Vormarsch radikaler Sunniten im Irak Massenflucht aus Mossul
Stand: 11.06.2014 10:10 Uhr
Rund 500.000 Einwohner der Millionenstadt Mossul sollen nach dem Sturm von radikalen Islamisten auf die Metropole im Nordirak geflüchtet sein. Die Menschen hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM). Es gebe eine "bedeutende Zahl an Opfern unter den Zivilisten", erklärte die IOM. Die vier großen Krankenhäuser der Stadt seien unerreichbar, weil sie in der Kampfzone lägen. Mehrere Moscheen seien zu Lazaretten umfunktioniert worden, um die Verletzten zu versorgen.
Ein BBC-Reporter sagte, die irakischen Sicherheitskräfte hätten den Milizen der Gruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) nichts entgegenzusetzen. Zahlreiche Polizeistellen seien in Brand gesetzt worden, an den Straßen seien Dutzende ausgebrannte Fahrzeuge zu sehen.
Über Nacht sollen Kämpfer der islamistischen Gruppe ihren Vormarsch im Nordirak fortgesetzt haben und auch die Industriestadt Baidschi unter ihre Kontrolle gebracht haben. Aufständische des ISIS seien "aufmarschiert und haben das Gerichtsgebäude sowie eine Polizeiwache im Stadtzentrum in Brand gesteckt", berichtete ein Sicherheitsvertreter dem unabhängigen Fernsehsender "Al-Sumaria News". Zudem hätten die Extremisten Waffen der Streitkräfte beschlagnahmt. Baidschi liegt auf dem Weg vom Norden in Richtung Bagdad und ist wegen seiner Ölraffinerie und seines Kraftwerkes von wirtschaftlicher Bedeutung.
Internationale Sorge
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei wegen der Einnahme "ernstlich besorgt". Er rief alle politischen Anführer auf, sich gegen die Bedrohung zu vereinen, mit der der Irak konfrontiert ist. Die Gefahren könnten nur auf der Basis der Verfassung und des demokratischen Prozesses überwunden werden, erklärte ein UN-Sprecher. Konkret rief Ban demnach die Regierung und die Führung der weitgehend autonomen Kurden zur Kooperation auf.
Die USA reagierten ebenfalls alarmiert auf die Eroberung von Iraks zweitgrößter Stadt durch radikale Islamisten und sagten der Regierung in Bagdad Unterstützung im Kampf gegen die Extremisten zu. Die Gruppe ISIS stelle nicht nur eine Gefahr für die Stabilität des Irak sondern für die ganze Region dar, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums.
Radikale Sunniten bringen Mossul unter ihre Kontrolle
tagesschau 20:00 Uhr, 10.06.2014, Volker Schwenck, ARD Kairo
Islamische Extremisten hatten weite Teile der Großstadt Mossul überrannt und wichtige Verwaltungsgebäude, Militärposten und den Flughafen eingenommen. Ministerpräsident Nuri al-Maliki beantragte deshalb den Notstand. Die Angreifer erbeuteten viele Waffen. Am Flughafen fielen ihnen Hubschrauber in die Hände. Sie schwenkten schwarze Banner, als sie durch die Straßen zogen.
Die ISIS gehört zu den radikalsten Sunnitengruppen, die im arabischen Raum einen Gottesstaat errichten wollen. Seit Januar kontrollieren die Milizionäre bereits Gebiete der westlichen Provinz Al Anbar und liefern sich dort heftige Kämpfe mit Regierungstruppen. Aus der Provinz sind nach UN-Angaben inzwischen mehr als 400.000 Menschen geflohen.
Die Aufständischen erstarken durch das Machtvakuum im Nachbarstaat Syrien. Sie haben dort einen Rückzugsort, gewinnen an Einfluss und haben Zugang zu Waffen. Mossul ist die zweite Stadt nach Falludscha westlich von Bagdad, die die irakische Regierung an die Islamisten verliert.
