Nilquelle in Burundi | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi

Mythos Nil - Teil 1 Die Quelle von Afrikas Lebensader

Stand: 26.11.2017 09:37 Uhr

An seinen Ufern entstanden schon früh Hochkulturen. Heute fließt der Nil vor allem durch Krisen-Staaten. tagesschau.de widmet dem Fluss eine Reportage-Serie. Sie beginnt an der Quelle in Burundi. Die ist zwar wenig glamourös, aber trotzdem der Stolz des Landes.

Von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Wasser sprudelt aus einem Rohr in ein langes Auffangbecken. Es plätschert in einen gemauerten Kanal und fließt dann ins Tal. Die himmelblauen Kacheln des Beckens bröckeln an den Rändern, viele fehlen ganz. Die etwas heruntergekommene Konstruktion im Süden Burundis ist der Ursprung des längsten Flusses der Erde.

"1930 hat ein Deutscher mit Namen Burkhart Waldecker Ägypten besucht", erklärt Fremdenführer Nahima Nahermo. Waldecker habe die Nilmündung am Mittelmeer gesehen und sich gefragt, wo das Wasser herkomme. "Und weil er Forscher war, hat er entschieden, selbst nach der Nilquelle zu suchen." Vier Jahre habe er für den fast 7000 Kilometer langen Weg gebraucht - alles zu Fuß.

Inschrift auf einer kleinen Pyramide an der Nil-Quelle in Burundi | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi
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Auf einer kleinen Pyramide wird mit einer Gedenktafel an die Erforschung der Nil-Quelle erinnert.

Vielleicht noch ein Tourist am Tag

Stolz präsentiert Fremdenführer Nahermo die südlichste Quelle des Nils und die Mini-Pyramide, die der deutsche Forscher dort errichtet hat. Sehr oft kann er das nicht tun. Im Moment komme vielleicht ein Tourist pro Tag, erzählt er. Vor Beginn der politischen Krise im Jahr 2015 seien es zehn oder sogar 20 am Tag gewesen.

Die blutigen Proteste gegen eine dritte Amtszeit von Präsident Pierre Nkurunziza vor zwei Jahren und das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte haben hunderte Todesopfer gefordert, Hunderttausende in die Flucht getrieben - und Touristen abgeschreckt.

Nilquelle in Burundi | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi
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Tatsächlich präsentiert sich die Quelle aber wenig glamourös: Zerplatzte Kacheln, kaum Touristen.

"Nicht die Sicherheit, sondern das Image"

Heute sei die Situation aber entspannt, versichert Pierre Nkurikiye, der Sprecher des Ministeriums für öffentliche Sicherheit und der Polizei. "2015 gab es eine Rebellion in Burundi, in der Menschen auf den Straßen von Bujumbura getötet wurden. Aber diese Bewegung wurde gestoppt. Und jetzt haben wir Frieden und Sicherheit." Tatsächlich sind in der Hauptstadt nachts keine Schüsse mehr zu hören, die allgegenwärtigen Straßensperren sind verschwunden.

"Die größte Herausforderung ist nicht die Sicherheit, sondern das Image Burundis, das nicht der Realität entspricht", sagt Léonidas Habonimana, im Wirtschaftsministerium für den Tourismus zuständig. Aber die Besucherzahlen steigen langsam wieder - 33.000 in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Das bringt dringend benötigte Devisen.

alt Karte: Anrainerstaaten des Nil

Reportage-Serie "Mythos Nil"

Mit fast 7000 Kilometern gilt der Nil mit seinen beiden Quellflüssen Blauer und Weißer Nil als längster Strom der Erde. Die Staaten, durch die er fließt, sind derzeit fast alle instabil.
Umso mehr setzen die Menschen dort ihre Hoffnung in den Fluss. Die einen hoffen auf Touristen, die anderen auf Einnahmen aus der Stromproduktion oder schlicht auf Trinkwasser. In einer fünfteiligen Reportage-Serie geht tagesschau.de bis Donnerstag dem "Mythos Nil" nach.

Eines der ärmsten Länder der Welt

In Matana, eine knappe Autostunde von der Nilquelle entfernt, ist Markttag. Deus Sabimana breitet Kohlköpfe an seinem Stand aus, Avocados, ein paar Auberginen. "Das Leben ist hart, wir können gerade so überleben", erzählt er. "Keiner weiß, was morgen wird. Du kannst keine Pläne machen oder vorankommen."

Burundi ist eines der ärmsten Länder der Welt - und durch die Krise noch ärmer geworden. Der Kurs des Franc ist abgestürzt, Importe sind unerschwinglich - vor allem Benzin für den Warentransport, klagt Händlerin Jeannette Niyonizigiye. "Vor zwei Jahren waren die Dinge noch bezahlbar, aber heute sind sie teuer. Es gibt zu viel Hunger in Burundi. Alles wird jeden Tag teurer."

Markt in Matana | Bildquelle: ARD-Studio Nairobi
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Der Kurs der Landeswährung ist abgestürzt. Viele der Händler auf dem Markt in Matana können sich gerade noch über Wasser halten.

"Die Bevölkerung Burundis hat Besseres verdient"

Eine Untersuchungskommission der UN hat Burundi erst vor wenigen Monaten neue Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen - weitgehend unbewiesen, weil die Regierung jede Zusammenarbeit verweigert hat. Aber die wachsende Armut ist ganz sicher ein Verstoß gegen die Menschenrechte, so Patrice Vahard von der UN-Menschenrechtskommission. "Die Bevölkerung Burundis hat Besseres verdient als einfach damit zufrieden zu sein, dass sie immer arm war und es auch bleiben wird. Menschen werden arm gemacht. Und die wirtschaftliche Situation verbessert sich nicht, sie verschlechtert sich erheblich", sagt Vahard.

Hoffen auf Touristen aus dem Ausland

Ausländische Besucher könnten Burundi voranbringen, so wie Kenia oder Tansania. Immaculée Niyonyungu arbeitet an der Rezeption des Hotels Ou be Ben in Matana. "Ich danke Gott dafür, denn viele junge Leute haben gar keinen Job - ich habe einen", sagt Niyonyungu. "Auch wenn ich wenig verdiene, bin ich dankbar. Vielleicht bekommen wir bald so viele Kunden wie früher, und dann verdienen wir auch mehr."

Das Hotel ist das nächste an der Nilquelle, in dem Touristen komfortabel übernachten können. Seit sie wegbleiben, hält es sich gerade so über Wasser. Genau wie Fremdenführer Nahima Nahermo, der derzeit hauptsächlich von seiner Farm lebt. Aber er hofft auf eine bessere Zukunft: "Wir trainieren im Moment neue Leute, die mich ersetzen können. Ich bin 60 und werde langsam alt. Es gibt genug junge Leute, die Fremdenführer werden wollen. Es ist ein guter Job."

Mythos Nil - Die Quelle von Afrikas Lebensader
Linda Staude, ARD Nairobi
26.11.2017 12:18 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 27. November 2017 um 10:05 Uhr auf WDR 5 und auf Tagesschau24 um 11:00 Uhr.

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