Mit Hilfe von Barrieren und großen Saugern will ein Projekt Plastikmüll aus dem Meer fischen. | Bildquelle: dpa

Plastikmüll in Weltmeeren "Ocean Cleanup" schon 2018?

Stand: 12.05.2017 17:35 Uhr

Die Meere von Plastikmüll befreien - Kritiker halten die Pläne von Boyan Slat für unrealistisch. Doch es gibt offenbar auch viele Unterstützer: Das Crowdfunding jedenfalls lief so gut, dass das Projekt nun früher starten soll als geplant.

Von Sebastian Schöbel, ARD Brüssel

Er ist das Paradebeispiel eines Erfinders im 21. Jahrhundert: Boyan Slat. Kein weiser alter Herr mit scharfem Verstand, aber dem Charisma eines schüchternen Bibliothekars. Slat ist gerademal 22 Jahre alt, trägt zur wuscheligen Teenie-Schwarm-Mähne moderne Slim-Fit-Anzüge und weiß, wie man sich in Szene setzt. Der junge Niederländer mit kroatischen Wurzeln präsentiert sich als eine Mischung aus Umweltaktivist, Start-Up-Gründer und Entwicklergenie: Technisch beschlagen, zudem in der Lage, selbst komplizierte Dinge einfach zu erklären - stets mit einem Näschen für Drama.

Bis 2020 sieben Millionen Tonnen Müll in den Meeren

Slat hat es sich zum Ziel gesetzt, die Weltmeere von tonnenweise Plastikmüll zu befreien, der dort schwimmt. Bis 2020, sagt Slat, könnte die Menge auf mehr als sieben Millionen Tonnen anwachsen. "Das ist das Gewicht von 1000 Eiffeltürmen. Sagt mir bitte nicht, dass wir das nicht zusammen aufräumen können," fleht Slat.

Die Idee sei ihm vor ein paar Jahren beim Gang zum Frisör gekommen. Im Rahmen eines Schulprojekts entwickelte er sie weiter - sogar im Griechenlandurlaub, wo er mit einem selbstgebauten Gerät erste Versuche startete. Das Teil war ziemlich schwer, erzählt Slat. "Also musste ich meine Klamotten zu Hause lassen, wegen der Gepäckauflagen der Billig-Airlines."

Der Initiator des Projekts "Ocean Cleanup" hat verkündet, dass die Aktion früher starten kann als gedacht. | Bildquelle: dpa
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Der Initiator des Projekts "Ocean Cleanup" hat verkündet, dass die Aktion früher starten kann als gedacht.

Slat - ein UN-"Champion der Erde"

Mit 17 gründete Slat das Projekt "Ocean Cleanup", sammelte Millionen mit Crowdfunding im Internet und im Silicon Valley ein. Das junge Genie wurde mit Preisen überhäuft, die UN ernannten ihn zu einem "Champion der Erde". Wohl auch, weil Slat instinktiv weiß, wie man im Zeitalter der medialen Überflutung trotzdem Aufmerksamkeit bekommt.

Bekannt wurde er durch einen Impulsvortrag, der im Netz hundertausendfach geteilt wurde. Bei Auftritten hält er gerne mal besonders plakativen Plastikmüll in die Kameras. Die Abdeckung eines alten Gameboys, zum Beispiel. "Da steht 'Nintendo 1995' drauf. Dieses Stück Müll ist so alt wie ich."

"Umweltschutz und gleichzeitig Millionengewinne"

2020 wollte Slat mit dem Projekt "Ocean Claenup" beginnen, eines der fünf großen Plastikmüllfelder in den Weltmeeren, das "Great Pacific Garbage Patch" im Pazifik, zu säubern. Nun aber gab er bekannt: "Leider können wir dieses Versprechen nicht einhalten." Nur um dann im Stil des legendären Apple-Gründers Steve Jobs bei der Vorstellung des iPhones den dramatischen Höhepunkt zu setzen: "Das erste Säuberungssystem wird schon in den nächsten zwölf Monaten gestartet."

Mit meterlangen Fangvorrichtungen, die wie gigantische, träge Arme mit der Meeresströmung an der Wasseroberfläche treiben und den Plastikmüll einsammeln. Hin und wieder kommen dann Schiffe vorbei und schaufeln den Müll aus dem Wasser, um ihn an Land zu recyceln. Natürlich für Geld, so der jugendliche Start-Up-Umweltschützer, Gewinne in Millionenhöhe seien möglich.

Plastikmüll verschmutzt die Umwelt
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Plastikmüll in einer Bucht in Westgrönland. Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) teilte 2015 mit, dass der auf der Meeresoberfläche treibende Plastikmüll die Arktis erreicht hat.

Kritiker befürchten Schäden für Meere

Aber darum gehe es ihm gar nicht: "Erst, wenn wir erkennen, dass Wandel wichtiger ist als Geld, kommt das Geld von alleine." Ob das Projekt von Slat funktionieren wird, ist unklar. Es gibt auch Zweifler, die seine schicken Computeranimationen für praktisch nicht umsetzbar halten - und Kritiker, die meinen, er könnte mit seinen schwimmenden Müllsammel-Tentakeln am Ende sogar eher mehr Schaden anrichten. Der 22-Jährige aber ist sich sicher: Die Sache wird funktionieren, in wenigen Jahren könnte man so die Ozeane vom Plastikmüll befreien.

Diese Woche präsentierte er schon mal eine der Ankervorrichtungen seines Systems. Und es gebe so viel mehr zu zeigen, so Slat. Aber das hebe er sich dann für das nächste Mal auf. Dann vielleicht schon im Pazifik, inmitten von tonnenweise Plastikmüll.

Boyan Slat, niederländisches "Wunderkind", das die Ozeane säubern will
S. Schöbel, ARD Brüssel
12.05.2017 17:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Mai 2017 um 17:50 Uhr

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