Kommentar

Kommentar zur Merkel-Reise Saudi-Arabien - viel besser als sein Ruf

Stand: 01.05.2017 17:00 Uhr

Saudi-Arabien gilt vielen in Europa als ein Königreich der Verbote. Doch manche die das Land kritisieren, kennen es gar nicht. Dabei wandelt sich Saudi-Arabien. Das hat auch die Kanzlerin bemerkt - ihre Reise war deshalb richtig.

Ein Kommentar von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo, zzt. in Riad

Saudi-Arabien hat einen schlechten Ruf. Viele Menschen sehen es als ein Land religiöser Fanatiker, die mit ihren Petrodollars blutige Konflikte überall in der Region befeuern, beispielsweise in Syrien und im Jemen - während sie zuhause Frauen als rechtlose Mündel halten.

Keine Frage: Die Lage der Menschen- und Bürgerrechte in Saudi-Arabien ist miserabel. Und das ist nichts, was man als Imageproblem kleinreden und dann mithilfe von PR-Agenturen beheben könnte. Wie soll man also mit "solchen Leuten" umgehen? Wäre es nicht richtig, dieses Land zu ächten, anstatt seine Herrscher zu hofieren? War es falsch, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel dem saudischen König Salman ihre Aufwartung gemacht hat? Was tun mit dem Königreich, das für nicht-religiöse Touristen verboten bleibt? Was tun mit dem Königreich der Verbote?

Fundierte Urteile oder nur Vorurteile?

Diejenigen, die am lautesten gegen die Saudis wettern, sind häufig die, die das Land am wenigsten kennen. Anstatt fundierter Urteile bieten sie überholte Vorurteile.

Merkels Sache ist das nicht. Sie hat in Dschidda genau zugehört und hingeschaut. Sie hat festgestellt: Saudi-Arabien ist ein Land im Umbruch. Heute ist dort sehr viel mehr möglich als noch vor ein paar Jahren. Gerade bei der Rolle der Frauen, so die Kanzlerin, habe sich viel geändert - das hatte Merkel von den saudischen Unternehmerinnen gehört, mit denen sie sprach.

Mit der vor einem Jahr beschlossenen "Vision 2030" hat sich Saudi-Arabien einen Umbau seiner Wirtschaft verordnet, eine Diversifizierung weg vom Öl - und damit einhergehend eine Öffnung der Gesellschaft. Egal mit wem man in Saudi-Arabien spricht - überall hört man: Ja, es hat sich in letzter Zeit viel zum Guten geändert. Und viele Menschen fügen dann hinzu: Nein, es geht uns noch nicht schnell genug und nicht weit genug, aber die Richtung stimmt. Diesen Reformprozess kann und sollte Deutschland helfend begleiten, die Saudis sind daran offenbar interessiert.

Saudi-Arabien verändert sich

Und die Menschenrechte? Bleiben ein dickes Brett, an dem gebohrt wird, sagte Merkel - sowohl hinter verschlossenen Türen, als auch in der Öffentlichkeit. Und das ist gut so.

Saudi-Arabien ist nicht statisch, sondern es verändert sich. Das geschieht bereits seit einigen Jahren, in letzter Zeit aber in erhöhtem Tempo. Aus europäischer Sicht mag das noch immer ein Kriechgang sein, aber die Saudis selbst spüren plötzlich überall neue Freiräume. Etwa zwei Drittel der Menschen hier sind noch keine 30 Jahre alt. Gerade den jungen Leuten gibt die staatlich verordnete "Vision 2030" nun einen Horizont der Hoffnung. Innerhalb der Regierung ist es ihre Generation, ist es die Generation der Enkel des Staatsgründers, die nun nach oben drängt.

Ein Vorwurf bleibt

Was mit der "Vision 2030" angestoßen wurde, dürfte sich nur schwer wieder zurückdrehen lassen. Merkel hat das gesehen und ging mit den Saudis so um, wie es richtig ist: offen und fair. Saudi-Arabien lässt sich eben nicht auf das Zerrbild vom erzkonservativen, menschenverachtenden und frömmelnden Ölscheich reduzieren. Wenn man der Kanzlerin im Zusammenhang mit ihrer Reise nach Dschidda etwas vorwerfen wollte, dann, dass sie sich nicht genug um das Land kümmert: Dies war ihr erster Besuch seit nicht weniger als sieben Jahren.

Offen und fair - Merkels Umgang mit Saudi-Arabien ist richtig
C. Kühntopp, ARD Kairo
01.05.2017 16:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Mai 2017 um 18:30 Uhr.

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