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Nachruf auf den verstorbenen Medizin-Nobelpreisträger Murray

Der "Dr. Frankenstein", der viele Leben rettete

Als Joseph Murray 1954 einem Patienten die Niere dessen Zwillingsbruders einsetzte, war dies eine Sensation - und äußerst umstritten. 1990 erhielt er dafür den Medizin-Nobelpreis. Murray starb jetzt in der Bostoner Klinik, in der ihm seine medizinische Pionierleistung gelungen war.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkkorrespondent Washington

Was heute fast eine Routine-Operation ist und Hunderttausenden Patienten das Leben rettet, war 1954 äußerst umstritten. "Damals wurde ich als Dr. Frankenstein kritisiert", erinnerte sich Joseph Murray Jahre später in einem Interview des Sender NPR. "Das ist gegen den Willen Gottes", hieß es. Die Ärzte seien auf einem "Ego-Trip". "Dabei haben wir nur unsere Arbeit gemacht."

Sechs Transplantationsversuche waren bereits gescheitert, als Murray im Oktober 1954 ein besonderer Patient vorgestellt wurde: der 23-jährige Richard Herrick litt nach einer schweren Infektion unter akutem Nierenversagen. Das Besondere: Herrick hatte einen eineiigen Zwillingsbruder, der bereit war, eine seiner beiden gesunden Nieren dem Bruder zu spenden.

Erfahrungen als plastischer Chirurg im Zweiten Weltkrieg

Joseph Murray
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Ist im Alter von 93 Jahren in Boston gestorben: Der Pionier der Transplantationschirurgie, Joseph Murray.

Dass damit das Risiko einer Abstoßungsreaktion geringer war, hatte Murray schon als plastischer Chirurg im Zweiten Weltkrieg beobachtet. Damals behandelte er Soldaten mit schweren Brandverletzungen und stellte fest, dass die Verpflanzung eigener Haut erfolgversprechender war, als die eines fremden Menschen.

Aus heutiger Sicht war die doppelte Operation mit den Zwillingsbrüdern also "naheliegend", sagt Dr. Atul Gawande, ein langjähriger Weggefährte von Murray. "Doch damals dachten die Leute, es sei verrückt, einen völlig gesunden Menschen einer solch schweren Operation zu unterziehen." Zumal unklar war, ob ein Mensch mit nur einer Niere überleben könnte.

Transplantations-Pionier und Nobelpreistraeger Murray gestorben
Martin Ganslmeier, NDR Washington
27.11.2012 17:19 Uhr

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"Wir dachten nicht daran, Geschichte zu schreiben"

Doch der Pioniergeist von Murray wurde belohnt. Nach der weltweit ersten Nierentransplantation lebte sein Patient Herrick noch acht Jahre. Dass damit ein medizinischer Durchbruch gelang, war Murray allerdings nicht bewusst. "Nein, wir dachten nicht daran, Geschichte zu schreiben", so Murray, "Wir dachten, wir müssen einen Patienten retten."

Murray experimentierte weiter, um auch Spender-Nieren von nichtverwandten Menschen erfolgreich zu verpflanzen. Nach über 30 erfolglosen Versuchen gelang ihm dies 1962, nachdem er Medikamente zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktion entwickelt hatte.

Gläubiger Katholik - trotz der Anfeindungen aus der Kirche

Anfang der 70er-Jahre kehrte Murray wieder zu seinen Anfängen als plastischer Chirurg zurück. Vielen Menschen mit Missbildungen oder entstellten Gesichtern verhalf er zu einem würdevolleren Leben. Seiner Autobiografie gab Murray den bezeichnenden Titel "Chirurgie der Seele".

Auch wenn Murray in den 50er-Jahren vor allem von Kirchenvertretern heftig kritisiert wurde, blieb er zeit seines Lebens gläubiger Katholik: "Arbeit ist ein Gebet", war seine Überzeugung. Und auf seinem Schreibtisch stand als Lebensmotto "Schwierigkeiten sind Möglichkeiten".

Stand: 27.11.2012 18:28 Uhr

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