Missbrauch: Katholische Kirche fürchtet weitere Enthüllungen

Katholische Kirche und Missbrauch

Große Angst vor weiteren Enthüllungen

Vier Tage lang haben etwa 200 Würdenträger der katholischen Kirche auf einer Tagung in Rom über Maßnahmen beraten, wie sexueller Missbrauch verhindert werden kann. Am Rande des Treffens wurde aber deutlich, wie groß die Sorge ist, den Skandal längst nicht überwunden zu haben.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Vor mehr als zehn Jahren erschütterte ein gewaltiger Missbrauchsskandal die katholische Kirche in Nordamerika. Wenig später Irland, dann Deutschland. Es scheint eine Art langsame Kettenreaktion bei den skandalösen Enthüllungen über gewalttätige und pädophile Geistliche zu geben. Und die große Sorge der katholischen Kirche ist: Wir sind noch nicht am Ende.

Jesuitenpater Hans Zollner (Bildquelle: AFP)
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Schließt einen neuen Missbrauchsskandal nicht aus: Jesuitenpater Zollner

Am Rande der Missbrauchstagung in Rom war von dem "rätselhaften Schweigen in Asien" die Rede. In den Kirchen Asiens scheint es, so die Unterstellung, wenig Problembewusstsein zu geben. Müssen wir mit einem neuen Missbrauchsskandal rechnen?

Der Organisator der Tagung, der Psychologe und Jesuitenpater Hans Zollner will das nicht ausschließen: "Eines unserer Ziele war ja auch, dass wir die Bischofskonferenzen, die in anderen Kontinenten liegen, darauf hinweisen, was sie tun müssen, um schon jetzt auf die Opfer zuzugehen, ihnen zuzuhören, um schon jetzt Maßnahmen umzusetzen für Prävention."

Aus Erfahrung klug? Die katholische Kirche und der Missbrauch
T. Kleinjung, ARD Rom
10.02.2012 04:38 Uhr

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"Auf die Opfer zugehen", "Prävention": In deutschen Ohren klingt das zwei Jahre nach dem großen Missbrauchskandal reichlich vertraut. Für Erzbischof George Mpundu aus Sambia sind das völlig neue Töne. In Afrika, einem Kontinent, der viele Probleme hat, wird sexueller Missbrauch von Kindern kaum registriert oder schlicht ignoriert.

"Das gibt es überall. Vielleicht bleiben wir etwas verschont, vielleicht gibt es nicht so viele Fälle wegen einer anderen Kultur. Aber das gibt es", räumt er ein.

"Wer wegschaut, macht sich strafbar"

Aus Erfahrung klug werden, darum ging es bei diesem Symposium an der Gregoriana Hochschule in Rom, das vom Vatikan massiv unterstützt wurde. Der Chefankläger der Glaubenskongregation Charles Scicluna machte den in Rom versammelten Bischöfen und Äbten in aller Deutlichkeit klar: "Wer wegschaut, macht sich strafbar."

Scicluna betonte: "Wir müssen uns von einer Kultur des Schweigens verabschieden. Und dort, wo es das noch gibt, müssen wir das klar benennen als Feind der Wahrheit und Gerechtigkeit."

Für Erzbischof Marx das schlimmste Jahr seines Lebens

Erzbischof Reinhard Marx (Bildquelle: dpa)
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Sieht die Tagung in Rom als Wende: Erzbischof Marx

Diesen Lernprozess hat die deutsche katholische Kirche schon weitgehend hinter sich gebracht. Im Jahr 2010 verging kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Missbrauchsfall veröffentlicht wurde. "Es war das schlimmste Jahr meines Lebens", sagte der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx in Rom.

Für ihn markiert dieser Kongress eine echte Wende: "Jetzt ist wirklich eine Sensibilität da, eine Offenheit. Die Dinge werden klar ausgesprochen. Es wird nicht mehr drumherum geredet, es wird die Wahrheit auf den Tisch gelegt. Es kommen die Opfer zu Wort. Man ist trotzdem geprägt von einer Hoffnung, dass aus der Erfahrung, die wir gemacht haben, sich etwas Positives entwickeln kann, eine Wende."

"Zentrum für Kinderschutz" als Lernangebot

In München wurde in Zusammenarbeit mit der Gregoriana Hochschule ein "Zentrum für Kinderschutz" aufgebaut, das Pfarrer, Ordensleute, Lehrer in aller Welt im Umgang mit Missbrauchsfällen schulen soll. Ein Lernangebot im Internet, das erst einmal an die kulturellen Bedingungen in den verschiedenen Regionen angepasst werden muss.

Psychiatrie-Professor Jörg Fegert von der Universität Ulm betreut das Projekt: "Heute Morgen war ein Referat über die Philippinen, in dem gesagt wurde: Wenn man sich auf den Philippinen nicht anfasst bei einem Gespräch, läuft was falsch. Das heißt, man muss von unten diese Inhalte an die jeweilige Kultur anpassen. Die große Stärke der katholischen Kirche ist, dass sie in all diesen Ländern vertreten ist. "

Rom im Winter (Bildquelle: dpa)
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Blick auf den Petersplatz und Petersdom im winterlichen Rom. Vier Tage lang berieten die kirchlichen Würdenträger in der italienischen Hauptstadt.

Die katholische Kirche, allen voran Papst Benedikt XVI., hat den Kindesmissbrauch durch Geistliche und kirchliche Mitarbeiter als massives Problem erkannt. Bis Mai müssen alle Bischofskonferenzen Richtlinien zur Bekämpfung des Missbrauchs vorlegen. In etlichen Kirchen, heißt es, wurde noch nicht einmal mit der Arbeit daran begonnen. Das dürfte sich nach diesem Kongress ändern.

Stand: 10.02.2012 05:05 Uhr

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