Frauen und Kinder kehren nach der Armeeoffensive in ihr Dorf nahe Mossul zurück. | Bildquelle: AFP

Gespräch mit ARD-Korrespondentin "In Mossul herrscht der Alltagsterror"

Stand: 02.11.2016 19:11 Uhr

Im umkämpften Mossul leben derzeit noch etwa so viele Menschen wie in München. Angesichts des bevorstehenden Häuserkampfs sind sie in großer Gefahr, sagt ARD-Korrespondentin Osius. Sie hat den Nordirak gerade besucht und berichtet im tagesschau.de-Interview von ihren Eindrücken.

tagesschau.de: Die irakische Armee meldet das Eindringen ins Stadtgebiet von Mossul. Wo lauert die größte Gefahr beim Vormarsch?

Anna Osius: Man darf sich keiner Illusion hingeben: Mossul ist eine Stadt mit schätzungsweise noch 1,5 Millionen Einwohnern. Das sind in etwa so viele, wie in München leben. Eine Stadt dieser Größe im Häuserkampf, Straßenzug um Straßenzug einzunehmen, wird Wochen, wenn nicht Monate dauern. Und der IS wehrt sich: Sprengfallen, Scharfschützen und Minen erschweren das Vordringen. Zudem heißt es, dass Teile Mossuls mit Tunnelsystemen des IS durchzogen sein sollen - das dürfte die Lage noch unübersichtlicher machen.

tagesschau.de: Es mehren sich die Berichte, der IS wolle die zurückgebliebenen Zivilisten in Mossul als menschliche Schutzschilde missbrauchen.

Osius: Das ist der Knackpunkt im Kampf um Mossul: In der Stadt leben Tausende Zivilisten - die Anti-IS-Koalition kann die Dschihadisten also nicht einfach aus der Luft bombardieren, ohne das Leben von Zivilisten zu gefährden. Darüber hinaus ist es sehr wahrscheinlich, dass der IS die Bewohner der Stadt als menschliche Schutzschilde missbrauchen will.

Frauen in einem Flüchtlingslager (Foto: Anna Osius)
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Aus Mossul Geflohene in den Flüchtlingslagern berichten, der IS habe ein Regime des Terrors errichtet.

IS-Regime des Schreckens in Mossul

tagesschau.de: Wie geht es den Menschen in Mossul?

Osius: Flüchtlinge aus dem Großraum Mossul, mit denen ich gesprochen habe, berichten Schreckliches: Die Extremisten haben offenbar ein "Regime des Alltagsterrors" geschaffen. Ein Mann erzählte, es sei geradezu zu einem Hobby der Dschihadisten geworden, sich immer brutalere Methoden der Hinrichtung auszudenken. Drakonische Strafen für Kleinstdelikte sind offenbar an der Tagesordnung. Frauen schildern, dass sie das Haus nur mit Vollschleier und Handschuhen verlassen durften, Handys sind für alle Bewohner ebenso verboten wie Ballspielen für die Kinder.

Während Kinder in Deutschland sich über ihre Abenteuer austauschen, erzählen Kinder in irakischen Flüchtlingslagern von traumatisierenden Gewalttaten des IS, wie abgehackten Händen. Eine junge Mutter mit Baby hat mir weinend erzählt, dass sie hochschwanger vom IS gefoltert wurde - da scheint wirklich jede Menschlichkeit verloren gegangen zu sein.

Recherchen im Irak

ARD-Korrespondentin Anna Osius ist gerade von einer Recherchereise aus dem Irak zurückgekehrt. Ihr Ziel: den Menschen des Konflikts ein Gesicht geben und möglichst viele Aspekte des Krieges sehen.  Sie hat sich dem Frontverlauf angenähert und erfahren, wie unübersichtlich die Lage ist. "Is it safe?", sei dabei zur wichtigsten Frage geworden.

tagesschau.de: Gibt es Hilfsprogramme für Zivilisten?

Osius: Im Umland von Mossul haben die Vereinten Nationen und humanitäre Helfer zahlreiche Flüchtlingslager errichtet. Aber einige sind jetzt schon überfüllt. Die Menschen leben dort unter sehr schwierigen Bedingungen, vor allem, wenn jetzt der Winter kommt - es fehlt an allem. Oft teilt sich eine Großfamilie mit acht Personen ein Zelt, es gibt für rund 100 Menschen gerade mal vier Toiletten.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird mit bis zu 700.000 Flüchtlingen aus Mossul gerechnet. Doch noch ist unklar, wie die Menschen aus der Stadt herauskommen - dazu müssten humanitäre Fluchtkorridore geschaffen werden. Und der IS hat keinerlei Interesse daran, die Menschen aus der Stadt zu lassen.

Brennende Ölquellen (Foto: Anna Osius)
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Brennende Ölquellen erschweren durch dichten Rauch den Vormarsch auf Mossul (Foto: Anna Osius)

Langer Wiederaufbau nötig

tagesschau.de: Rund um Mossul gelten viele Orte als vom IS befreit. Können die Menschen zurückkehren?

Osius: Sie wollen natürlich zurück, aber das ist schwierig, denn die Ortschaften sind oftmals nicht sicher, geschweige denn bewohnbar. Man kann sehen, wie heftig die Kämpfe waren: Überall liegen verkohlte Autowracks, die Häuser sind zerstört, jahrhundertealte Kirchen in den christlichen Orten wurden geschändet.  

Vor allem Minen sind ein großes Problem. Der IS hat überall Sprengfallen deponiert. Ich konnte beobachten, wie Spezialeinheiten der USA Minen geräumt haben - ein ganzer Stapel aus nur einem Feld. Und die Sprengfallen sind das Tückische an diesem Krieg: Sie treffen oft die Zivilisten. Ich habe mit einem 17-Jährigen gesprochen, der letzte Woche beim Spielen seinen kleinen Bruder verloren hat: Der Zwölfjährige ist auf eine Mine getreten.

Ein Junge im irakischen Dorf Abu Shuwayhah trägt eine weiße Flagge. | Bildquelle: AFP
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Zwar können einige Zivilisten in die vom IS befreiten Ortschaften zurückkehren - doch die Orte sind oftmals zerstört.

tagesschau.de: Wie sieht die weitere Strategie der Offensive aus?

Osius: Jetzt beginnt der Häuserkampf in Mossul. Er dürfte lang und schwierig werden. Die Stadt ist weitestgehend eingekesselt - während im Norden und Osten die kurdischen Peschmerga stehen, haben sich von Süden und Osten die irakischen Streitkräfte fortbewegt, im Westen kämpfen schiitische Milizen. Wann und wie Mossul selbst eingenommen werden kann, ist derzeit völlig unklar.

Wer kommt nach dem IS?

tagesschau.de: Diese unterschiedlichen Gruppen sind derzeit im Rückeroberungskampf noch geeint, doch alle verfolgen ihre eigene Interessen. Wie hoch ist die Gefahr eines weiteren Konflikts?

Osius: Das Potenzial ist unglaublich groß. Viele Leute vor Ort sagen: "Wenn der IS weg ist, kommt jemand neues, vielleicht sogar die nächste Terrorgruppe". Der Irak ist so divers, dementsprechend sind die Verteilungskämpfe immens. Auch Minderheiten, wie die Christen oder Jesiden, wollen mitsprechen.

Die UN schmieden bereits Pläne, wie zum Beispiel eine internationale Strafgerichtsbarkeit eingerichtet werden könnte, um das System der Blutrache zu stoppen. Aber das sind bislang nur Gedankenspiele - faktisch gibt es keinen richtigen Plan für die Zeit nach dem IS. Und die Gefahr, dass Mossul auf lange Zeit unsicher bleibt, ist sehr groß, sagen Beobachter.

Das Interview führte Judith Pape, tagesschau.de

Lage im irakischen Mossul
Anna Osius, ARD Kairo
02.11.2016 11:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. November 2016 um 06:51 Uhr

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