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Libanon im Nahost-Konflikt
Droht Israel eine zweite Front im Norden?
Erst Gaza, dann Libanon - so war es 2006. Manche fürchten, auch diesmal könnte die Gewalt von der Region im Süden Israels auf den Norden überspringen. Denn die Hamas spielt auch im Libanon eine Rolle. Allerdings ist ihr Verhältnis zur Hisbollah, der dort wichtigen Kraft, heute völlig anders als 2006.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkkorrespondent Kairo
Libanons Regierung hat die Angriffe der israelischen Luftwaffe auf Gaza verurteilt. Nach den ersten Bombardements skandierten Demonstranten vor dem UN-Gebäude in Beirut Parolen gegen Israel, schwenkten palästinensische und libanesische Flaggen - sowie die der schiitischen Hisbollah, der wichtigsten Kraft im sensiblen Staatsgefüge Libanons.
"Unser Volk in Palästina beschützen"
"Wir sind hierher gekommen, um die Morde der Israelis zu verurteilen. Wir unterstützen alle die Menschen in Gaza. Das ist eine Verschwörung gegen sie und alle Palästinenser und alle Muslime", ruft eine Demonstrantin vor dem UN-Gebäude. Ein Mann sagt: "Palästinenser und Libanesen kommen zusammen, um den UN-Sicherheitsrat und andere internationale Organisationen aufzufordern, jetzt zu handeln und diese Barbarei zu beenden und unser Volk in Palästina zu beschützen."
Mehrere Hunderttausend palästinensische Flüchtlinge leben in Libanon - unter zumeist erbärmlichen Bedingungen: Die meisten der zwölf offiziell von der UNO anerkannten Lager sind überfüllte Elendsquartiere, deren Zugänge libanesische Sicherheitskräfte kontrollieren - außen. Innen herrschen jedoch die unterschiedlichsten Palästinensergruppen. Und einige von ihnen sind bis an die Zähne bewaffnet.
"Wenn jemand es macht, werden wir ihn nicht abhalten"
Ob die Hamas versuche, die bewaffneten Palästinenser im Libanon dazu zu bewegen, den Palästinensern in Gaza beizuspringen? Usama Hamdan, der offizielle Repräsentant der Hamas in Beirut, beantwortet diese Frage so: "Nein, das machen wir nicht. Und wir kritisieren auch nicht die bewaffneten Palästinenser, die in den Lagern sind, wenn sie nichts tun. Wir fordern niemanden dazu auf, über die Grenze zu gehen und zu kämpfen. Aber wenn jemand es macht, werden wir ihn nicht davon abhalten."
Eine neue Front gegen Israel im Norden?
B. Blaschke, ARD Kairo
18.11.2012 19:16 Uhr
Angst vor einem Flächenbrand
Im Sommer 2006 hatten sich die israelischen Streitkräfte und die Hamas im Gazastreifen Gefechte geliefert. Kurz darauf verschleppte die libanesische Hisbollah zwei israelische Soldaten - und plötzlich wurden die Stellungen der Hisbollah ebenfalls Ziel von israelischen Angriffen. Die Abfolge damals - erst Gaza, dann Libanon - lässt viele Menschen fürchten, dass auch der jetzige Gaza-Krieg überspringen und einen Flächenbrand auslösen könnte.
Rechnet der Hamas-Vertreter im Libanon damit, dass sich die Hisbollah in den neuen Gaza-Konflikt einmischt? "Wenn sie eine gute militärische Gelegenheit hätten, würde die Hisbollah Israel vielleicht angreifen", sagt Hamdan. "Sie fürchtet Israel nicht, aber sie braucht den richtigen Zeitpunkt."
Der richtige Zeitpunkt - wann der kommen könnte, vermögen wohl nur Vertreter der Hisbollah zu sagen. Aber die geben seit Monaten keine Interviews mehr.
Hamas von der Hisbollah als Verräterin gebrandmarkt
Klar ist, dass sich die Hisbollah als den libanesischen Widerstand gegen Israel schlechthin sieht - in einer Linie mit dem syrischen Regime und dem Iran. Lange war auch die Hamas Teil dieses Gefüges. Dann aber kamen die Umbrüche in Nordafrika und Nahost. Die Hisbollah stellte sich einmal mehr auf die Seite der Führungen in Syrien und Iran.
Die Hamas besann sich darauf, dass sie aus der ägyptischen Muslimbruderschaft hervorging, die heute auf der Seite der arabischen Revolution steht. Sie kritisierte Assad und war fortan bei den Führungen des Iran, Syriens und der Hisbollah als Verräterin gebrandmarkt.
"Erwarten Sie nicht, dass die Hisbollah ihre Raketen abfeuert"
Der Iran habe sogar die Waffenlieferungen an die Hamas eingestellt, sagt der Politikwissenschaftler Hilal Khashan von der American University of Beirut. Die iranischen Raketen, die jetzt auf Israel gefeuert werden, seien alter Bestand. "Erwarten Sie nicht, dass die Hisbollah ihre Raketen auf Israel abfeuert, um die Hamas zu unterstützen", sagt Khashan. Das sei diesmal die "Schlacht der Hamas". Die Hisbollah werde wohl kaum eine neue Front aufmachen. Hamas und Hisbollah seien heute unvereinbar, so der Politikwissenschaftler.
Und die Hisbollah wird wohl auch aus diesem Grund alles daran setzen, dass Palästinensergruppen von libanesischem Territorium aus nicht Nordisrael angreifen werden.
Stand: 18.11.2012 20:52 Uhr
