Regierungskritische Journalistin in Moskau ermordet

Kritische Berichte aus Tschetschenien

Russische Journalistin in Moskau ermordet

Die russische Journalistin und Regierungskritikerin Anna Politkowskaja ist in Moskau ermordet worden. Eine Nachbarin habe sie im Lift ihres Wohnhauses erschossen aufgefunden, meldete die Nachrichtenagentur Interfax. Die Polizei habe eine Pistole und vier Geschosshülsen sichergestellt.

Anna Politkowskaja (Bildquelle: picture-alliance/ dpa)
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Die russische Journalistin Anna Politkowskaja im August 2005

Die 1958 geborene Politkowskaja hatte sich durch ihre kritischen Reportagen über den Tschetschenien-Krieg weltweit einen Namen gemacht. Sie schrieb vor allem für die kleine regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta" in Moskau. Der Chefredakteur der Zeitung, Dmitri Muratow, bestätigte den Mord. "Sie ist im Eingang zu ihrem Haus erschossen worden", sagte er.

Politkowskaja zählte zu den prominentesten russischen Journalisten. Sie berichtete seit 1999 über den Konflikt in Tschetschenien. Unter anderem schrieb sie ein Buch über Präsident Wladimir Putin und dessen Vorgehen in der Kaukasusrepublik. Dabei dokumentierte sie zahlreiche Fälle von Misshandlung der Zivilbevölkerung durch Regierungssoldaten. Im Oktober 2002 war sie eine von wenigen Personen, die während der Geiselnahme in einem Moskauer Theater das Gebäude betrat und versuchte, mit den tschetschenischen Extremisten zu verhandeln.

Im Visier der Geheimdienste

Wegen ihrer Reportagen geriet Politkowskaja oft ins Visier von Politikern und manchmal auch der Sicherheitsdienste. Als sie im Jahr 2004 von Moskau in den Nordkaukasus zu der Geiselnahme von Beslan fliegen wollte, erlitt sie eine rätselhafte Vergiftung, für die sie den russischen Geheimdienst verantwortlich machte. Im Januar 2005 wurde sie in Schweden gemeinsam mit zwei weiteren russischen Menschenrechtsaktivisten für ihren Einsatz zur Förderung der Demokratie in Tschetschenien mit dem Olof-Palme-Preis ausgezeichnet.

"Wann immer die Frage aufkam, ob es in Russland ehrlichen Journalismus gibt, wurde fast jedes Mal zuerst der Name Politkowskaja genannt", sagte Oleg Panfilow, Direktor des Zentrums für Journalismus in Extremsituationen mit Sitz in Moskau. Die Mutter zweier Kinder habe häufig Drohungen erhalten. Vor einigen Monaten hätten unbekannte Angreifer erfolglos versucht, in ein Auto einzudringen, in dem ihre Tochter Vera am Steuer saß. 2001 flüchtete Politkowskaja für mehrere Monate nach Wien, weil sie per E-Mail Drohungen erhalten hatte.

Auf Deutsch erschienen sind Politkowskajas Bücher "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" (2003) und "In Putins Russland" (2005).

Stand: 07.10.2006 17:53 Uhr

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