Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Einer von sieben Menschen weltweit geht hungrig zu Bett, insgesamt haben 850 Millionen Menschen zu wenig zu essen. "Eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde", sagte Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan. Was sind die Gründe für die Nahrungsmittelkrise? Wie kann man sie in den Griff bekommen? Fragen und Antworten zum Thema.
Jahrelang sind die Nahrungsmittelpreise relativ stabil geblieben. Seit drei Jahren jedoch steigen sie stark: Mais, Weizen und Reis wurden um 180 Prozent teurer. In den vergangenen zwei Monaten explodierten die Preise geradezu: So legte der Reispreis um 75 Prozent zu, der von Weizen um 120 Prozent. Beim Mais sieht es ähnlich aus.
Alle sind betroffen. Es handelt sich um eine globale Krise, betont die Umweltorganisation Worldwatch Institute. Doch Deutsche müssen nicht gleich hungern, wenn die Brötchen teurer werden. Für die rund eine Milliarde Menschen weltweit, die heute von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, ist die Krise dagegen lebensbedrohend.
Gleich eine ganze Reihe von Faktoren haben zu der Krise geführt. So nimmt die Weltbevölkerung jährlich um 75 Millionen zu. Die landwirtschaftliche Produktion hält damit aber nicht Schritt - auch verursacht durch zunehmende Umweltkatastrophen wie Dürren und Fluten, die durch den Klimawandel bedingt sind. Dazu kommt der drastisch gestiegene Ölpreis. Er hat die Kosten für die Lebensmittelproduktion nach oben getrieben.
[Bildunterschrift: Vor allem die Ärmsten der Welt leiden unter den steigenden Preisen. ]
Hauptverantwortlich für die Krise ist nach Ansicht des Chefs der Food and Agriculture Organisation, Jacques Diouf, jedoch der gigantisch gewachsene Bedarf Chinas und Indiens. Der wachsende Reichtum in diesen Staaten aber auch in weiteren Schwellenländern wie Brasilien oder Indonesien führt beispielsweise dazu, dass mehr Fleisch gegessen und mehr Milch getrunken wird. Immer mehr Äcker werden zu Viehweiden, deren Ertrag – in Kalorien gerechnet – wesentlich geringer ist. Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, werden sechs Kilo Mais benötigt. Und nach Berechnungen des Washingtoner International Food Policy Research Institutes (IFPRI) wird der Bedarf an Fleisch sich bis zum Jahr 2025 verdoppeln. China hat fast ein Viertel der Weltbevölkerung zu ernähren, aber nur sieben Prozent der Anbauflächen. Ähnlich ist die Situation in Indien. Beide Länder müssen Nahrung in großem Stil importieren.
[Bildunterschrift: Biosprit statt Reis - in Asien dienen viele Flächen nicht mehr der Nahrungsmittelproduktion. ]
Aber auch die gestiegene Nachfrage nach Biotreibstoffen – bedingt durch den hohen Ölpreis und umweltpolitische Ziele - wird für die Krise mitverantwortlich gemacht. Für IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn ist die Umwandlung von Flächen zur Nahrungsmittelproduktion in Flächen, die für Biokraftstoff bereitgestellt werden sollen, ein "Verbrechen an der Menschheit". Die Umweltschutzorganisation Greenpeace, sonst ein Befürworter grüner Kraftstoffe, hat vorgerechnet, dass für eine Tankfüllung Ethanol Getreide benötigt wird, von dem ein Mensch ein ganzes Jahr leben kann. Der vom Weltklimarat empfohlene Plan, die Beimischung von Biosprit in Tanks bis 2020 zu verdoppeln, führt nach Berechnungen des IFPRI allein zu einem Anstieg der Maispreise um weitere 72 Prozent.
Handelt es sich nur um eine kurzfristige Krise?
Fest steht: Dies ist nicht nur ein akuter Engpass, sondern eine weltweite, fundamentale Krise. "Dies ist nicht mehr nur ein Übergangsphänomen, sondern das könnte eine sehr grundsätzliche Problematik sein, mit erheblichen Auswirkungen auf Schwellen- und Entwicklungsländer und die Ernährung der Menschen", sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf der Frühjahrstagung von Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Die Welternährungsorganisation rechnet in den kommenden zehn Jahren mit einem anhaltenden Aufwärtstrend bei den Nahrungsmittelpreisen.
[Hinweis: Sie benötigen das Flash-Plugin und aktiviertes Javascript um das Video zu sehen.]
Wie kann die Not kurzfristig gelindert werden?
[Bildunterschrift: Weltbank-Präsident Zoellick warnt: Steigende Lebensmittelpreise könnten zu Aufständen führen. ]
Zunächst versucht man es mit kurzfristigen Finanzspritzen. 850 Millionen Menschen hungern weltweit. Die Weltbank sieht in 33 Ländern die Gefahr von gewaltsamen Unruhen infolge der steigenden Nahrungsmittelpreise. Weltbank und IWF fordern deshalb von Geberländern 500 Millionen Dollar, um die Lage zu entspannen. Doch für IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn steht auch fest: "In der Situation, in der die Menschen leben, brauchen sie kein Geld, sie brauchen etwas zu essen. Geld sammeln alleine, löst das Problem nicht." Es gebe einfach zu wenig Nahrungsmittel.
Nach Ansicht der Welthungerhilfe sind die Hilfszusagen von Weltbank und IWF nur ein Tropfen auf den heißen Stein und lösen das Problem allenfalls vorübergehend. Die Organisation warnt davor, die Nahrungsmittelpreise künstlich zu verbilligen. Um die unmittelbare Not der betroffenen Menschen zu lindern, seien Beschäftigungs- und Sozialprogramme sinnvoll, mit denen die ländliche Infrastruktur verbessert wird.
Wie kann man die Not langfristig lindern?
Die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, fordert, dass ein größerer Anteil der Entwicklungshilfe für die Förderung von Landwirtschaft und ländlicher Entwicklung bereitgestellt wird. "Seit über zehn Jahren beobachten und beklagen wir einen Rückgang der Mittel für die Verbesserung der landwirtschaftlichen Erzeugung in Entwicklungsländern z.B. durch Bewässerungssysteme, landwirtschaftliche Beratung und Agrarforschung." Dieser Trend müsse umgekehrt werden.
Vor einer Generation stand die Dritte Welt vor einer ähnlichen Herausforderung. Die sogenannte grüne Revolution war die Folge: Mit dem Einsatz von Dünger, Pestiziden und Hybridsaatgut konnten die Bauern ihre Ernten erheblich steigern. Jetzt wird eine zweite grüne Revolution vorgeschlagen: Mit Hilfe der Gentechnik könnte das Ernährungsproblem gelöst werden. So zumindest versprechen es die Forschungschefs von Agrarkonzernen. Die Welthungerhilfe sieht das kritisch: "Da wird über die Hintertür versucht, die Gentechnik den Entwicklungsländern aufs Auge zu drücken. Aber das ist nicht die Lösung des Problems", sagt Welthungerhilfe-Pressesprecherin Sabine Pott gegenüber tagesschau.de.
Zusammengestellt von Claudia Thöring, tagesschau.de
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW