Verwüsteter Altar | Bildquelle: Martin Durm, SWR

Lage der Christen um Mossul "Sie haben alles zerstört"

Stand: 24.12.2016 12:05 Uhr

Früher lebten Christen und Muslime rund um Mossul als Nachbarn nebeneinander. Dann kam der IS-Terror. Was bleibt sind verbrannte Erde, zerschlagene Kreuze. Und ein zerrissenes Land. Martin Durm auf der Suche nach der alten, christlichen Kultur im Nordirak.

Von Martin Durm, SWR

Jeder Schritt scheint hier ein Wagnis. "Sei vorsichtig", warnt der Mann, der voran geht. Langsam setzt er den rechten Fuß über die Schwelle, verharrt einen Moment und zieht dann den anderen nach. Eben hat er noch versichert, die Kirche sei "clear", gesäubert von improvisierten Sprengsätzen. Aber jetzt hält er inne, als träten wir gleich auf glühende Kohlen. So ganz traut er der Sache offenbar doch nicht. Ein abgestandener Brandgeruch schlägt uns entgegen.

"Sie haben alles zerstört. Sie haben den Altar zertrümmert und die Gräber der Priester in der Krypta aufgebrochen. Sie haben sogar die Statuen von Christus und der Heiligen Jungfrau geköpft." Abuna Martin ist der Pfarrer von Sankt Adday. Mit ihm taste ich mich durch das, was übrig bleibt, wenn sich dschihadistischer Furor austobt: eingestürzte Gewölbe, verbrannte Bilder, Heiligenstatuen, die so entstellt sind, dass sie einem fast leid tun.

Ausgebrannte Kirche | Bildquelle: Martin Durm, SWR
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Blick in eine ausgebrannte Kirche. Bevor sie abzogen, legten die IS-Terroristen Sprengsätze.

Pfarrer in  Karemlesh | Bildquelle: Martin Durm, SWR
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"Sie haben alles zerstört": Abuna Martin ist Pfarrer von Sankt Adday in Karamlesh östlich Mossul.

Bevor sie abzogen, legten die IS-Terroristen Sprengsätze in den Kirchen und Klöstern: "Ist das hier immer noch ein heiliger Ort?", frage ich Abuna Martin. "Natürlich. Für uns ist das immer noch Sankt Adday. Wir sind wieder zurück. Bald werden wir hier wieder das Ave Maria beten", antwortet er.

Wir sind in Karamlesh, wenige Kilometer östlich von Mossul. Mehr als 100.000 Christen lebten in dieser Region. Im Sommer 2014 wurde das christliche Siedlungsgebiet im Nordirak von den Dschihadisten erobert, die Bewohner vertrieben, die Sakralbauten geschändet. Seit Herbst versucht nun die Anti-IS-Koalition, Mossul und Umland zurückzuerobern.

Kampfhubschrauber und Detonationen

Wie auf einer Bühne entrollt sich das Kriegsgeschehen vor Mossul. Kampfhubschrauber knattern über uns hinweg Richtung Westen, aus Osten kommen die Krankenwagen. Irgendwo vor Karamlesh sind dumpfe Detonationen zu hören, Sekunden später schraubt sich eine weiße Rauchsäule hoch in den Himmel über der Stadt.

"Seit dem Morgen haben sie 80 Verletzte aus Mossul gebracht", berichtet Dr. Assad. Am Straßenrand errichtete er mit Ärzten und Pflegern ein Sanitätszelt. Aus der Zahl der Verletzten lässt sich die Intensität der Kämpfe ableiten. Ein grauer, verbeulter Lieferwagen fährt vor, die Tür wird aufgerissen, im Innenraum liegen fünf Verwundete in ihrem Blut. "Das Kind zuerst", sagt der Arzt, und aus dem Wagen kriecht eine verschleierte Frau, die ihr dreijähriges Mädchen in seine Arme legt.

Pfleger tragen die Verletzten ins Sanitätszelt, schneiden ihnen die blutverkrusteten Kleider vom Leib. Nach wenigen Minuten ist die Bodenplane schwarzrot verschmiert und bedeckt mit gebrauchten Kompressen, Spritzen und aufgerissenen Infusionen. "Wasser", ruft ein alter Mann, dem Granatsplitter die Beine zerfetzten. "Wo sind meine Kinder, ich kann nichts mehr sehen …"

Peschmerga in Kirche | Bildquelle: Martin Durm, SWR
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Kämpfer der Peschmerga in einer zerstörten Kirche

Geiseln des Krieges

Der IS will die Zivilisten durch gezielten Beschuss daran hindern, die umkämpfte Stadt zu verlassen. Kinder, Frauen, alte Männer sollen im Häuserkampf als menschliche Schutzschilde dienen. 80.000 Zivilisten gelang bislang die Flucht. Hunderttausende sind noch immer Geiseln des Krieges.   

Im Sommer 2014 flohen die Christen; jetzt im Winter 2016, flüchten auch Mossuls Muslime vor dem IS. Die Zeiten haben sich geändert. Als die Dschihadisten die Stadt übernahmen, standen Tausende am Straßenrand und bejubelten den Einzug der Terrormiliz. Mossuls Einwohner, in der Mehrheit Sunniten, waren über Jahre hinweg vom schiitischen Regime in Bagdad diskriminiert und gedemütigt worden. Die sunnitischen IS-Kämpfer wurden von vielen als Befreier gefeiert. Heute wird  das alles verdrängt: Keiner war dabei, keiner will mitgemacht haben, alle waren dagegen.  

Die geflüchteten Menschen äußern sich froh und glücklich, dass die Armee sie vom IS befreit hat. Und einer versichert: "Ich kenne mindestens 50 Menschen aus Mossul, die sich dem IS angeschlossen haben. Ich kenne sie alle. Wenn der Krieg vorbei ist, gehe ich zurück und zeige sie alle dem Sicherheitsdienst an."

Zerstörte christliche Siedlung | Bildquelle: Martin Durm, SWR
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Der IS hinterließ zerstörte christliche Siedlungen, die Bewohner sind geflüchtet.

Nachbarschaft und Freundschaft zerbrechen

Der Himmel über Mossul ist an manchen Tagen von Bränden geschwärzt und an anderen so makellos blau, dass die Kampfhubschrauber mit ihren Luft-Boden-Raketen aussehen wie Libellen. Wer ist für all das verantwortlich? Saddam Hussein, George W. Bush, die alte, innerislamische Zwietracht zwischen Schia und Sunna? Die meisten irakischen Christen jedenfalls haben genug vom Elend in diesem zerrissenen Land.

"Neben uns wohnten Muslime, das waren unsere Nachbarn, erzählt Chalida, eine Christin aus einem Vorort von Mossul. "Wir waren miteinander befreundet. Aber als der IS kam, haben sie uns verraten. Sie haben sich mit den Dschihadisten verbrüdert. Als wir flohen, saßen sie vor ihren Häusern und lachten uns aus. Es war unfassbar. Sie waren doch unsere Nachbarn. Und plötzlich liefen sie zum IS über, gingen in unser Haus, nahmen mit, was ihnen gefiel. Wie sollten wir je wieder zusammen leben?"

Rückkehr des Religionskriegs?

Immer wieder erzählen Christen solche Geschichten: wie Nachbarschaft und Freundschaft und Weltvertrauen zerbrechen. Wie ein Land in seine ethnischen und religiösen Einzelteile zerfällt. Mossul 2016 - die Stadt markiert die Rückkehr des Religionskriegs.

Zerstörtes Kruzifix | Bildquelle: Martin Durm, SWR
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Ein zerstörtes Kruzifix

"Nichts ist mehr wie es war", sagt Baschar Warda, Erzbischof der chaldäischen Christen. "Das Vertrauen, zusammen leben zu können, ging in diesem Krieg verloren. Früher haben hier 100.000 Christen gewohnt. In Zukunft werden es weniger sein. Wie viele - das wissen wir nicht."

In Sankt Adday räumen sie trotz allem schon mal den Bombenschutt weg, verbrennen auf dem Vorplatz die Überreste des Beichtstuhls, reparieren den Glockenturm. Abuna Martin, der Pfarrer, ist 25 Jahre alt. Vielleicht muss man so jung sein, um in dieser Ruine noch an einen Neubeginn glauben zu können. Und so zupackend wie die jungen Frauen und Männer, die ihn dabei unterstützen. Zwei Dutzend dürften es sein. Vor einigen Jahren sind Archäologen bei Ausgrabungen in dieser Gegend auf die Überreste einer uralten Kirche gestoßen. Sie stammte aus dem 1. Jahrhundert nach Christi Geburt. "Wo werdet ihr dieses Jahr Weihnachten feiern?", frage ich Abuna Martin. "Hier. Ich wäre sehr glücklich, wenn wir es hier feiern könnten", sagt er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Dezember 2016 um 07:47 Uhr.

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