Urlaubsschein für einen IS-Kämpfer

Irak IS in Mossul - brutal und bürokratisch

Stand: 19.12.2016 18:55 Uhr

Zwei Jahre lang hat der "Islamische Staat" Mossul im Irak regiert - brutal und bürokratisch. Das zeigen Dokumente aus einem ehemaligen IS-Gefängnis. Und der Kampf um Mossul ist noch nicht vorbei.

Von Amir Musawy, Esther Saoub und Volkmar Kabisch

Der Weg ins IS-Gefängnis führt durch einen Vorgarten, vorbei an Zitrusbäumen und einem großen Jasmin. In der Villa im Osten Mossuls hat einmal ein Arzt gewohnt. Doch die Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) haben das Haus enteignet und umgewidmet. Im ehemaligen Eingangsbereich - einem weitläufigen Wohnzimmer mit polierten Steinwänden - haben sie mobile Gefängniszellen aufgestellt: Wände und Tür aus schwarzem Metall, als Decke ein Gitter, damit Luft reinkommt. Eine Zelle ist gerade so groß, dass eine Person darin stehen oder hocken kann. Sitzen mit ausgestreckten Beinen oder gar liegen ist unmöglich.

Zwei Jahre IS-Herrschaft in Mossul - brutal und bürokratisch
tagesthemen, 19.12.2016, Amir Musawy/Esther Saoub/Volkmar Kabisch, SWR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Er gehe davon aus, dass in diesem Gefängnis Christen inhaftiert wurden, Mitarbeiter des irakischen Militärs oder Regierungsbeamte, sagt General Abdul Wahab al-Saidy von der irakischen Armee. Das wesentliche Ziel sei es gewesen, den Menschen Angst einzujagen.

Damenunterwäsche und Viagra

Angst einjagen - dafür waren den Terroristen offenbar viele Mittel recht. Das Gefängnis hatte auch einen Frauenteil, eine handgeschriebene Liste mit Namen von Inhaftierten belegt das. Die Kämpfer hatten wohl keine Zeit mehr, die Papiere mitzunehmen oder zu vernichten. Auch Medikamentenschachteln liegen herum, darunter Viagra. In einer Ecke des Raumes liegt Damenunterwäsche. Augenzeugenberichte von anderen Orten legen nahe, dass es gegenüber weiblichen Gefangenen zu Übergriffen und Missbrauch gekommen ist.

Dokumente des IS liegen auf dem Boden eines ehemaligen Gefängnisses in Mossul verstreut.
galerie

Dokumente des IS liegen auf dem Boden eines ehemaligen Gefängnisses in Mossul verstreut.

Doch die Hinterlassenschaften der Extremisten zeichnen nicht nur ein brutales Bild, sondern gleichzeitig auch ein pedantisches. Auf dem Boden verstreute Dokumente zeigen, dass die Terroristen versucht haben, eine Art zivile Verwaltung aufzubauen. So konnten zum Beispiel Zivilisten das Herrschaftsgebiet des IS nur verlassen, wenn sie Besitz als Pfand zurückließen. Ein Grundbucheintrag aus dem Jahr 2011 weist ein Grundstück nach. Sein Besitzer musste die Urkunde abliefern, um verreisen zu dürfen.

Grundbucheintrag eines Bürgers der Stadt Mossul
galerie

Ein Grundbucheintrag als Pfand, um das Herrschaftsgebiet des IS verlassen zu dürfen.

Urlaubsschein für einen IS-Kämpfer
galerie

Urlaubsschein für einen IS-Kämpfer. Gut zu erkennen: der Stempel des "Islamischen Staats".

"Gesamte Verwaltung geregelt"

"Von hier aus haben sie die gesamte Verwaltung der Region geregelt", sagt General Sami al-Aredy, der die Rückeroberung Mossuls durch die irakische Armee mit befehligt. "Sogar die freien Tage der Kämpfer wurden festgelegt."

Er hält einen Erlaubnisschein für Urlaub von der Front in den Händen. Einige davon liegen in den Räumen des ehemaligen Gefängnisses. Im Briefkopf oben rechts steht: "Islamischer Staat". Darunter wird einem "Bruder Esmat Sleiman" ein Urlaub von zwei Tagen gewährt und zusätzlich vermerkt: "Mitgeführte Waffe: M16". Das ist ein amerikanisches Sturmgewehr, das der IS in großer Anzahl aus den Beständen der irakischen Armee entwendet oder auf dem Schwarzmarkt erworben hat. Unten links auf dem Urlaubsschein prangt der blaue Stempel eines Emirs Abi Talha al-Ansari, er ist so etwas wie der IS-Verteidigungsminister der Provinz Niniveh mit der Hauptstadt Mossul.

Rückeroberung Straße um Straße

Die Rückeroberung der einstigen Millionenstadt ist für die irakische Armee ein zäher Kampf, Straße um Straße. Und auch in Gebieten, die sich als "befreit" bezeichnen, in denen also die Armee wieder das Sagen hat, sind die Bewohner nicht sicher: Der IS schießt mit Granaten aus dem Westen der Stadt in die östlichen Viertel.

Flüchtlinge aus Ost-Mossul
galerie

Warten auf den nächsten Laster: Flüchtlinge aus Ost-Mossul

Viele Familien fliehen daher aus Ost-Mossul ins Umland, um dem Beschuss zu entgehen. Sie stehen im Schlamm vor der Stadt, warten auf einen Laster, der sie irgendwohin mitnimmt, wo es sicherer ist. Die Kinder frieren in der Kälte, die Väter halten die wenigen Taschen zusammen. Und doch erzählt eine Frau, was sie hinter sich habe, sei noch schlimmer gewesen. "Zwei Jahre lang haben wir kein Fest gefeiert, keine Freude erlebt, kein Lachen - höchstens heimlich. Aber jetzt wissen wir wieder, was Freude ist!"

Freude heißt für sie zunächst: Überleben. Und irgendwann vielleicht die Rückkehr in ein friedliches Mossul.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Dezember 2016 um 22:55 Uhr.

Darstellung: