Festnahme eine Palästinensers in Jerusalem | Bildquelle: REUTERS

Gewalt in Nahost Ist das die dritte Intifada?

Stand: 10.10.2015 05:22 Uhr

Nach vielen Messerattacken von Palästinensern fragt man sich in Israel, ob eine dritte Intifada begonnen hat - und wie auf diese Art Terror zu reagieren sei. Dass die Motivation jedoch nicht Hass auf Juden sein muss, geht in der Debatte unter.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Pressekonferenz der israelischen Regierung in Jerusalem: Es herrscht Krisenstimmung nach zwei Tagen anhaltender Messer-Attacken auf Israelis, nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Städten im Kernland, die sich sonst weit weg von der inzwischen alltäglichen Gewalt wähnen: Tel Aviv, Petah Tikva, Kiryat Gat.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat die Minister für Verteidigung und Innere Sicherheit mitgebracht, und auch den Generalstabschef der Armee. Netanyahu sagt, unter anderem werde die Armee in palästinensische Städte gehen, um Terrorpläne zu vereiteln und zur Abschreckung palästinensische Wohnhäuser zerstören, in denen die Familien von Attentätern leben.

Aber das erscheint den israelischen Journalisten an diesem Abend als zu wenig: "Herr Ministerpräsident, abgesehen von ihrer Entschlossenheit: Können Sie uns sagen, ob wir mit einer Militäroperation im Westjordanland rechnen müssen, wie bei der Operation "Schutzwall" während der zweiten Intifada? Stehen wir vor der Einberufung von Reservisten?"

Premier Benjamin Netanyahu | Bildquelle: REUTERS
galerie

Bei der Pressekonferenz Netanyahus herrschte Krisenstimmung

Eine neue Art des Terrors

Die Erwartung ist groß, dass es eine militärische Antwort geben muss. Aber Netanyahu muss feststellen: Diesmal liegen die Dinge anders als beim Aufstand der Palästinenser in den 80er-Jahren, der ersten Intifada, und anders als im Jahr 2000, zu Beginn der zweiten.

"Warum sind wir mit der Operation 'Schutzwall' reingegangen? Weil es in den palästinensischen Städten organisierte Gruppen gab. Diese Netzwerke gibt es heute nicht. Es ist eine neue Art des Terrors", stellt Netanyahu fest.

Also eine dritte Intifada? Noch dazu ein neuartiger Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung im Westjordanland und die Diskriminierung in Israel? Seit Monaten wird über den Begriff der dritten Intifada diskutiert, in den israelischen und den palästinensischen Medien. Mal ist von der "stillen Intifada" der Einzeltäter die Rede. Mal schreibt etwa die Tageszeitung "Haaretz", die Intifada habe womöglich längst begonnen, und zwar schon im Sommer 2014. Da waren drei israelische Jugendliche im Westjordanland verschleppt und entführt worden, jüdische Siedler ermordeten einen jungen Palästinenser in Jerusalem. Es gab blutige Krawalle in Jerusalem.

"Attentäter am Tatort töten"

Jetzt sind es Messerattacken, vier, fünf, sechs am Tag. In einem Fall nimmt ein 19 Jahre alter Palästinenser, ein Bauarbeiter, einen Schraubenzieher und sticht auf eine Soldatin und drei weitere Passanten ein. Auf der Flucht wird er von einem Soldaten erschossen.

Verteidigungsminister Mosche Yaalon deutet das als Zeichen der Schwäche: "Messer und Molotowcocktails - zu dieser Art von Kampf kommt es, weil es die Palästinenser nicht schaffen, die Terrorbasis zu aktivieren, wie sie es vor zehn Jahren noch getan haben. Wenn wir dagegen die Armee einsetzen wollen, dann können wir das jederzeit tun. Aber im Moment sind vor allem Wachsamkeit und Entschlossenheit gefordert. Wir müssen auf jeden lokalen Angriff schnell reagieren und den Attentäter noch am Tatort liquidieren. Das ist die Antwort auf diese Art des Terrors." Für die Frage nach den Motiven der Attentäter ist kein Platz. Bei Terror steht in Israel fest: Es ist Hass auf Juden.

Festnahme eine Palästinensers in Jerusalem | Bildquelle: REUTERS
galerie

Israelische Polizei führt einen Palästinenser ab, der eine Messerattacke verübt haben soll.

In der palästinensischen Jugend gärt es

An der Universität von Birzeit, im von Israel besetzten Westjordanland, versucht der palästinensische Anthropologe Ala Alasseh zu erklären, warum junge Palästinenser zu Waffen greifen und Israelis attackieren, wobei sie damit rechnen müssen, erschossen zu werden: "Es ist das Gefühl, dass Palästinenser doch in der Lage sind, etwas zu verändern. Veränderung erreichen sie durch Handeln. Sie wollen nicht mehr auf die politische Führung oder die Weltgemeinschaft warten. Dieses Gefühl, etwas verändern zu können, ist sehr groß in der jungen Bevölkerung."

Dass es in der palästinensischen Jugend gärt, bestätigt auch der ehemalige israelische Luftwaffen-General Amos Yadlin. Er leitet heute das Institut für Nationale Sicherheitsstudien der Universität Tel Aviv. Yadlin sagt: "Weder die Hamas noch die palästinensische Autonomiebehörde haben die Erwartungen der Palästinenser erfüllen können. Deshalb hat die politische Führung keinen Einfluss mehr auf die junge Generation, die hinter dieser Terrorwelle und hinter den Unruhen steht. Aufwiegelung und Hetze mögen eine Rolle spielen. Aber entscheidend ist die politische Krise, die wirtschaftliche und soziale Not der Palästinenser und die Einsicht, dass es keine Hoffnung oder Perspektive gibt."

Unterdrückung, nicht religiöse Gefühle

Der palästinensische Anthropologe Alasseh glaubt, dass sich die israelische Politik damit einfach nicht auseinandersetzen will: "Das ist der einfachste Weg für sie, wenn sie über Palästinenser als eine Bande verrückter, religiöser Fundamentalisten sprechen. Dann werden sie sagen, wir sitzen im gleichen Boot wie der liberale Westen, der sich gegen religiösen Fundamentalismus wehrt. So wollen sie es. Aber jedem ist bewusst, dass es eher eine Frage von Unterdrückung ist, und keine Frage von religiösen Gefühlen."

In der "Haaretz" sind in dieser Woche schon die ökonomischen Folgen einer Intifada ein Thema. Die Zeitung warnt, ein neuer Aufstand der Palästinenser könnte die israelischen Unternehmen hart treffen.

Gewalt in Nahost - ist das die "dritte Intifada"?
C. Wagner, ARD Tel Aviv
10.10.2015 05:36 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: