Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

10.02.2010

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
  • VideoLivestream.tagesschau 14:00 Uhr
  • Videotagesschau24.
  • VideoLetzte Sendung.tagesschau 04:55 Uhr
Inhalt
Ausland
Ein Ehepaar berichtet von seiner Terrornacht in Mumbai
Ein Ehepaar berichtet von seiner Terrornacht in Mumbai

"Warum holt uns hier keiner raus?"

Als vor einem Jahr Terroristen mehrere Anschläge in Mumbai verübten, feierte das Ehepaar Mathur gerade seinen 36. Hochzeitstag - in einem der attackierten Luxushotels. Zusammen mit anderen Gästen versteckten sich die beiden in einem Restaurant des Hotels.

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Es sollte endlich mal wieder ein schöner Abend zu zweit werden. Am 26. November 2008 sind Yogesh Mathur und seine Frau Veena seit 36 Jahren verheiratet. Sie hat Lust auf ein Club-Sandwich, er auf Fish-and-Chips und ein Bier. Ihre Wahl fällt auf das Taj Palace Hotel, genauer: auf die Sea Lounge Bar, in der jetzt - ein Jahr später - ein Pianist für Gemütlichkeit sorgt. 

Anschläge Mumbai (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Neben dem "Taj Mahal Palace"-Hotel wurde auch der Bahnhof und das jüdische Zentrum "Nariman House" angegriffen. ]
Das Ehepaar hatte das Restaurant im ersten Stock schon wieder verlassen und war eben im Begriff, die Lobby des Hotels zu durchqueren, als beide vermeintlich Feuerwerkskörper hörten. "Aus irgendeinem Grund sagte ich: da wird geschossen", erzählt die Ehefrau. "Ich war der Meinung, das sind bestimmt Gangster, die sich eine Verfolgungsjagd liefern. Ich wollte nicht in die Schusslinie geraten und wollte einfach weglaufen."

Zuflucht im Restaurant

Also ging es schnell die Treppe wieder hoch und zurück in dasselbe Restaurant, in dem die beiden eben noch gegessen hatten. Die Kellner versuchten anfangs damit zu beruhigen, dass es sich sicher nur um ein bei Hochzeitsfeiern übliches Feuerwerk handelte.

Doch dann hatte irgendjemand den Geistesblitz, alle Lichter auszuschalten. Die Gäste krochen unter die Tische - schwiegen und warteten. Der Blick war gebannt auf die einzige Tür gerichtet, wie Ehemann Yogesh Mathur erzählt. "Das Gewehrfeuer kam nicht gleichmäßig. Man hörte sporadische Schüsse - und dann wieder zwei Minuten, drei Minuten gar nichts."

Handys einziger Kontakt zur Außenwelt

Die Mobiltelefone zwar lautlos gestellt, kam dennoch keiner auf die Idee, sein Handy auszuschalten. Schließlich war es doch der einzige Kontakt zur Außenwelt. Und die einzige Chance zu erfahren, was wenige Meter entfernt, vor der Restauranttür, vor sich ging.

Während die Stunden verstrichen, wurden die SMS-Nachrichten immer düsterer - und die Situation im Restaurant immer brenzliger: "Die Terroristen gelangten mit dem Fahrtstuhl in die höheren Stockwerke", berichtet Yogesh Mathur. Sie müssten sich im dritten oder vierten Stock befunden haben, als sie eine Handgranate nach unten in das große Treppenhaus warfen - genau vor den Raum, in dem er und seine Frau waren. "Als die explodierte, ich die orangefarbenen und blauen Flammen sah und diesen ohrenbetäubenden Knall erlebte - da bekam ich Angst." 

Es war seine Frau, die Yogesh darauf hinwies, dass sein Bein unkontrolliert begonnen hatte, wie wild zu zittern. Trotzdem: Offenbar kam keine der 23 Personen, die hier in der Falle saßen, jemals auf die Idee, einen Fluchtversuch zu unternehmen.

Bilder:

Anschläge Mumbai (Foto: picture-alliance/ dpa)
Bilderstrecke Terrorserie in Mumbai Eine Bilder-Chronologie der Ereignisse vom November 2008 [mehr]

Verabschiedung von den Kindern

Eine weitere Granate sprengte die Tür aus den Angeln. An die hatten sich bis dahin nicht nur die bangen Blicke, sondern auch so viele Hoffnungen geheftet. "Das war das erste Mal, dass ich dachte: Es ist Zeit, die Kinder anzurufen", erinnert sich Mathur. "Meine Tochter lebt in Singapur, mein Sohn in den USA. Zum ersten Mal kroch die Angst in mir hoch, dass wir es hier nie rausschaffen könnten."

Mittlerweile brannte die Kuppel des altehrwürdigen Taj-Hotels, die Gefahr schien immer näher zu kommen. Yogesh wählte in diesem Moment die Nummer seines Sohnes, der in Boston lebt: "Für ihn war gerade Nachmittag. Ich hab einfach nur 'Hi' gesagt. Seine erste Reaktion war: 'Dad, was zum Teufel geht da vor in Mumbai? Als ich die Nachricht im Fernsehen sah, bin ich in mein Auto gestiegen und nach Hause gefahren'", berichtet der Vater. "Ich antwortete: 'Ich kann gerade nicht reden'. Er fragte: 'Warum nicht?' Ich sagte: 'Mom und ich sind ausgegangen zum Essen. Und wir sind ins Taj gegangen.'" Heute fühlt Mathur mit seinem Sohn mit: "Wenn ich ihn heute treffe, kann ich mir vorstellen, was er in dem Moment durchmachte."

Nach den Telefonaten mit den Kindern wandte sich Yogesh seiner Frau zu: "Ich sagte zu ihr: 'Wer weiß, vielleicht ist die Stunde gekommen. Hast Du mir irgendetwas zu sagen?' Und sie erwiderte nur: 'Halt den Mund!'"

Man erwartet, dass jemand kommt und einen rettet

Anschläge Mumbai (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Rettungsaktion: Spezialeinheiten stürmen am 28.11.2008 das besetzte Jüdische Zentrum in Mumbai. ]
Auch wenn ein paar Gäste die Tür geistesgegenwärtig mit einer Kommode und Sofas wieder verrammelt hatten - die Schüsse, die Schreie, sie schienen immer näher zu kommen. Das Warten wurde immer unerträglicher, wie Ehefrau Veena berichtet: "Ich hab so etwas in meinem Leben noch nie durchgemacht. Bei all dem Terror wusste ich nicht, was ich fühlte." Und weiter: "Am stärksten war vielleicht der Gedanke: 'Warum kommt keiner und holt uns hier raus?' Das ist das, was man erwartet, dass irgendjemand kommt und uns rettet."

Der Abend, der mit einem Sandwich begann, hatte sich längst in eine Nacht des Horrors verwandelt. Für die mittlerweile lichterloh brennende Kuppel des Hotels waren Feuerwehrwagen gekommen. Über deren Leitern kletterten alle Restaurantgäste schließlich in Sicherheit. Morgens um fünf.

"Ganz einfach: Füllt die Bäuche der Menschen"

Heute, ein Jahr später, meint Veena: "Was ist schon ein bisschen Trauma gegen das Schicksal derer, die in dieser Nacht ihr Leben oder ihre Liebsten verloren haben?" Und ihr Mann, der nie an einen Gott geglaubt hat, sagt heute: "Dieser Mann, der das Gewehr in der Hand hält, hat so einen starken Glauben. Und hier bin ich, der überhaupt keinen Glauben hat, keine religiöse Identität." Von dem Tag an habe er auf einmal angefangen, sich als "nicht-praktizierenden, nicht-gläubigen, aber als Hindu" zu sehen. "59 Jahre lang spielte das keine Rolle, jetzt gibt es die und uns", fügt er noch an.

Yogeshs Frau kann diese Wendung ins Religiöse nicht nachvollziehen. Für sie steht fest: "Füllt die Bäuche der Menschen - dann laden sie nicht ihre Gewehre mit Kugeln. So einfach ist das", sagt sie. 

Die Eingangshalle des Taj Mahal Palace (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Im Luxushotel Taj Mahal Palace ist wieder Normalität eingekehrt. ]
Stand: 25.11.2009 20:05 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW