Luftaufnahme der fruchtbaren Landschaft am Nil nahe Luxor | Bildquelle: AFP

Mythos Nil - Teil 3 Heute grün - morgen wieder Wüste?

Stand: 28.11.2017 04:52 Uhr

Ägypten besteht aus Wüste - mit einer Ausnahme: Entlang des Nils ist das Land grün und fruchtbar. In diesem schmalen Streifen leben immer mehr Menschen, die mit immer weniger Wasser versorgt werden müssen. Wie soll das gehen?

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Tröpfchenweise rinnt aus langen, schwarzen Schläuchen Wasser in den staubtrockenen Boden. Auf dem Acker bei Al Saff, gut eineinhalb Autostunden vom Zentrum Kairos entfernt, endet ein weitverzweigtes Bewässerungssystem, das Nilwasser kilometerweit ins Landesinnere transportiert.

Über immer schmaler werdende Kanäle, Pumpen, Speicherbehälter und eben jene fingerdicken schwarzen Kunststoffrohre, die Mohammed Hossein auf seinen Feldern hat auslegen lassen.

All die Mühe wäre umsonst gewesen

Mohammed Hossein war Chirurg, im Ruhestand hat er sich der Landwirtschaft zugewandt. Er besitzt einiges an Land - und Land ist für die allermeisten Ägypter ein ganz besonderes Ding. Niemals würden sie auch nur einen Quadratmeter ägyptischer Erde verkaufen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Und weil der Heimatboden auch Mohammed Hossein so wichtig ist, hat er große Sorgen.

Der sogenannte Renaissance-Staudamm in Äthiopien, so fürchtet er, werde seinen Acker wieder in Wüste verwandeln, und all die Mühe, mit der er der Ödnis Ackerboden abgerungen hat, wäre umsonst gewesen.

Fast alle Ägypter leben im Niltal

Wer über Ägypten redet, der muss früher oder später über den Nil reden. Ohne den Nil gäbe es Ägypten nicht. Das Land besteht überwiegend aus Wüste, 95 Prozent des nutzbaren Wassers im Land ist Nilwasser. Landwirtschaft wird vor allem in einem wenige Kilometer breiten Streifen entlang des Nils, im Nildelta und einigen wenigen Oasen betrieben.

Fast alle der etwa 95 Millionen Ägypter leben im Niltal. Wo kein Nil ist, ist das Land verlassen, trocken und steinig. So wie auf den Feldern von Mohammed Hossein. Man kann in der Wüste Lebensmittel anbauen - wenn man permanent bewässert. Allerdings speichert der Wüstenboden die Feuchtigkeit nicht. Das Wasser versickert schnell und löst auf dem Weg zum Grundwasser Salze aus dem Boden.

Der Nil in Kairo | Bildquelle: ARD Studio Kairo
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Der Nil in Kairo. Fast alle Ägypter leben an den Ufern des Flusses. Allein 25 Millionen wohnen nach Schätzungen in der Hauptstadt oder den Gemeinden drumherum.

"Für die Landwirtschaft nicht zu gebrauchen"

Das Grundwasser ist in Ägypten oft brackig - "für die Landwirtschaft nicht zu gebrauchen", erklärt der Landwirtschaftsberater Ahmed Abdel Hadi. Wenn die künstliche Bewässerung von Feldern in der Wüste auch nur eine Zeit lang unterbrochen wird, drückt das salzige Grundwasser nach oben und schädige die Böden auf lange Zeit. Was über Jahre künstlich begrünt wurde, werde binnen weniger Monate wieder zur Wüste - und bleibe es auch.

Mohammed Husseins Arbeiter pflanzen Bohnen. Sie drücken den Samen in die staubige Erde, Tropfen um Tropfen wird das lebensnotwendige Wasser dazugegeben. "Die ganze Zivilisation in Ägypten konzentriert sich seit jeher auf das Niltal. Wenn der Nil weniger werden sollte - das wäre eine Katastrophe."

Noch weiß niemand genau, welche Auswirkungen der 2011 begonnene Dammbau in Äthiopien wirklich haben wird. Aber das Problem wird dringender, denn die Fertigstellung des Megaprojektes ist absehbar. Problematisch für Ägypten ist die Phase, in der das riesige Staubecken hinter dem Damm mit 74 Milliarden Kubikmetern Nilwasser gefüllt wird - das ist deutlich mehr Wasser als das, was Ägypten pro Jahr nutzen kann.

Es kostet Zeit und Geld - was Ägypten nicht hat

Im ungünstigsten Fall wird das gigantische Reservoir in zwei Jahren volllaufen - dann dürften die Einbußen an Wasser für Ägypten am größten sein. Andere Prognosen rechnen damit, dass auch bei günstigeren Annahmen die landwirtschaftlich nutzbare Fläche regional unterschiedlich um 23 bis 29 Prozent zurückgehen werde. Eine Untersuchung der ägyptischen Ain-Schams-Universität kommt zu dem Ergebnis, man könne den Verlust an Wasser kompensieren, wenn eisern Wasser gespart und wiederverwertet oder Meerwasser entsalzt würde. Auch sollten die bekannten fossilen Wasservorkommen stärker genutzt werden.

All das kostet Geld und vermutlich auch Zeit. Beides hat die ägyptische Regierung nicht. Denn Ägypten hat noch mindestens ein anderes Problem: sein rasantes Bevölkerungswachstum. Jedes Jahr gibt es gut zwei Millionen Ägypter mehr. Die Familien sind groß, sechs Kinder keine Seltenheit - vor allem auf dem Land, wo Kinderreichtum nach wie vor als sinnvolle Altersvorsorge gilt. Der Staat ist nicht in der Lage, ausreichend für Arme und Alte zu sorgen, die helfen sich also selbst.  

Neubauten in Ägypten | Bildquelle: ARD Studio Kairo
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Ägyptens Bevölkerung wächst. Neue Wohnungen werden oft auch ohne Genehmigung gebaut.

60 Prozent der Lebensmittel werden importiert

Ägypten ist nach wie vor in einer schwierigen Lage. Die Ratingagentur Standard and Poor's zählt Ägypten zu den fünf wirtschaftlich schwächsten Staaten der Welt. Der Tourismus zieht zwar langsam wieder an, aber trotzdem fehlt dem Staat Geld. Die Wirtschaft krankt an hausgemachten Problemen und schnelle Besserung ist nicht in Sicht.

Heute schon importiert Ägypten geschätzt 60 Prozent der benötigten Nahrungsmittel. Fast 28 Prozent der Ägypter leben unter der nationalen Armutsgrenze, sie haben Anspruch auf staatlich subventionierte Lebensmittel. Der Staat kann es sich gar nicht leisten, noch mehr Nahrungsmittel zu importieren. Also muss die eigene Landwirtschaft ran. Aber auch das ist nicht einfach.

Bauern auf einem Feld am Nil, auf dem Schläuche für die künstliche Bewässerung leigen. | Bildquelle: ARD Studio Kairo
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Ohne künstliche Bewässerung - wie hier mit einem System von Schläuchen - würde auf den Feldern in Ägypten nichts wachsen.

Viel Wasser wird verschwendet

Mehr Menschen verbrauchen mehr Wasser. Zum Trinken, zum Waschen, für die Industrie. Mehr als 80 Prozent des Trinkwassers in Ägypten werden in der Landwirtschaft genutzt. Wer also schnell Wasser einsparen will, muss bei der Landwirtschaft sparen.

Heute schon leiden Bauern selbst im eigentlich wasserreichen Nildelta während des Sommers unter Wasserknappheit. Kirsten Nyman von der deutschen Entwicklungshilfe-Organisation GIZ betont, dass die Landwirte in Ägypten jeden einzelnen Liter Wasser, der weniger den Nil herunterfließen wird, schmerzhaft spüren werden.

Kirsten Nyman von der GIZ | Bildquelle: ARD Studio Kairo
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"Die Bauern werden jeden Liter weniger spüren", sagt Kirsten Nyman von der GIZ.

In einer Bauernschule zeigt die GIZ, wie natürliche Ressourcen in Ägypten sparsamer eingesetzt werden können. Im Nildelta wird heute oftmals noch bewässert wie zu Urzeiten: Die Felder werden einfach großflächig geflutet. 50 Prozent des Wassers werden dabei verschwendet. Aber sparen alleine wird nicht reichen. Ägyptens Bauern müssen lernen, mit weniger Wasser mehr Nahrung zu produzieren. "Wir brauchen von allem mehr, mehr Nahrung, mehr Wohnungen, mehr Wasser," sagt Landwirtschaftsberater Ahmed Abdel Hadi. "Wir brauchen auf gar keinen Fall weniger Wasser. Das führt direkt in die Katastrophe."

alt Karte: Anrainerstaaten des Nil

Reportage-Serie "Mythos Nil"

Mit fast 7000 Kilometern gilt der Nil mit seinen beiden Quellflüssen Blauer und Weißer Nil als längster Strom der Erde. Die Staaten, durch die er fließt, sind derzeit fast alle instabil.
Umso mehr setzen die Menschen dort ihre Hoffnung in den Fluss. Die einen hoffen auf Touristen, die anderen auf Einnahmen aus der Stromproduktion oder schlicht auf Trinkwasser. In einer fünfteiligen Reportage-Serie geht tagesschau.de bis Donnerstag dem "Mythos Nil" nach.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 26. November 2017 um 19:20 Uhr.

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