die Militärallianz alle Seiten zur Ruhe. Die Lage sei ernst. Sicher ist: Der Vorfall kommt nicht nur der NATO ungelegen.

Von Kai Küstner, NDR-Hörfunkkorrespondent Brüssel

Die Lage ist ernst - das leugnet auch die NATO nicht: Auge in Auge stehen sich die Türkei und Russland gegenüber, nachdem das NATO-Mitglied einen russischen Kampfjet an der Grenze zu Syrien abgeschossen hatte. "Bloß jetzt keine weitere Verschlimmerung der Lage" - so lautet das Motto der Militärallianz in diesen auch für sie äußerst heiklen Stunden: "Ich rufe zur Ruhe und Desskalation auf. Diplomatie und Abkühlung des Konflikts sind wichtig, um die Situation in den Griff zu bekommen", mahnte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach der Krisensitzung des Bündnisses, die auf Wunsch der Türkei einberufen worden war.

Der Abschuss werde Folgen haben, hatte Russlands Präsident Wladimir Putin angedroht. Sollte er - wovon niemand ausgeht - eine militärische Antwort gegen die Türkei geben, wäre die NATO gezwungen, ihrem Partner zur Seite zu springen. Ebenfalls militärisch. Doch derzeit wird der Konflikt nicht auf der Ebene NATO-Russland ausgetragen, sondern auf der Ebene Türkei-Russland.

Nur Krach, keine Eskalation?

"Jetzt ist eine Konfrontation da", sagt Jan Techau, Sicherheitsexperte der Brüsseler Denkfabrik "Carnegie Europe". "Allerdings glaube ich, dass die auf niedrigerer Temperatur gekocht wird, als es nach Außen den Anschein hat: Russland wird viel Krach machen, wird sich empören, aber es hat kein Interesse daran, die Sache zu eskalieren."

Doch viele Fragen die Zukunft und den Vorfall selbst betreffend bleiben: Dass der russische Kampfjet den Luftraum der Türkei verletzte, ehe er abgeschossen wurde, davon geht man eindeutig auch bei der NATO aus. "Die Bewertungen, die wir von unseren Verbündeten bekommen haben, decken sich mit den von der Türkei vorgelegten Informationen", bestätigt Stoltenberg.

Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei | Bildquelle: picture alliance / AA
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Nur wenige Sekunden in türkischem Luftraum? Fakt ist: Erstmals seit 50 Jahren hat ein NATO-Mitglied einen russischen Kampfjet abgeschossen.

Abschuss kommt ungelegen

Wie aus NATO-Kreisen allerdings auch verlautet, soll der russische Kampfjet nur sehr kurz über türkischem Gebiet geflogen sein. Die Rede ist von wenigen Sekunden. Die Phase der Spekulationen und ungelösten Rätsel ist also noch lange nicht abgeschlossen. Fest steht, dass dieser Vorfall nicht nur der NATO, sondern dem Westen insgesamt äußerst ungelegen kommt - hatte doch zum Beispiel nicht nur Frankreich nach der Terror-Serie von Paris seine Angriffe auf die Milizen des "Islamischen Staats" gerade erst verstärkt.

Reaktionen aus Moskau zum Abschuss des Militärflugzeugs
tagesschau 20:00 Uhr, 24.11.2015, Udo Lielischkies, ARD Moskau

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Russland wird gebraucht

"Wenn man den 'Islamischen Staat' besiegen will, wird man das mit Luftangriffen alleine nicht bewerkstelligen können", sagt Sicherheitsexperte Techau. Aber: Diplomaten machen sich nun auch ernsthaft Sorgen um die Erfolgsaussichten der Syrien-Friedensgespräche, bei denen es auch um die Zukunft von Machthaber Bashar al-Assad geht - und bei denen Russland mit am Tisch sitzt. Diese Gespräche wiederum gelten als wichtige Voraussetzung dafür, die Terror-Milizen überhaupt eines Tages besiegen zu können. Soweit das überhaupt möglich ist. Derzeit gebe es Versuche, die Einnahmequellen des "Islamischen Staats"zu unterbrechen, berichtet Techau. Also, die Ölfelder und die Transportwege zu zerstören.

Zudem ist Frankreich damit beschäftigt, eine ganz große internationale Koalition gegen den "Islamischen Staat" zu formen. Und dafür braucht es wiederum: Russland. Wie erfolgreich die Regierung in Paris damit sein wird, ist derzeit schwer vorherzusagen. Fest aber steht: Je zerstrittener die großen Mächte in Sachen Syrien sind, um so mehr nützt das den IS-Terrormilizen.

Zweiter russischer Pilot gerettet

Eine Kommandoeinheit der syrischen Armeee hat den zweiten Piloten des abgeschossenen russischen Kampfjets in Sicherheit gebracht. Der russische Botschafter in Frankreich, Alexander Orlow, bestätigte in einem Radiointerview, dass der Pilot von der syrischen Armee gerettet worden sei. Nähere Angaben machte er nicht. In Medienberichten hieß es, der Soldat habe sich auf von Rebellen kontrolliertem Gebiet befunden und sei auf einen russischen Stützpunkt bei Latakia gebracht worden. Der andere Pilot war nach russischen Angaben ums Leben gekommen. Rebellen hatten auf die Piloten geschossen, während diese versuchten, sich mit dem Fallschirm aus der abstürzenden Maschine zu retten.

NATO-Krisensitzung im Zeichen der Sorge vor Eskalation
K. Küstner, NDR Brüssel
25.11.2015 00:54 Uhr

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