Russische Experten suchen Minen in der antiken Stadt Palmyra. | Bildquelle: AFP

Internationaler Anti-Minen-Tag Ein jahrzehntelanger Kampf

Stand: 04.04.2017 15:39 Uhr

Millionen Menschen in Syrien sind noch immer durch Minen bedroht, die der IS gelegt hat. Besonders schwierig ist die Räumung in der antiken Stadt Palmyra, wo russische Experten im Einsatz sind.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Den Hunden war es viel zu heiß: Als die russische Luftwaffe und Assad-treue Milizen vor einem Jahr die Terrororganisation IS aus der syrischen Stadt Palmyra vertrieben hatten, schickte der russische Präsident umgehend ein Expertenteam. Die Dschihadisten hatten auch das Gelände, auf dem die spektakulären Bauten aus der Antike stehen, vermint. Die Russen machten sich sofort an das Räumen: "Wir setzen entsprechend ausgebildete Hunde ein. Aber die werden sehr schnell müde, wegen des schlechten Wetters. Für die Hunde und für unser Team ist es schwer, hier zu arbeiten."

Mehrere Wochen brauchten die russischen Experten, bis sie vermelden konnten, dass alle Landminen und die Munition, die der IS zurückgelassen hatte, beseitigt seien. Das Räumen von Minen und Blindgängern in Syrien ist eine Sysiphos-Arbeit. In vielen Teilen des Landes wird nach wie vor gekämpft, und das dürfte bedeuten, dass weiterhin mehr Minen und Sprengsätze gelegt als beseitigt werden.

Syrien regelrecht mit Minen "verseucht"

In einem Dorf bei Homs graben Freiwillige Blindgänger aus einem Feld, mit der bloßen Hand und ohne Schutzbekleidung. Dieses Dorf ist in der Hand der Opposition, internationale Minenräumer bekommen keinen Zugang zu Rebellengebieten. Nadim Houri von Human Rights Watch in Beirut beklagt: "Minen sind für Kinder am gefährlichsten - Kinder sehen etwas am Boden, was sie interessant finden, und dann wollen sie es aufheben. Auch die Dorfbewohner, die sich als Freiwillige gemeldet haben, sind besonders gefährdet, weil sie häufig nicht ausgebildet wurden und nicht die nötige Ausrüstung haben."

Explosionskrater durch Minen in Syrien. | Bildquelle: REUTERS
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Explosionskrater durch Minen in Syrien.

In Syrien leben laut den Vereinten Nationen mittlerweile mehr als 6,3 Millionen Menschen in Gebieten, die durch Minen und Blindgänger regelrecht "verseucht" sind. Wegen der Schwierigkeiten, diese Gebiete zu erreichen, liegt ein Schwerpunkt der Arbeit von UNMAS, der Anti-Minen-Organisation der Vereinten Nationen, derzeit lediglich auf dem Versuch, die Bevölkerung über die Gefahr aufzuklären.

Minen in Kinderspielzeugen und Kühlschränken

Experten schätzen, dass allein der IS in Syrien und im Irak mehr als 100.000 Landminen gelegt hat, ein beispiellos großes Arsenal. Bevor sich die Jihadisten aus Dörfern zurückziehen, verstecken sie Sprengsätze in Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern und Moscheen - unter anderem in Teekannen, Puppen, Brotlaiben, Staubsaugern, Kühlschränken. Häufig sind diese Bomben groß genug, um ein ganzes Haus zum Einstürzen zu bringen. Die Extremisten präparieren auch Leichen.

Das Territorium, das der IS einst hielt, gilt nun als eines der am schlimmsten verminten Gebiete der Welt. Nadim Houri glaubt: "Die Minenräumung wird nach dem Ende des Konflikts Jahre brauchen - wahrscheinlich Jahrzehnte, denn das Problem ist kompliziert." Wie Minenfelder gelegt und Sprengfallen eingesetzt wurden, ist häufig nicht dokumentiert. Deshalb wird diese Arbeit eine lange Zeit dauern.

Geld fehlt für die Minenräumung

Und das Geld dafür fehlt: Für Syrien bat UNMAS die internationale Gemeinschaft um zehn-einhalb Millionen Dollar, bekam bisher jedoch nur gut ein Drittel davon. Für den Irak hatte die Organisation für dieses Jahr ein Budget von 50 Millionen Dollar veranschlagt. Nun heißt es, diese Summe werde man allein für die Räumarbeiten in und um Mossul brauchen. Für die Menschen in Syrien und im Irak bedeutet das: Selbst nach einer Befriedung der Konflikte wird der Krieg für sie noch lange weitergehen.

Minenräumung in Syrien und im Irak
C. Kühntopp, ARD Kairo
04.04.2017 12:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. April 2017 um 10:50 Uhr.

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