Flucht vor Jugendbanden in El Salvador "Die Polizisten täuschten vor, wir seien tot"

Stand: 19.06.2016 13:04 Uhr

Zehntausende Menschen flüchten aus El Salvador vor der Gewalt der Maras, der bewaffneten Jugendbanden - wie die blinden Eheleute Alfredo und Aurora Martínez. Ihre zehnjährige Tochter musste auf der Flucht für drei sehen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mittelamerika

Auf zwei weißen Plastikstühlen sitzen Aurora und Alfredo Martínez und hören zufrieden lächelnd den spielenden Kindern zu, darunter ist auch ihre zehnjährige Tochter Gabriela. Die Eheleute sind blind. Seit ein paar Wochen ist die Familie in der katholischen Migrantenherberge in Mexiko-Stadt.

Ihre Heimat El Salvador musste sie verlassen, weil sie von Jugendbanden, den Maras, bedroht wurde. Aurora und Alfredo betrieben einen Massagesalon. Das Schutzgeld, das die Maras verlangten, konnten sie nicht zahlen - und sie weigerten sich, stattdessen mit Drogen zu handeln.

Das blinde Ehepaar Aurora und Alfredo Martínez aus El Salvador mit ihrer Tochter in Mexiko-Stadt
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In Sicherheit: Aurora und Alfredo Martínez aus El Salvador in Mexiko-Stadt. Ihre Tochter Gabriela muss für drei sehen.

"Die Polizisten legten uns auf Bahren und deckten uns zu"

Eines Nachts drangen Bandenmitglieder in ihr Haus ein und schossen - Geräusche, die sie im Leben nicht vergessen würden, so Alfredo: "Zum Glück kam irgendwann die Polizei. Meiner Frau und meiner Tochter mussten sie Beruhigungsmittel geben, weil beide völlig außer sich waren. Sie hatten sich unter einem Bett versteckt. Die Polizisten legten uns auf Bahren und deckten uns mit weißen Tüchern zu, um vorzutäuschen, wir seien tot. Denn draußen beobachteten Bandenmitglieder, was geschah." Die Polizisten brachten sie schließlich fort und empfahlen ihnen die Flucht nach Mexiko.

So wie Aurora und Alfredo verließen im vergangenen Jahr Zehntausende Salvadorianer ihr Heimatland - viele wegen der Gewalt. Denn El Salvador gilt als das weltweit gefährlichste Land außerhalb von Kriegsgebieten. Die Familie ging über die Grenze nach Guatemala, dann weiter nach Mexiko, ohne Geld, ohne gültige Papiere. "Wir hatten immer Angst, entdeckt zu werden", erzählt die blinde Aurora. "Für uns ist es noch gefährlicher als für andere Flüchtlinge, weil wir die Verbrecher nicht sehen können." Nicht sehen können, "ob jemand vorhat, uns anzugreifen oder auszurauben. Nur mit der Hilfe Gottes und mit der Hilfe unserer Tochter haben wir es bis hierher geschafft".

Mitglieder der Maras in El Salvador legen im Rahmen einer Amnestie ihre Waffen nieder (Archivbild von 2013).
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Mitglieder der Maras in El Salvador legen im Rahmen einer Amnestie ihre Waffen nieder (Archivbild von 2013).

"Wenn wir Hunger hatten, mussten wir ihn aushalten"

Gabriela ist ein rundliches Mädchen. Ihre ernsten braunen Augen sehen für drei. "Aus dem Bus habe ich viele Dinge gesehen", erzählt sie über die wochenlange Odyssee: "Bäume, Katzen, Hunde und Kaninchen auf den Feldern. Wir haben Bus- und Lkw-Fahrer gebeten uns mitzunehmen. Wenn wir Hunger hatten, mussten wir ihn aushalten. So sind wir hierhergekommen." Zum ersten Mal spricht sie mit einer Fremden über die Reise. In Mexiko hätten ihnen die Menschen aber manchmal Essen geschenkt, erzählt Gabriela.

Die Leiterin der Migrantenherberge, Maria Magdalena Silva, überrascht das nicht. Auch hier, in einem der eher ärmlichen Viertel von Mexiko-Stadt, klopften täglich Nachbarn an die Tür, um Essen und Kleidung abzugeben oder Hilfe anzubieten. "Wenn sie einen Flüchtling fragen, wer ihn am meisten unterstützt, wird jeder sagen: die Menschen." Mit den Behörden machten sie jedoch andere Erfahrungen: "Migrationsbeamte, Polizisten sind diejenigen, die sie schlagen, erpressen, ausrauben, entführen." Die mexikanische Bevölkerung dagegen sei gastfreundlich. Mexikaner kennen das Schicksal der Flüchtlinge, weil Millionen von ihnen in die USA gegangen sind.

"Die Menschen flüchten, um ihr Leben zu retten"

Die Familie rettete sich auf ihrer Reise von einer Migrantenherberge zu nächsten. Auf der letzten Etappe nach Mexiko-Stadt half ihnen das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das sich stärker in dem nordamerikanischen Land engagiert. Denn aus Mittelamerika kommen nicht mehr nur Migranten, die in den USA arbeiten wollen, sondern immer mehr Flüchtlinge, die vor Gewalt fliehen, erklärt Mark Manly vom UNHCR: "Das Profil der Menschen hat sich sehr verändert. Heute verlassen sie ihre Heimatländer, wie El Salvador, Honduras und Guatemala, vor allem um ihr Leben zu retten. Vor etwa fünf Jahren kamen vor allem junge Männer, die allein unterwegs waren. Jetzt sind es Kinder mit ihren Eltern, ganze Familien, und alleinstehende Frauen."

2015 baten 136 Prozent mehr Menschen in Mexiko um Asyl als im Jahr zuvor. So wie Aurora, Alfredo und Gabriela. Sie hatten Glück: Ihrem Antrag wurde stattgegeben. 20.000 Menschen wurden aber in den ersten Monaten dieses Jahres deportiert - zurück in die Gewalt.

Mexiko - Auf der Flucht vor Jugendbanden
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
19.06.2016 11:42 Uhr

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