Plakate mit Bildern der 43 verschwundenen Studenten | Bildquelle: REUTERS

43 Studenten in Mexiko Seit drei Jahren verschwunden

Stand: 26.09.2017 04:05 Uhr

Seit drei Jahren gehen die Eltern der 43 verschwundenen Studenten durch die Hölle: Sie wissen nicht, was mit ihren Söhnen geschehen ist. Die offizielle Version ist lange widerlegt. Für den Staat ist es ein nicht endender Skandal.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Hilda und Mario Hernandez wollen glauben, dass ihr Sohn Cesar noch lebt. An jedem seiner drei Geburtstage, die ohne ihn vergingen, hatte Mutter Hilda denselben Film im Kopf: Von Geburt, Kindheit und dem Tag, an dem sie ihn das letzte Mal in ihre Arme schließen durfte: "Ich wünsche mir nichts mehr, als dass er zurückkommt und ich ihn wieder umarmen kann. Seine Geburtstage sind das Schlimmste. Dann kommt der ganze Schmerz, weil er nicht da ist", sagt Hilda.

Cesar verschwand am 26. September 2014. Er war mit einer Gruppe Lehramtsstudenten aus Ayotzinapa auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt. In der Stadt Iguala kaperten sie dafür Busse.

Doch korrupte Sicherheitskräfte, die mit dem organisierten Verbrechen kooperierten, stoppten und beschossen sie. Sechs starben, 40 wurden schwer verletzt, 43 verschwanden, darunter Cesar. Weil die Behörden nicht ermittelten, suchten die Eltern selbst nach ihnen, auch Hilda und Mario.

Sie kletterten in Schluchten, drehten jeden Stein um, stießen auf mehrere Massengräber. Aber das waren andere Ermordete. Unfassbare 120 Tote, doch die Überreste ihrer 43 Söhne waren nie dabei.

Die Eltern eines der 43 vermissten Studenten in Mexiko.
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Hilda und Mario kommen nicht zur Ruhe, bis sie Gewissheit über ihren Sohn haben.

Forensiker widerlegten Erklärung

"Wir sind überzeugt davon, dass die Generalstaatsanwaltschaft schon lange weiß, was mit unseren Söhnen passiert ist. Für sie ist es aber einfacher, Funktionäre zu decken als uns die Wahrheit zu sagen", sagt Mario.

Hilda ergänzt: "Ich glaube, sie wissen genau, wo die 43 sind. Es gibt so viele Beweise dafür, dass die staatlichen Sicherheitskräfte sie mitgenommen haben. Die Behörden verschleiern, wo sie sie haben."

Mit einer Erklärung wurden Eltern und Öffentlichkeit kurz nach dem Verbrechen abgespeist: Der damalige Generalsstaatsanwalt nannte sie sogar "die historische Wahrheit": Korrupte Polizisten hätten die Studenten kriminellen Banden übergeben, die sie töteten und auf einer Müllhalde verbrannten.

Doch schon kurz danach widerlegten das unabhängige Forensiker. An diesem Ort habe keine Leichenverbrennung solchen Ausmaßes stattgefunden. Experten der Interamerikanischen Menschenrechtskommission wiesen zudem auf gravierende Ermittlungsfehler hin und machten auf ein mögliches Motiv aufmerksam: In einem der von den Studenten gekaperten Busse soll sich eine große Menge Heroin befunden haben, die in die USA geschmuggelt werden sollte. Die Studenten ahnten nichts davon.

Verbindung zwischen Staat und organisiertem Verbrechen

Santiago Aguirre von der Menschenrechtsorganisation Agustin Pro kennt jede der 450.000 Seiten Ermittlungsakten. Er spricht von einem symbiotischen Verhältnis zwischen staatlichen Sicherheitskräften und organisiertem Verbrechen, das der Fall offenbare:

"In diesem und vielen anderen ähnlichen Fällen erledigt der Staat seine Ermittlungsarbeit einfach nicht. Er weiß besser darüber Bescheid, wie viele Fässer Öl bei uns pro Tag gefördert werden, als darüber, wie viele Menschen verschwinden. Die Schicksale und die der Angehörigen sind ihm egal. In Mexiko sind so viele Menschen verschwunden, wie in der Zeit der Militärdiktaturen in Südamerika."

Kerzen erinnern an die verschleppten Studenten in Mexiko.
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Seit drei Jahren suchen Angehörige und Freunde nach den Studenten, sie geben nicht auf.

Schlaflose Nächte

Mindestens 32.000 Menschen sind es. Davon 43 Studenten, deren Fall vor drei Jahren die ganze Welt alarmierte. "Uns fehlen 43" steht seitdem im ganzen Land an Hauswänden und Brücken. Zum Jahrestag der nationalen Schande wird es neue Graffitis geben, werden wieder die Eltern auf die Straßen gehen. Mexikos Behörden hätten versucht, sie mit Entschädigungszahlungen ruhig zu stellen, berichten die Eltern von Cesar Hernandez. Sie hätten abgelehnt.

Hilda beschreibt ihr Leben: "Wir kommen nicht zur Ruhe, laufen von einem Ort zum anderen, verbringen schlaflose Nächte. Nur unsere Körper zwingen uns manchmal zu schlafen."

"Wir sind weder am Leben noch tot. Mein größter Wunsch wäre, ihn in den Arm zu nehmen und nach Hause zu holen. Und dann diesen Albtraum zu vergessen", beschreibt Mario seinen Wunsch.

Solange Hilda und Mario Hernandez nicht wissen, was mit Cesar passiert ist, müssen sie glauben, er sei noch am Leben. Seit drei Jahren fragen sie sich: Warum sagt man uns nicht einfach, wo unser Sohn ist?

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. September 2017 um 06:08 Uhr.

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