NATO-Pläne

Gegen die offene Flanke im Osten

Stand: 06.11.2017 04:26 Uhr

Russlands großes Zapad-Militärmanöver hat die Sorgen Polens und der Balten zuletzt wieder genährt - und auch eine NATO-Analyse kommt zu dem Schluss, dass die Mitglieder in Osteuropa einem Angriff wenig entgegenzusetzen hätten. Neue Strukturen sollen das nun ändern.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Es geht nicht um die Stationierung neuer Raketen und es geht auch nicht um die Aufrüstung der Truppen in Osteuropa - doch die Tragweite der jüngsten NATO-Pläne ist mindestens ebenso bedeutsam: Das Bündnis plant, seine Hauptquartier-Architektur neu zu gestalten. Einen entsprechenden Beschluss sollen die NATO-Verteidigungsminister diese Woche fällen, wie Bündnis-Sprecher Piers Cazalat auf Nachfrage bestätigte: "Ganz oben auf der Agenda steht eine Entscheidung, die wir zum Thema 'Weiterentwicklung der NATO-Kommando-Struktur' erwarten." Konkret gehe es darum, dem Nordatlantik zusätzliche Aufmerksamkeit zu schenken und Truppen und Material in Europa einfacher bewegen zu können.

Dass sie das Bündnis für zu langsam und zu unbeweglich halten - und zwar im Vergleich mit Russland - daran hatten NATO-Militärs in letzter Zeit kaum einen Zweifel gelassen: US-General Ben Hodges beschwerte sich wiederholt über bürokratische Barrieren beim Transport von Mann und Material durch Europa und regte gar eine Art 'militärische Schengen-Zone' an.

Papierstapel reduzieren

Diesen Begriff macht sich die NATO nur ungern zu eigen. Aber im Prinzip geht es genau darum: den Papierstapel zu reduzieren, den man beim Transport eines Panzers etwa aus den Niederlanden nach Polen abzuarbeiten hat. Sicherzustellen, dass Straßen breit und Brücken stabil genug, dass Bahntrassen überhaupt vorhanden sind, um schweres Militär-Material im Ernstfall zügig von A nach B zu befördern.

Im Gespräch ist nun, dafür ein neues Hauptquartier in Europa aufzubauen, um all diesen logistischen Herausforderungen gerecht zu werden. Dass sich Deutschland als Standort für eine solche Kommandozentrale anbieten würde, darüber wird bereits spekuliert. Doch über das Wo, Wie und Wann, über Ort, Größe und Zeitpunkt möglicher neuer Befehlszentralen, werden die NATO-Verteidigungsminister jetzt noch nicht entscheiden. Erstmal geht es darum, einen Grundsatzbeschluss zum Umbau des 'Hauptquartier-Designs' zu fällen, wie es heißt.

Militärs beklagen Mängel

Welchem Ziel dies dient, liegt auf der Hand: der Abschreckung Moskaus. Ende Oktober zitierte der "Spiegel" aus einer geheimen NATO-Analyse, der zufolge das Bündnis im Moment kaum in der Lage wäre, einen russischen Angriff in Osteuropa wirkungsvoll abzuwehren. Als einer der Hauptgründe wurde die logistische Trägheit der NATO aufgeführt. Was genau die Allianz unternimmt, um die von den Militärs beklagten Mängel abzustellen, dürfte erst im Februar klar sein: Neben dem Aufbau eines neuen Hauptquartiers in Europa ist auch ein weiterer Stützpunkt im Gespräch, der die Nachschubrouten im Atlantik angesichts stärkerer russischer U-Boot-Präsenz in den Weltmeeren sichern soll.

Es ist schwer zu übersehen, dass bei der NATO - insbesondere seit der Ukraine-Krise - wieder verstärkt eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln stattgefunden hat. Die Militär-Allianz konzentriert sich - auch wenn der Afghanistan-Einsatz noch lange nicht beendet ist - wieder vermehrt auf die Verteidigung des Bündnisgebiets. Was im Klartext heißt: Sie verstärkt die Abschreckungspose gegenüber Russland. Diesen Trend wird die Neuordnung der Hauptquartier-Architektur nur noch verstärken. 

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NATO baut wegen Russland Kommando-Architektur um
Kai Küstner, NDR BRüssel
05.11.2017 23:53 Uhr