Seitenueberschrift
Präsidentschaftswahl in Somalia
Zwischen Hoffnung und Resignation
In Somalia wählt das Parlament heute einen neuen Präsidenten - es könnte ein Schritt in Richtung Normalität sein. Doch auch wenn es in der Hauptstadt Mogadischu friedlicher zugeht, wirkt der 20 Jahre währende Bürgerkrieg noch immer. Auch alte Seilschaften bestehen fort.
Von Linda Staude, ARD-Hörfunkstudio Nairobi
Es ist voll auf dem zentralen Bakhara-Markt mitten in Mogadischu. Die Kundinnen lassen sich Zeit, suchen in aller Ruhe nach Obst und Gemüse. "Es gibt hier wirklich große Veränderungen. Die Geschäfte blühen wieder. Es ist relativ friedlich, Allah sei dank. Es sind gute Zeiten. Die meisten Händler in Mogadischu sehen das genau so. Wir sollten die Gelegenheit nutzen", sagt Händler Faysal Abdinuur.
Noch vor einem Jahr war selbst der Einkauf auf dem Markt lebensgefährlich, Mogadischu ein Schlachtfeld.
Aber seit die Milizen der radikalislamischen Terrorgruppe Al-Schabab im vergangenen August aus der Stadt vertrieben wurden, ist ein Stückchen Normalität zurückgekehrt, sagt auch Kundin Safiya: "Ich hoffe, dass die Stadt sich erholt von der Gewalt all dieser Jahre. Al-Schabab ist weg, die Studenten kommen an die Uni zurück. Die Stadt wird wieder aufgebaut. Das alles gibt uns Hoffnung in diesen unsicheren Zeiten. Aber auf der anderen Seite werden in der Stadt immer noch Anschläge verübt."
Somalia vor der Präsidentschaftswahl
S. Staude, ARD Nairobi
10.09.2012 01:51 Uhr
Sicherheit ist nach wie vor das beherrschende Thema
Erst im April wurden bei einem Selbstmordattentat während der Wiedereröffnung des Nationaltheaters zahlreiche Menschen getötet. Al-Schabab verlor zwar einen großen Teil ihrer Hochburgen im Südwesten des Landes, hält aber nach wie vor Kismayo. Die Hafenstadt liegt unter Feuer, ein Großangriff der kenianischen Truppen wird in naher Zukunft erwartet. Die Sicherheitslage ist denn auch das beherrschende Wahlkampfthema für die Präsidentschaftswahl.
"Ich verspreche Ihnen, dass ich unser Militär stärken werde. Sicherheit ist der Schlüssel zu einem guten Leben. Ich habe einen strategischen Plan für die Sicherung der Regionen im Süden, die bisher noch nicht von der Regierung verwaltet werden", erklärt Sheik Sharif Achmed, der bisherige Übergangspräsident. Er gilt als der aussichtsreichste Kandidat bei der Wahl.
Das ist kein gutes Zeichen für einen Neuanfang, fürchtet Jabril Ibrahim Abdullahe, Leiter einer Denkfabrik in Mogadischu: "Die Sicherheitslage hat sich verbessert, ja. Aber bei der Verwaltung des Landes hat die Regierung keine Fortschritte gemacht. Wenn dieselben Leute weitermachen, wird auch nichts erreicht."
Bandenchefs haben noch immer das Sagen
Mehr als eine Million Somalier sind in ihrem eigenen Land auf der Flucht. Allein in den provisorischen Lagern rund um Mogadischu leben rund 400.000 Menschen. Sie spüren bisher nichts von einem Neuanfang in der Stadt.
"Wir hausen hier ohne Toilette, ohne Wasser. Aber wir hatten zu viel Angst, in der letzten Notunterkunft zu bleiben. Das wichtigste ist, eine sichere Bleibe zu finden", erzählt eine Binnenvertriebene.
Nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Clans und Bandenchefs ist das Land verwüstet. Felder liegen brach. Fällt nur ein bisschen zu wenig Regen, drohen sofort neue Hungersnöte. Große Teile der Milliarden internationaler Hilfe sind über die Jahre in dunklen Kanälen versickert.
"Wir haben all diese Kriegsherren, diese Bandenchefs, die unsere Übergangsregierung bilden. Die geben die Macht niemals ab. Ganz sicher nicht", befürchtet Samia Laru, ein Aktivistin für die Rechte von Frauen in Somalia.
Die Kandidatenliste für die Präsidentenwahl gibt ihr Recht: Die meisten sind bekannte Gesichter, teils sogar noch aus Zeiten des vor 21 Jahren gestürzten Diktators Siad Barre. Die Sitze im Parlament wurden genauso verschachert wie seine Stimmen. Jabril Ibrahim Abdullahe hat trotzdem Hoffnung für sein Land: "Wir Somalier sind ewige Optimisten. Wir glauben an Morgen. Das Beste wird noch kommen. Für Somalia und für ganz Afrika."
Somalias Parlament wählt neuen Präsidenten
tagesschau 20:00 Uhr, 10.09.2012, Peter Schreiber, ARD Nairobi
Stand: 10.09.2012 02:54 Uhr
