Irak Bagdad Mossul und Provinzen

Schwere Krise im Irak Islamisten erobern weitere Stadt

Stand: 11.06.2014 21:18 Uhr

Mit ihrem Vormarsch stürzt die Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) den Irak in die schwerste innenpolitische Krise seit dem Abzug der US-Truppen Ende 2011: Nach der Millionenmetropole Mossul im Norden des Landes haben die sunnitischen Islamisten nun auch die zentralirakische Stadt Tikrit eingenommen. Das meldet die irakische Polizei. Demnach sei "ganz Tikrit in den Händen der Kämpfer".

Einem Polizeimajor zufolge befreiten die Kämpfer in der Stadt zudem rund 300 Gefängnisinsassen. Zuvor hatten sich die Aufständischen nach Angaben der Provinzregierung schwere Gefechte mit den Sicherheitskräften geliefert. Einem ranghohen Polizeibeamten zufolge griffen ISIS-Kämpfer die Stadt aus nahezu allen Richtungen gleichzeitig an. Tikrit hat rund 100.000 Einwohner und liegt etwa 180 Kilometer nördlich von Bagdad. Sie ist die Geburtsstadt des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein, der nach der US-Militärinvasion gestürzt und hingerichtet wurde.

Menschen auf der Flucht - Konsulat gestürmt

Tags zuvor war bereits die nordirakische Stadt Mossul von ISIS-Kämpfern eingenommen worden. Seitdem sind nach Schätzungen rund 500.000 Einwohner auf der Flucht. Die Menschen hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM). Es gebe eine "bedeutende Zahl an Opfern unter den Zivilisten".

Islamisten setzen Offensive im Nordirak fort
tagesthemen 22:15 Uhr, Thomas Aders, ARD Kairo

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Islamistische Rebellen stürmten zudem das Konsulat der Türkei in Mossul und nahmen dabei Dutzende Menschen als Geiseln - zunächst war von 48 die Rede, das türkische Außenministerium sprach inzwischen von 80 türkischen Staatsbürgern, die in der Gewalt der ISIS seien. Nach türkischen Regierungsangaben sind unter ihnen der türkische Konsul, Angehörige einer Spezialeinheit, Konsulatsangestellte und mehrere Kinder. Außenminister Ahmet Davutoglu drohte den Kidnappern mit "scharfer Vergeltung", sollte den Verschleppten etwas zustoßen. Die Türkei beantragte zudem eine Dringlichkeitssitzung der NATO, hieß es aus Kreisen des Militärbündnisses.

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Die Massenflucht aus der irakischen Stadt Mossul

Flucht aus Mossul

Mehr als eine halbe Million Menschen sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) auf der Flucht aus der Region um die zweitgrößte irakische Stadt Mossul. (Bildquelle: REUTERS)

Marsch auf Bagdad?

Unterdessen nähert sich die Offensive der ISIS-Kämpfer immer weiter der irakischen Hauptstadt Bagdad. Dabei brachten sie große Teile der Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din unter ihre Kontrolle, berichtete der Nachrichtensender Al Dschasira. Auch die Industriestadt Baidschi sollen die Islamisten erobert haben - sie liegt auf dem Weg vom Norden in Richtung Bagdad und ist wegen ihrer Ölraffinerie und ihres Kraftwerkes von wirtschaftlicher Bedeutung.

Am Nachmittag wurden zudem Gefechte zwischen Rebellen und irakischen Sicherheitskräften vor den Toren der Stadt Samara gemeldet. Diese liegt nur 110 Kilometer von Bagdad entfernt. Ob es Ziel der Kämpfer ist, diese zu erreichen, ist aber unklar.

Iran sichert Irak Unterstützung zu

Angesichts der Ereignisse im Irak sicherte der Iran seinem Nachbarland Unterstützung im Kampf gegen den "Terrorismus" zu. Außenminister Mohammed Dschawad Sarif betonte die Notwendigkeit, "einer effizienten internationalen Unterstützung" für den Irak. Der Iran ist ein enger Verbündeter von Ministerpräsidenten Nuri al Maliki, der der schiitischen Bevölkerungsmehrheit angehört.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich "ernstlich besorgt" und rief konkret die Regierung und die Führung der weitgehend autonomen Kurden zur Kooperation auf. Die USA reagierten ebenfalls alarmiert und sagten der Regierung in Bagdad Unterstützung im Kampf gegen die radikalen Extremisten zu.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, die Einnahme von Iraks zweitgrößter Stadt Mossul durch Islamisten sei "eine neue Stufe der Eskalation", die auch in der Bundesregierung auf "allergrößte Sorge" stoße.

ISIS kreist auch syrische Stadt ein

Auch im irakischen Nachbarland Syrien ist die ISIS weiter aktiv: Kämpfer kreisten offenbar die syrische Stadt Deir al Sur ein. Sie gilt als eine der letzten Trutzburgen gegen die Islamisten in der Provinz. Es gebe keine Fluchtwege mehr, sagten zwei Aktivisten in der Region unabhängig voneinander. Die von Al Kaida abgespaltene Gruppe kämpft im syrischen Bürgerkrieg zum einen gegen die Truppen von Präsident Baschar al Assad, zum anderen liefert sie sich mit anderen Rebellenverbänden einen "Krieg im Krieg", in dem seit Januar Schätzungen zufolge mehr als 6000 Menschen getötet wurden.

Bombenanschläge in irakischen Städten

Zeitgleich zum Vormarsch der ISIS wurden in mehreren irakischen Städten Bombenanschläge auf Schiiten verübt. Dabei starben 37 Menschen. Unklar ist, ob ein Zusammenhang zur Blitzoffensive der sunnitischen Kämpfer besteht.

Der schwerste Anschlag ereignete sich im Nordosten der Hauptstadt Bagdad, als ein Selbstmordattentäter bei einer Versammlung schiitischer Stammesführer 15 Menschen mit in den Tod riss und 34 weitere verletzte, wie die Polizei mitteilte. Bei der Explosion einer Autobombe im Norden von Bagdad wurden zudem 13 Menschen getötet und 24 weitere verletzt. Weitere Bombenanschläge wurden aus den südlichen Provinzen Basra und Kerbala gemeldet.

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