Forschung zu Mikroplastik in der Antarktis | Bildquelle: Daniel Beltrá/Greenpeace UK/dpa

Plastikmüll in der Antarktis Das Ende der unberührten Wildnis

Stand: 07.06.2018 05:30 Uhr

Bis jetzt galt die Antarktis als abgelegenes und deshalb besonders geschütztes Ökosystem der Erde. Greenpeace-Experten haben jetzt erstmals Mikroplastik am südlichsten Fleck der Erde nachgewiesen.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Bei Sonnenuntergang dringt die "Arctic Sunrise" tief in das Weddellmeer ein. Es ist Februar, antarktischer Sommer, also die einzige Jahreszeit, in der die Umweltschützer an Bord des Greenpeace-Schiffes das sensible Ökosystem am südlichen Ende der Erde erkunden können.

Das Weddellmeer mit seinen unzähligen Inseln liegt jenseits der Ankerpunkte des Antarktistourismus. Also genau der richtige Ort für Thilo Maack, um Schnee- und Wasserproben zu nehmen. Der Biologe will verlässliche Daten erheben für den Grad der Verunreinigung der entlegenen Antarktis.

Der natürliche Schutz wirkt nicht mehr

Bislang galt die größte Kühlkammer der Erde als unberührte Wildnis. Aufgrund des antarktischen Zirkumpolarstroms, einer Ringströmung um den antarktischen Kontinent herum, gingen Wissenschaftler bislang davon aus, dass es nur einen minimalen Austausch von Meereswasser zwischen dem Süden und Norden gibt. Der Zirkumpolarstrom schütze die Antarktis wie eine natürliche Barriere.

Als größte Bedrohung für das antarktische Ökosystem gelten schon seit Längerem die Fischtrawler, die es in der Nähe des Weddellmeers auf Krill abgesehen haben. Die kleinen, garnelenartigen Krebstiere sind als Futterquelle Basis allen antarktischen Lebens.

Tiere wie Robben, Pinguine und vor allem Blau- und Buckelwale sind vom Krill abhängig. Immer wieder sichten die Umweltschützer Trawler, die auf Krillfang gehen. Das ist möglich, weil das Weddellmeer noch nicht unter Naturschutz steht.

Forschung zu Mikroplastik in der Antarktis | Bildquelle: REUTERS
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Wissenschaftler entnehmen Wasserproben.

Mikrofasern und andere Kunststoffe gefunden

Hamburg, ein paar Monate später: Maack hält die ersten Ergebnisse seiner Wasseranalyse in der Hand. An fast allen Orten, an denen Proben genommen wurden, finden sich demnach Mikroplastik-Fasern - Spuren von Kunststoffen wie Polyethylen, Polypropylen und Nylon.

Offenbar kann der Zirkumpolarstrom diese Plastikteilchen nicht mehr vollständig unterbinden. "Wir haben auch chemische Gifte, so genannte PFAS-Stoffe entdeckt. All das zeigt, dass diese Schadstoffe vor diesen unberührten Gebieten der Antarktis nicht mehr Halt machen", sagt der Biologe.

Gifte, die für immer bleiben

Die Stoffe sind langlebig und bauen sich nur sehr langsam oder gar nicht ab. Einige bleiben für immer in der Umwelt. Einmal freigesetzt, verteilen sie sich über den gesamten Globus. Der Greenpeace-Experte befürchtet, dass diese Kunststoffe in die Nahrungskette gelangen. Über Algen und Krill-Krebse könnten sie sich im Gewebe von Blauwalen festsetzen.

Aus Untersuchungen geht hervor, dass gerade die chemischen PFAS-Stoffe die Fortpflanzung schädigen, das Wachstum von Tumoren fördern und das Hormonsystem beeinflussen können. Dennoch werden die Kunststoffe immer öfter in der Modebranche verwendet, vor allem bei vielen Outdoor-Marken.

Bisher unterschätzte Gefahr

Plastikmüll ist längst "eine globale Bedrohung", sagt Maack. "Diese ist mittlerweile vergleichbar mit den Folgen des Klimawandels oder der Überfischung. Jährlich gelangen durchschnittlich acht Millionen Tonnen Plastik in die Weltozeane. Tendenz steigend."

Als eine Maßnahme setzt sich die Bundesregierung derzeit für ein Meeres-Schutzgebiet im antarktischen Weddellmeer ein. Es wäre das größte der Welt - auf einer Fläche fünfmal so groß wie Deutschland.

Die Entscheidung darüber trifft die internationale Kommission zum Schutz der Antarktis im Oktober. Dies würde wohl vor allem die Fischtrawler fern halten. Doch der weltweite Plastikmüll gelangt ohne eine globale Strategie zur Müllvermeidung auch in Zukunft in die ehemals unberührte Wildnis der Antarktis.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. Juni 2018 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

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