Mohammed Mursi ein Jahr im Amt - ein Porträt

Porträt: Mohammed Mursi ein Jahr im Amt

Staatsmann oder Marionette?

Die Proteste zu seinem Amtsjubiläum zeigen, wie umstritten Ägyptens Präsident Mursi ist. Die Opposition sieht ihn als Marionette der Muslimbrüder. Obwohl Mursi als konservativ gilt, kommen von ihm auch überraschend moderate Töne.

Von Hans Michael Ehl, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Mursi (Bildquelle: REUTERS)
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Erinnert viele eher an einen Behördenchef als an einen Staatsmann: Mohammed Mursi

Mit dem kurzgeschnittenen schwarz-grauen Bart über dem Doppelkinn und mit der gold-gerandeten Brille erinnert Mohammed Mursi viele Ägypter eher an einen Behördenchef als an einen Staatsmann, vielen gilt er als wenig charismatisch. Während seiner politischen Karriere in der Muslimbruderschaft, der Mursi seit mehr als drei Jahrzehnten angehört, überließ er öffentlichkeitswirksame Auftritte lieber anderen. Stattdessen arbeitete er mehr im Hintergrund am Programm einer islamischen Wiedererweckung für Ägypten mit.

Zwischen 2000 und 2005, als die Muslimbruderschaft sich unter Mubarak noch nicht offiziell politisch engagieren durfte, saß er als unabhängiger Abgeordneter im Parlament. Er hielt Reden gegen die Korruption im Land und setzte sich für soziale Reformen ein. "Die wirtschaftliche Lage in Ägypten ist schlimm, viele Menschen leiden Not", sagte Mursi damals. "Um die Sauberkeit in der Öffentlichkeit ist es schlecht bestellt, unsere Straßen müssen dringend repariert werden. Wir haben doch einen Haushaltsüberschuss, was passiert hier? Das heißt doch, dass die verfügbaren Einnahmen und Ressourcen schlecht verwaltet werden."

Ein Jahr Präsident Mursi
H.-M. Ehl, ARD Kairo
27.06.2013 14:06 Uhr

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Kritik - auch mal in Gebetsform

2006 wurde Mursi zu sieben Monaten Haft verurteilt, nachdem er Mubaraks Einfluss auf die Justiz kritisiert hatte. Überhaupt trat er bei Veranstaltungen der Muslimbrüder als vehementer Mubarak-Kritiker auf - eine Kritik, die er auch schon mal in ein Gebet kleiden konnte: "Gott, festige die Füße unserer Brüder auf dem richtigen Weg, stärke ihnen den Rücken, sei mit ihnen und nicht gegen sie. Rechne ab mit dem arroganten Unterdrücker, räume in seinem Reich auf und lass seinen Thron erbeben. Du kannst das tun, Gott, du hast die Macht zu tun, was du willst."

Zwei seiner Kinder haben die US-Staatsbürgerschaft

Der Bauernsohn Mursi wurde 1951 in Sharqiya im Nildelta nördlich von Kairo geboren. Er studierte an der Kairo-Universität Ingenieurswissenschaften und arbeitete einige Jahre wissenschaftlich in den USA. Zwei seiner fünf Kinder wurden dort geboren und haben die US-Staatsbürgerschaft. Auch dort hielt er Kontakt zu Freunden der Muslimbruderschaft.

Nach seiner Rückkehr begann die Karriere in der Bruderschaft, die ihn schließlich ins höchste Amt Ägyptens brachte. Die Opposition wirft Mursi in diesem Zusammenhang vor, dass er nicht als Präsident aller Ägypter handelt, sondern einseitig die Interessen der Muslimbruderschaft vertrete. Eine beliebte Karikatur zeigt Mursi als Marionette, im Hintergrund die Führungsriege der Bruderschaft, die die Fäden zieht.

Religiös und von seinen moralischen Vorstellungen her gilt Mursi als konservativ. Vor Jahren hat er sich zum Beispiel gegen eine "Miss Egypt"-Wahl ausgesprochen. Die Auswahlkriterien verletzten die sozialen Normen Ägyptens, so sein Argument. Vor seiner Wahl zum Präsidenten trat er allerdings Befürchtungen entgegen, unter einer politischen Vorherrschaft der Muslimbrüder würden alle Ägypterinnen verpflichtet, sich zu verschleiern.

"Gott hat den Menschen die Wahl gelassen"

Mursi bei einer Rede am 15.06.2013. (Bildquelle: dpa)
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Mursi bei einer Rede Mitte Juni. In der Kopftuchfrage gibt er sich moderat.

"Einige behaupten, dass ich Frauen zwingen will, Kopftuch zu tragen. Wer hat das gesagt? Ist das ein islamisches Gesetz?", so Mursi damals. Keiner könne jemanden zwingen eine Art "Uniform" zu tragen. Gott habe den Menschen die Wahl gelassen, an ihn zu glauben oder nicht. Das sei die Freiheit des Glaubens. "Wer Kopftuch tragen will, kann das tun oder sich entsprechend kleiden. Verletzt deswegen eine Frau die Gesellschaft? Nur Gesetze können bestimmte Dinge vorgeben, nicht aber eine Person oder gar der Präsident", so Mursi.

Seine Frau Nedshlaa übrigens, die ihren Mann nur selten bei öffentlichen Auftritten begleitet, trägt ein Kopftuch - aus Überzeugung, heißt es. Eine ägyptische First Lady verschleiert, das ist ein Anblick, an den sich viele Ägypter erst gewöhnen mussten.

Über dieses Thema berichteten die Tagesthemen am 29. Juni 2013 um 23:20 Uhr

Stand: 29.06.2013 13:41 Uhr

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