Getreidespenden sinken dramatisch Nordkorea droht akute Nahrungskrise

Stand: 24.08.2007 16:09 Uhr

Kein anderer Staat weltweit schottet sich so sehr ab wie Nordkorea. Dennoch konnten die ARD-Korrespondenten Mario Schmidt und Martin Fritz Ende 2006 vier Tage lang durch das Land reisen, um über die Lage dort nach dem Atomtest und den UN-Sanktionen zu berichten. Und mussten berichten, dass die Bevölkerung entgegen aller Absicht der eigentliche Leidtragende der Sanktionen ist. Denn in Folge der politischen Spannungen droht eine akute Nahrungskrise.

Von Martin Fritz, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Die internationalen Strafmaßnahmen für den Atomtest zielen ausdrücklich nicht auf die einfache Bevölkerung von Nordkorea, weil sie bereits seit Jahren unter der sozialistischen Misswirtschaft leidet. Deshalb wurde nur ein Embargo für Luxuswaren verhängt, das die Elite treffen soll. Führer Kim Jong-il soll keinen Cognac und Kaviar mehr bekommen und auch keine Diamanten, Pelze und Uhren als Geschenke an loyale Kader und Generäle verteilen können.

Zerstörte Reisfelder in Korea
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Immer wieder zerstören Unwetter die Reisernten in Nordkorea. Ohne Lieferungen aus dem Ausland kann das Land die ohnehin viel zu geringen Bestände nicht auffüllen.

Trotzdem könnte es vielen Nordkoreanern bald schlechter gehen. Denn als Folge der politischen Spannungen ist die ausländische Nahrungsmittelhilfe stark zurückgegangen. Im Vorjahr spendeten China und Südkorea zusammen eine Million Tonnen Getreide, in diesem Jahr waren es nur knapp 300.000 Tonnen. Südkorea kürzte seine Hilfe auf 89.000 Tonnen und damit um mehr als 80 Prozent, China lieferte 62 Prozent weniger.

Im nächsten Jahr werden Nordkorea nach UN-Berechnungen eine Million Tonnen Getreide fehlen, um alle Menschen zu ernähren. Zwar drohe deshalb noch keine Hungersnot, erklärte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WEP) in Pjöngjang. Aber die derzeitige "chronische" Nahrungskrise könnte demnächst zu einer "akuten" Krise werden. "Eine Lücke von knapp 20 Prozent zwischen Bedarf und Angebot zwei Jahre hintereinander hat negative Folgen für schwangere Frauen und Mütter von Kleinkindern", sagt Jean Pierre de Margerie, WEP-Chef für Nordkorea. "Mehr von ihnen werden von Mangelernährung betroffen sein, dadurch werden mehr Frauen und Kinder sterben."

Praktisch nichts mehr zu verteilen

Das Welternährungsprogramm selbst hat fast nichts mehr zu verteilen. Bisher versorgt man knapp zwei Millionen Kinder, Mütter, Schwangere und Alte. Diese Gruppen sind durch Vitamin- und Nahrungsmangel besonders gefährdet. Aber wegen der Atomkrise würden die bisherigen Geberländer kaum noch spenden, heißt es beim WEP. Derzeit seien nur 15 Prozent dieser Operation gedeckt. Immerhin habe man aus Deutschland kürzlich eine halbe Million Euro erhalten.

"Seit der Hungerkatastrophe in den 90er Jahren ist der Anteil der mangelernährten Kindern um die Hälfte gefallen, von 68 auf 37 Prozent", berichtet de Margerie. Dieser Anteil werde aber wieder steigen und die Fortschritte der letzten zehn Jahre zunichtemachen, wenn Nordkorea nicht genug Nahrungsmittel bekomme.

Pjöngjang torpediert Hilfsbemühungen

Lebensmittelmarkt Nordkorea
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Der Eindruck täuscht: So üppig wie auf diesem Lebensmittelmarkt in der Hauptstadt Pjöngjang ist das Angebot im Rest des Landes nicht.

Trotz dieser Aussichten schränkten die nordkoreanischen Behörden die Arbeit des Welternährungsprogramms zuletzt stark ein. Vor einem Jahr mussten drei Viertel der WEP-Mitarbeiter das Land verlassen. Und während die Organisation früher knapp zwei Drittel der Landesbezirke anfahren durfte, sind es heute nur noch 29 von 223 Bezirken, rund 13 Prozent. Viele Regionen seien deswegen für die Vereinten Nationen zu schwarzen Flecken auf der Landkarte geworden, so de Margerie.

Der einzige Lichtblick: Seit vier Jahren dürfen die Nordkoreaner auch private Beete anlegen. Seitdem wachsen Gemüse und Getreide auch vor vielen Wohnhäusern und an den meisten Berghängen. Experten schätzen diese private Anbaufläche auf zwei Millionen Hektar. Zudem züchten viele Menschen in ihren Wohnungen Schweine und Kaninchen. Wohl nur dank solcher Zusatznahrung werden viele Nordkoreaner den langen und harten Winter überstehen.

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