Organisiertes Verbrechen Der Kampf Bulgariens gegen die Mafia

Stand: 18.12.2006 11:47 Uhr

Ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts Bulgariens erwirtschaftet die Unterwelt, viele Auftragsmorde bleiben ungeklärt: Das Land kämpft mit den Folgen der organisierten Kriminalität. Trotz massiven Drucks aus Brüssel verbessert sich die Situation nur langsam. Eine Justizreform soll nun Abhilfe schaffen.

Von Andrea Mühlberger, ARD-Studio Südosteuropa

Kriminalität in Bulgarien
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Bulgarien will härter gegen die organisierte Kriminalität vorgehen

Der Fitness- und Massageclub im Herzen von Sofia ist nur ein Beispiel für die vielen Geschäfte, bei denen der Unternehmer Pavel Naydenov die Finger mit im Spiel hat. Gerade hat der Mann mit der dicken Zigarre ein Auge darauf, dass die Weihnachtsdeko in der Bar ordentlich gemacht wird - bis 22 Uhr muss alles fertig sein. Dann beginnen leicht bekleidete Animierdamen auf der Bühne mit ihrem Tanz an den Stangen.

Im Arbeitszimmer von Naydenov hängen eine Kopie des "Letzten Abenmahls", ein Schwert von König Arthur, Sporturkunden und ein Porträt von ihm und seinem Sohn Ilija Pawlow. Ein Foto aus besseren Zeiten, wie die anderen, die der alte Mann aus einer Mappe hervorkramt. Sie zeigen seinen Sohn als Balkanmeister im Freistil-Ringen, als Mann mit besten Beziehungen in die höchsten politischen Kreise Bulgariens.

Die Auftraggeber bleiben im Dunkeln

Doch Ilija Pawlow, der nach der Wende durch den Handel mit Alteisen, Strickwaren, Waschmitteln, Zucker und durch Beteiligungen an Fußballclubs und Hotels zum reichsten Mann Bulgariens wurde, lebt nicht mehr. 2003 wurde er im Alter von 43 Jahren von Unbekannten erschossen. "Wir haben bis heute keine Ahnung, wer dahinter steckt. Einige sitzen im Gefängnis, auch wegen anderer Fälle. Ich weiß nicht, wer der Auftraggeber war", sagt der Vater und legt resigniert seine Zigarre beiseite.

Image-Schaden durch Mafia

Ein typischer Fall. Und einer jener geschätzten 140 Auftragsmorde, die Bulgarien seit der Wende einen riesigen Image-Schaden eingebacht haben. Bulgarien kann sich mit seiner Kriminalstatistik durchaus sehen lassen, behauptet Yovo Nikolov, Korrespondent für besonders heikle Geschichten beim bulgarischen Wirtschaftsblatt "Kapital". Ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist und gerne provoziert. Der Mitvierziger mit Glatze und Stiernacken würde selbst gut in das Milieu passen, über das er schreibt.

Nur ein kleiner Teil der Mordfälle in Bulgarien seien Auftragsmorde, sagt Nikolov. "Das Problem ist, dass diese Auftragsmorde so spektakulär und aggressiv sind, dass sie sich mitten auf der Straße ereignen. Deshalb stürzt sich die westliche Presse auch so darauf", sagt er mit Blick auf seine Kollegen aus dem Ausland. "Vergleicht man die italienische Mafia mit dem organisierten Verbrechen in Bulgarien, was die Finanzen betrifft und die Bereiche, in denen sie tätig ist, dann ist die bulgarische Kriminalität ein sechsjähriges Kind."

Rechtssystem mit Lücken

Der Journalist räumt aber ein, dass eine Gesellschaft auch mit einem sechsjährigen Kind überfordert sein kann: Polizei, Innenministerium, Rechtssystem - keiner in Bulgarien sei auf die Probleme vorbereitet gewesen, die durch die politische Wende in den 90er Jahren entstanden seien. "Das Schlüsselproblem ist, dass es hier nie eine ordentliche Strafverfolgung für organisiertes Verbrechen gab. Unser Rechtssystem hat versagt, es gab keine Gesetze, um die Verbrecherorganisationen in ihre Schranken zu weisen und aufhalten zu können. Und so hatte die organisierte Kriminalität hier zehn Jahre Zeit, um genug Finanzen zu sammeln, diese Gelder zu waschen und in die normale Wirtschaft zu stecken."

Dass das System in Bulgarien so gut funktioniert hat, liegt vor allem daran, dass sich die entlassenen Apparatschiks, Ex-Politiker und frühere Geheimdienstler, gleich zu Beginn der Wendezeit in Branchen organsierten, die schnelles Geld versprachen - wie Hotels und Immobilen. Und mit den Gewinnen konnten sie sich Straffreiheit erkaufen. Durch die Justiz-Reform, auf Druck der EU, soll damit jetzt Schluss sein. Und die Auftragsmorde in Bulgarien passieren angeblich, weil der Verteilungskampf immer härter wird.

EU-Beitritt: Kein Problem für Mafia

Dass die organisierte Kriminalität durch den EU-Beitritt zurückgeht, hält Nikolov aber für ein Märchen. Künftig könne man Waren doch viel einfacher über die Grenze bringen, meint er. "Wenn aus Bulgarien sieben Lkw mit Zigaretten losfahren und gegen die Vorschriften nach Großbritannien gelangen, wenn englische Grenzpolizisten sechs davon beschlagnahmen und nur einen durchlassen, dann ist der Gewinn immer noch doppelt so groß wie alle Ausgaben für diesen Transport."

Die Bulgaren, meint der Journalist, wollen solche Sachen gar nicht mehr hören. Sie sind verbittert, wenn sie die stinkreichen Menschen in ihren teuren Autos und Designerklamotten sehen, weil sie wissen, dass dieses Geld nicht auf legale Weise verdient worden ist.

Bulgariens Statistik spricht für sich

Obwohl Brüssel massiv Druck ausübt, verbessert sich die Situation nur langsam. Noch immer erwirtschaftet Bulgariens Unterwelt ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Noch immer wird Bulgarien im Drogenbericht der Vereinten Nationen als einer der wichtigsten Fundorte für Drogen wie Heroin erwähnt. Und noch immer werden viel zu wenige Auftragsmorde verfolgt, geschweige denn aufgeklärt.

Doch auch wenn viele seiner Recherchen ins Leere laufen - für den Journalisten Yovo Nikolov ist Schreiben kein Kampf mehr gegen Windmühlen. "Eine ganze Zeit lang waren die Medien hier das einzige Mittel, das zur Aufklärung beigetragen hat, bei einem völlig unfähigen Rechtssystem. Wenn ich durch meine Artikel die Staatsanwaltschaft auf bestimmte Fälle aufmerksam machen kann, ist meine Arbeit doch durchaus sinnvoll."

Möglicherweise ist es also gut für Bulgarien und schlecht für alle Mafia-Organisationen im Lande, dass mit dem neuen Generalstaatsanwalt Boris Weltschew ein junger, ambitionierter Mann an eine Schlüsselstelle der Justiz gelangt ist. Er soll die Zeitung angeblich nicht nur lesen, sondern mit routinierten Journalisten wie Nikolov auch zusammenarbeiten.

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