Reporter in Mittelamerika: "Ich hatte Angst, sie bringen uns um"

Mittelamerikas Journalisten in Gefahr

"Ich hatte Angst, dass sie uns einfach umbringen"

Mexiko ist für Journalisten eines der gefährlichsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden dort laut "Reporter ohne Grenzen" Dutzende Reporter umgebracht, weil sie über Drogenhandel und Korruption berichten. Auch in Honduras werden Journalisten von vielen Seiten bedroht. Hauptproblem in beiden Ländern: Die Taten werden nur halbherzig verfolgt, auch wenn neue Gesetze eigentlich die Pressefreiheit schützen sollen.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mittelamerika

Gedenken an Regina Martinez (Bildquelle: dapd)
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88 Reporter wurden im vergangenen Jahr in Mexiko ermordet - unter ihnen die Journalistin Regina Martinez.

Luis Pablo Beauregard erinnert sich noch immer mit Schrecken an ein Erlebnis vor zwei Jahren. Als Journalist war er damals unterwegs mit einem Kollegen im gefährlichen Norden von Mexiko, um eine Reportage über Massengräber zu drehen.

"Plötzlich stoppten uns zwei Vans ohne Nummernschilder. Die Insassen waren bewaffnet. Einer von ihnen trug eine Mütze mit der Aufschrift 'CDG' für Cartel del Golfo. Das war so etwas wie eine Uniform des Drogen-Kartells", erzählt Beauregard. "Sie fragten uns aus: Was wir hier machen, warum wir hier sind. Etwa eine halbe Stunde hielten sie uns fest. Ich hatte echt Angst, dass sie uns einfach umbringen."

Mexiko: Einhundert Tote und Vermisste in zehn Jahren

Am Ende passierte nichts. Die Reporter durften weiterfahren. Aber in Mexiko kann es auch ganz anders ausgehen. Das Land ist für Journalisten inzwischen eines der gefährlichsten der westlichen Welt. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" spricht von einhundert Toten und Verschwundenen in den letzten zehn Jahren.

Ein Beispiel dafür ist Adrian Silva Moreno. Er wollte vergangenen November über einen Militäreinsatz gegen Ölschmuggler berichten. Als er vom Tatort wieder wegfuhr, tauchten plötzlich zwei Pick-ups auf, aus denen heraus der Journalist erschossen wurde.

Mittelamerika: Für Journalisten lebensgefährlich
M. Polansky, Mexiko-Stadt
30.01.2013 10:47 Uhr

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"Journalisten werden zur Selbstzensur gezwungen"

Auch in Honduras leben Reporter sehr gefährlich. In dem kleinen mittelamerikanischen Land wurden in den vergangenen drei Jahren alleine 25 Journalisten umgebracht, berichtet "Reporter ohne Grenzen". Angst habe sich breitgemacht, vor allem seit dem Militärputsch 2009, sagt die Journalistin Dina Meza. Und: Die Gefahr gehe längst nicht nur von Drogenbanden aus, die Honduras als Schmuggel-Drehscheibe nutzen.

"Journalisten werden zur Selbstzensur, zum Schweigen gezwungen. Man bekommt Drohungen über SMS mitten in Live-Sendungen", sagt Meza. "Oder es ruft jemand an, weil er angeblich wichtige Informationen hat. Und am Treffpunkt wird der Journalist dann entführt oder umgebracht." Es werde immer enger für Journalisten, sagt Meza. Denn sehr viele Gruppen sähen ihre Interessen bedroht - das organisierte Verbrechen, korrupte Polizisten oder auch Militärs.

Mexiko: Neues Gesetz soll Journalisten schützen

Das Auto, in dem Polizeireporter Salgado Orta gefunden wurde. (Bildquelle: REUTERS)
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In diesem Auto wurde im Mai 2012 in Cuernavaca der Polizeireporter Salgado Orta ermordet aufgefunden. Er war der fünfte getötete Journalist innerhalb einer Woche.

Eines der Hauptprobleme in Honduras oder Mexiko: die faktische Straflosigkeit. Kaum eine Tat wird aufgeklärt, Journalisten sterben oder verschwinden - aber ermittelt wird nur halbherzig. Inzwischen wächst aber der Druck auf die Behörden, sowohl in den Ländern selbst als auch international. Mexiko hat deshalb im Juni ein neues Gesetz verabschiedet, damit bedrohte Journalisten etwa schneller Polizeischutz erhalten können.

Das sei nur ein erster Schritt, sagt Hilda Luisa Valdemar von der mexikanischen Journalistenvereinigung. Weitere müssten folgen. "Bisher ist unklar, wie das Gesetz in der Praxis vor Ort umgesetzt werden soll. Wir sind also in der gleichen Gefahr wie immer", meint sie. Staatspräsident Peña Nieto habe ihnen versprochen, dass alles anders werde. "Wir hoffen dass er seine Zusage einhält."

Gefahr und Drohungen von offizieller Seite

In Mexiko und Mittelamerika bezweifeln aber manche, dass der Staat und vor allem die Behörden vor Ort verlässliche Partner sind, um die Pressefreiheit zu schützen. So hat die Journalisten-Organisation "Artikel 19" genauer untersucht, von wem Reporter in Mexiko in den in der Regel aggressiv angegangen werden. Ergebnis: In etwa jedem zweiten Fall wurden die Journalisten von offizieller Seite bedroht.

Dieser Beitrag lief am 30. Januar 2013 um 14:08 Uhr im Deutschlandfunk.

Stand: 30.01.2013 11:57 Uhr

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