Rettungskraft geht Treppe an zerstörtem Haus hinunter | Bildquelle: dpa

Nach Erdbeben in Mexiko Erschütterte Megacity, erschüttertes Vertrauen

Stand: 29.09.2017 03:51 Uhr

Eigentlich fühlten sich die Menschen in Mexiko-Stadt gewappnet. Doch die schweren Erdbeben mit mehr als 400 Toten haben dem Land gezeigt, wie groß die Defizite beim erdbebensicheren Bauen nach wie vor sind - und das Vertrauen in den Staat erschüttert.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Entsetzt und panisch reagierten die Hauptstädter, als am 19. September um 13.14 Uhr die Erde unter ihren Füßen zu beben begann, Bücherregale umkippten, sich Gipsplatten von den Wänden und Decken lösten. Fassungslos rannten die Menschen hinaus auf die Straßen: Erst zwei Stunden zuvor hatte es eine Alarmübung zur Erinnerung an die Erdbebenkatastrophe von 1985 gegeben hatte und nur 12 Tage zuvor ein schweres Beben im Süden des Landes, dessen Erschütterungen die Hauptstadt aus dem Schlaf gerissen hatte. Da gab es kaum Zerstörungen in Mexiko-Stadt.

Große Zerstörungen in der Innenstadt

Doch am 19. September hüllten sich viele Straßen der Millionenmetropole in den Staub der eingestürzten Gebäude. Etwa 40 hatten den schweren Erschütterungen nicht Stand gehalten. Besonders in den schicken Innenstadtbezirken sind die Zerstörungen groß.

Etwa 40 Minuten nach dem Beben filmt ein junger Mann die Menschenmassen auf den Straßen und die Gebäudeschäden, als es direkt neben ihm plötzlich zu Krachen beginnt und ein mehrstöckiges Wohnhaus in sich zusammenfällt. Tagelang versuchten Rettungskräfte Verschüttete zu finden.

Bewohner waren nach dem Beben schon wieder in das Gebäude zurückgegangen, weil sie es für sicher hielten - unter ihnen auch Erick Gaona. Zwei Tage lang stand seine Schwester mit dem Megafon vor dem Gebäude, rief ihm zu, er solle durchhalten: "Ich werde erst gehen, wenn du draußen bist und ich dich mitnehmen kann. Ich liebe dich mein Bruder", ruft die junge Frau. Aber Erick Gaona hält nicht durch. Das Megafon verstummt.

Kreuz und Blumen vor zerstörtem Haus | Bildquelle: dpa
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Neben eingestürzten Gebäuden wurden in Mexiko-Stadt provisorische Gedenkstätten eingerichtet.

Auch deutsche Helfer suchen mit

In der Nacht kommen deutsche Helfer der Organisation ISAR zu dem Trümmerberg, der mit Flutlicht angestrahlt wird. Mit einem speziellen Bio-Radar suchen sie Lebenszeichen. Das Gerät kann menschliche Herztöne bis zu 25 Meter unter dickem Beton ausfindig machen.

Der Gründer und Geschäftsführer von ISAR, Michael Lesmeister, steigt von den Trümmern herab und zündet sich eine Zigarette an. Das Radargerät hat kein Leben mehr entdeckt. Jetzt ist die Frage: Trotzdem weitersuchen oder Schutt abtragen? "Das ist immer eine schwere Entscheidung", sagt er. "Wir haben auch keine Anzeichen auf Leben. Das ist dann die Entscheidung des Einsatzleiters hier vor Ort."

Erst mehr als 50 Stunden nach dem Beben hatten mexikanische Behörden die Hilfe der Deutschen bei der Rettung angefordert.

Erinnerung an die Katastrophe von 1985

An vielen Einsturzstellen nahmen Zivilisten die Rettung in den ersten Stunden nach dem Beben selbst in die Hand: Zu traumatisch ist die Erinnerung an das Versagen der Behörden nach der Erdbebenkatastrophe von 1985, bei der nach geschönten offiziellen Angaben 10.000, nach Angaben von Hilfsorganisationen bis zu 40.000 Menschen ums Leben kamen - auch weil die Rettung erst spät begann.

Und dieses Mal? "Die Gesellschaft überholt die Behörden" titelte das wichtigste Wochenmagazin "Proceso". Eine beispiellose Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft hat das Land erfasst - auch weil die Bürger ihren Behörden nicht vertrauen und ihnen wenig zutrauen.

Junge besonders engagiert

Nach diesem Beben waren in Mexiko-Stadt Zivilschutz, Spezialkräfte und die Armee gemeinsam im Einsatz, unterstützt von Zehntausenden Freiwilligen. Vor allem junge Mexikaner standen Schlange vor den Trümmern, um zu helfen: Helm, Mundschutz, Spaten und Handschuhe musste jeder selber mitbringen.

Yosimar Morales
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Der Student Yosimar Morales teilt Helfer ein.

Der Student Yosimar Morales teilt einige Brigaden ein. Seit 24 Stunden hat er keine Pause gemacht: "Ich bleibe bis zum Schluss, solange ich gebraucht werde", sagt er. Alle machten es genauso und seien hochmotiviert. "Alles, was sie wollen, ist: helfen. Mich treibt die Hoffnung, noch jemanden in den Trümmern zu finden. Es wäre schrecklich die Hoffnung aufzugeben. So hat meine Mutter mich erzogen."

Hohe Opferzahlen auch wegen schlechte Bauweise

Es sind die Kinder der Mexikaner, die das verheerende Beben von 1985 miterlebten, die sich heute besonders engagieren - so wie Ana Gabriela: Die junge Architektin überprüft, ob beschädigte Gebäude noch bewohnbar sind oder abgerissen werden müssen.

Tausende Bauten, darunter Hunderte Schulen, haben tiefe Risse in den Wänden, Teile sind herabgestürzt. Einige Tage nach dem Schock des Bebens wird die Frage lauter, wie es überhaupt zu so großen Schäden und totaler Zerstörung kommen konnte. "Jetzt kommt ans Licht, dass viele Gebäude nicht den Sicherheitsvorschriften entsprachen", stellt die Architektin fest.

Als Beispiel nennt sie den Einsturz einer Grundschule: Die Baustruktur sei schlecht gewesen, sie habe keine tragenden Säulen gehabt und die Betonfundamente seien nicht tief genug gewesen. "In der Theorie gibt es Sachverständige, die prüfen, ob die Bauvorschriften eingehalten werden, aber viele versuchen, Material zu sparen oder stecken Beamten Geld zu, damit sie Konstruktionen genehmigen. Diese Sachverständigen müssen jetzt zur Rechenschaft gezogen werden", so Gabriela.

Betrug, Pfusch, Korruption

Mindestens 19 Kinder kamen in der Grundschule ums Leben, auf deren dünnen Wänden die Besitzerin ihre private Wohnung aufs Dach hatte bauen lassen - mit Marmorplatten und Whirlpool. Genehmigungen für den Betrieb der Privatschule sollen gefälscht gewesen sein. Am 19. September 2017 rächten sich Betrug, Pfusch und Korruption brutal und ohne Ankündigung in nur wenigen Sekunden - ausgerechnet am Jahrestag des Bebens von 1985.

Der Schock sitzt tief, denn die Millionenmetropole fühlte sich eigentlich sicher und gewappnet. Unzählige mittelschwere Beben hatten scheinbar bewiesen, dass heute die Bausubstanz den Naturgewalten trotzen kann. Erdbebenalarmübungen hatten schon den Kindern eingeschärft, wie sie sich zu verhalten haben. Doch dann kam der 19. September und mit den Gebäuden zerfiel das Vertrauen zu Staub.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. September 2017 um 20:00 Uhr.

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