Humanitäre Krise an der US-Grenze Allein, minderjährig, Flüchtling

Stand: 09.06.2014 21:02 Uhr

Hungrig, total erschöpft und ohne Begleitung werden die Kinder in Texas aufgegriffen. Mindestens 60.000 Minderjährige aus Zentralamerika werden voraussichtlich allein in diesem Jahr illegal in die USA einreisen - eine humanitäre Krise, wie auch die Obama-Regierung einräumt.

Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkstudio Washington

Neu ist nicht, dass die US-Grenzbehörden Kinder aus Zentralamerika aufgreifen, die illegal und unbegleitet von den Eltern oder anderen Verwandten über die Grenze gekommen sind. Neu ist das Ausmaß, mit dem vor allem Texas und Arizona seit Wochen konfrontiert sind.

Auch an diesem Wochenende berichteten die Lokalmedien in Arizona ununterbrochen davon, dass man dort schon wieder insgesamt tausend unbegleitete Kinder erwartet. Die waren ursprünglich in Texas aufgegriffen worden. Doch wegen totaler Überlastung der dortigen Pflegeheime fliegt die amerikanische Grenz- und Zollbehörde die Neuankömmlinge inzwischen in den benachbarten Bundesstaat aus. 

Junger Migrant blickt durch den Grenzzaun in Tijuana.
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Ein Junge blickt durch den Grenzzaun in Tijuana: Viele hoffen auf ein besseres Leben in den USA.

"Sie kommen zunächst nach Phoenix oder Tucson, und wohin dann? Richtung Süden nach Nogales. Der neue Schwung soll auf dem dortigen Gelände der Grenz- und Zollbehörde untergebracht werden", berichtet ein Sender. Ein anderer weiß: "Das zuständige Ministerium für Heimatschutz hat erklärt, weiterhin Kinder wie auch erwachsene Illegale von Texas nach Arizona überstellen zu wollen."

Die Kinder fliehen vor Drogenbanden in ihrer Heimat

Allein in Nogales leben bereits tausend sogenannte OTMs. Das Kürzel steht für "other than Mexicans" - also Kinder, die aus anderen Ländern als Mexiko stammen. Viele von ihnen hatten sich mit sehr wenig Geld allein auf den Weg Richtung USA gemacht. Dort hoffen manche, ihre Eltern oder andere Verwandte zu finden, sagt Sonia Nazario von der "Los Angeles Times".

Minderjährige Einwanderer: Humanitäre Krise an US-Grenze
S. Hasselmann, MDR Washington
09.06.2014 21:15 Uhr

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Nazario hat die lebensgefährliche Reise dieser Kinder quer durch Mexiko auf von Banden kontrollierten Güterzügen beschrieben: "Der treibende Faktor dafür, dass jetzt so sehr viel mehr Kinder illegal in die USA kommen, besteht in der erhöhten Gewalt in Guatemala, El Salvador und Honduras", sagt sie.

Diese drei Länder seien zunehmend von Banden kontrolliert, die oft in Schulen gehen und zu sehr jungen Kindern sagen würden: "Du machst bei uns mit, schmuggelst Drogen oder erpresst Leute in deiner Nachbarschaft, oder wir bringen dich und deine ganze Familie um." Die Kinder würden aus Todesangst fliehen, so Nazario. "Die UN-Kommission für Menschenrechte hat kürzlich bestätigt, dass sechs von zehn Kindern gezwungen wurden, ihre Länder zu verlassen."

"Wer kein Bett bekommt, liegt auf dem Fußboden"

Die minderjährigen Flüchtlinge sind zwischen vier und 17 Jahre alt und zumeist hungrig und krank. Manche tragen Windeln oder Kleidung, die Ewigkeiten nicht gewechselt wurden. Die US-amerikanischen Grenzbeamten fühlen sich total überfordert - ob in Texas oder in Nogales, Arizona, wo sie für die ersten 1000 Kinder eine alte Lagerhalle hergerichtet haben.

In großen miteinander verketteten Käfigen stehen Doppelstockbetten. Die reichen längst nicht für alle, erzählte ein Grenzbeamter heimlich der Lokalzeitung "Townhall", die ebenso wenig wie andere Medien Zutritt bekommt, um sich ein eigenes Bild zu machen. "Wir überlassen es den Kindern, die Hackordnung herzustellen. Wer kein Bett bekommt, liegt auf einem Tuch auf dem Fußboden. Die hygienischen Bedingungen und der Gestank in der Halle sind unsäglich."

Grenzbeamte "zum Babysitten" abgezogen

Viele Grenzbeamte sind extrem wütend, weil sie "zum Babysitten" von ihren eigentlichen Aufgaben abgezogen werden. Sie glauben, dass die Obama-Administration diese Situation nutzen will, um den Kongress zu einer Zuwanderungsreform mit weitgehenden Amnestie-Bestimmungen für Illegale zu bringen.

Grenzzaun zwischen Mexiko und USA.
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Die USA bauen ihre Zäune an der Grenze zu Mexiko immer weiter aus.

Auch die Gouverneurin von Arizona, Jan Brewer, beschwert sich massiv über die Obama-Regierung. Die lasse die betroffenen Kommunen und Staaten mit dem Problem allein und schicke diese vielen Illegalen einfach nicht zurück.

Doch Präsident Barack Obamas innenpolitischer Berater John Podesta sagt: "Außer, wenn sie aus Kanada oder Mexiko kommen, dürfen unbegleitete Minderjährige laut Gesetz nicht in ihr Heimatland zurückgebracht werden. Zunächst muss sich vielmehr das Gesundheitsministerium um diese Kinder kümmern."

Die steigende Zahl übe erheblichen Druck auf das System aus, so dass die Regierung eine Task Force aus mehreren Bundesbehörden gegründet hat. Das aktuelle Problem sei "ein weiterer Grund dafür, das gesamte Zuwanderungssystem zu reformieren", so Podesta weiter.

Anwälte sollen den Kindern bei Asylanträgen helfen

Präsident Obama und der US-Senat warten darauf, dass auch das Repräsentantenhaus dem vorliegenden Kompromiss vor der Sommerpause zustimmt, wofür derzeit nicht viel spricht. "In der Zwischenzeit müssen wir uns um diese humanitäre Krise kümmern und dafür sorgen, dass diese Kinder vernünftig untergebracht und betreut werden", sagt Podesta.

Auch das US-Verteidigungsministerium muss mitziehen und sich darauf vorbereiten, dass an drei Stützpunkten in Texas, Kalifornien und Oklahoma schon bald der nächste Schwung Hunderter, ja Tausender ohne Begleitung eingereister Kinder aufgenommen werden kann.

Zuwanderungslobbyisten fordern derweil mehr Geld für Anwälte, die den Kindern bei ihren Asyl- bzw. Visumanträgen helfen können. Auch sie rechnen damit, dass es sich bis Ende nächsten Jahres bereits um 140.000 solcher Fälle handeln wird.

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