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Think Tanks - Denkfabriken der Herrschenden

Think Tanks in den USA

Die Denkfabriken der Herrschenden

Sie gelten als Kaderschmiede und intellektuelles Fundament der US-Politik - die Denkfabriken, genannt "Think Tanks". Von potenten Sponsoren und Stiftungen alimentiert können dort Wissenschaftler Ideen entwickeln, ohne auf die Strukturen herkömmlicher akademischer Einrichtungen Rücksicht nehmen zu müssen.

Von Albrecht Ziegler, SWR-Hörfunkstudio Washington

null (Foto: picture-alliance / dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: "Er wollte im Prinzip den Ersten Weltkrieg verhindern": Andrew Carnegie ]
Think Tanks sind in den USA traditionell ein Bestandteil des politischen Betriebs. Ihre Entstehung ist verknüpft mit dem Aufstieg von Unternehmern, die im späten 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihr Vermögen mit der Industrialisierung und bei der Erschließung des amerikanischen Westens verdienten und die durch ihre Stiftungen prägenden Einfluss auf das soziale und kulturelle Leben der USA hatten, wie beispielsweise Andrew Carnegie, der sein Geld mit Stahl verdiente, im Alter zum Philanthropen wurde: "Es gab die Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, die Andrew Carnegie ins Leben rief, weil er im Prinzip den Ersten Weltkrieg verhindern wollte", erzählt Adam Posen von der Washingtoner Wirtschafts-Denkfabrik Peterson Institute. "Und es gab die Brookings Institution, von einem wohlhabenden Mann namens Robert Brooking eingerichtet, der moderne Regierungsangestellte ausbilden wollte. Die meisten anderen Think Tanks entstanden später in der Nachkriegszeit. Die andere große Welle war im Kalten Krieg in den sechziger Jahren

Konservative und liberale Sponsoren

null (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: "Die Leute dachten, es gibt einen anderen Ansatz für den Irak-Krieg": Bush mit der Iraq Study Group ]
Rund 1100 Think Tanks gibt es in den USA, mehr als 100 davon allein in der Hauptstadt Washington. Finanziert werden sie durch Stiftungen wie die der Carnegies oder der Rockefellers, die ebenfalls zu den Geldgebern der linksliberalen Brookings Institution gehören. Andere, wie die Bierbrauerdynastie Coors, spenden an das konservative American Enterprise Institute. Zu dessen Geldgebern zählt auch Microsoft. Den Gegenpol dazu bilden gewerkschaftlich finanzierte Denkfabriken. Neben denjenigen, die Stiftungsgelder und Spenden erhalten, gibt es auch Denkfabriken wie die Rand Corporation, die ihr Geld mit Gutachten beispielsweise für die Regierung verdienen.

Ergänzung zu akademischen Einrichtungen?

Geld ist aber nicht der einzige Grund für den Aufstieg der Think Tanks im Lauf der letzten hundert Jahre, er ist auch das Ergebnis des Versagens der Universitäten - meint zumindest David Boaz vom liberalen Cato Institute: "Viele Akademiker in den Vereinigten Staaten sind in Hobbys oder in esoterischen Spezialgebieten gefangen. Sie haben nicht das große Ganze im Auge", sagt er. Think Tanks dagegen betrieben teilweise Forschung, die für Wissenschaftler nicht so interessant sei. "Sie ist aber für die Tagespolitik wichtig, für den wirklichen Wandel in der Welt." Die Think Tanks füllen demnach quasi eine Marktlücke im wissenschaftlichen Betrieb. Artikel zur Lösung politischer Fragen werden geschrieben, Bücher publiziert, Tagungen veranstaltet, die Wissenschaftler treten als Experten in Radio, im Fernsehen und bei Anhörungen im Kongress auf.

Wissenschaftliche Unterstützung der Tagespolitik

null (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: "Sie knöpften sich Leute im Weißen Haus vor." ]
Ihr Einfluss auf die Tagespolitik ist nach David Boaz' Ansicht nicht bestreitbar: "In den 80er Jahren bekam Ronald Reagan viele seiner Ideen von der Heritage Foundation und vom Manhattan Institute, die die freie Marktwirtschaft propagieren", erklärt er. "Die Bush-Regierung hat viele Ideen von den Neokonservativen beim American Enterprise Institute erhalten. Diese hatten sicherlich großen Einfluss, als es darum ging, Argumente für den Krieg zu liefern. Und jetzt, da der Krieg im Irak eine Katastrophe ist, sind sie sehr einflussreich, wenn es darum geht Argumente zu liefern, warum wir nicht aufgeben sollten. Sie warteten mit einem Gutachten auf, dass mehr Truppen wirkungsvoll wären."

Blaupause für Bushs Irak-Strategie?

Boaz meint den Historiker Fred Kagan, der, bevor er zum American Enterprise Institute wechselte, auch schon an der Militärakademie West Point lehrte. Anfang Januar, wenige Tage bevor Präsident George W. Bush seine Entscheidung zur Entsendung zusätzlicher Truppen in den Irak verkündete, veröffentlichte Kagan ein Papier mit dem Titel "Den Sieg wählen - ein Plan für den Erfolg im Irak". Darin trat er unter anderem für eine Truppenverstärkung - in etwas größerem Umfang als sie Bush später verkündete - ein. Auch andere Punkte wie die Pläne zum Aufbau des Irak oder die Ablehnung der Einbeziehung der irakischen Nachbarn Syrien und Irak finden sich bei Kagan wieder. Nach Ansicht des Nachrichtenmagazins "Time" hat Kagan den Entwurf für Bushs Rede geliefert. "Time" bezeichnet ihn als den intellektuellen Paten des Bush-Plans.

"Leute knöpfen sich Leute vor"

Kagan selbst hat ein Interview abgelehnt. Dafür gab Karlyn Bowman von seinem American Enterprise Institute Auskunft: "Ich weiß nicht genau, welche Rolle Fred spielte", sagt sie. Bowman schildert die Stimmung in ihrem Institut: "Es gab die Iraq Study Group (auch als Baker-Kommission bekannt, die Redaktion. Sie forderte Anfang Dezember einen radikalen Kurswechsel im Irak.). Leute hier und andere Wissenschaftler in der Stadt dachten also, es gibt einen anderen Ansatz für den Krieg im Irak. Sie knöpften sich Leute im Weißen Haus und im Kapitol vor, und Leute im Kapitol knöpften sich sie vor. Ich weiß nicht, wie es genau abgelaufen ist, aber wir versuchen die ganze Zeit unsere Ideen bei den Entscheidungsträgern unterzubringen. Also wäre das nicht sonderlich ungewöhnlich."

Wissenschaftler müssen sich verkaufen können

Man hoffe, dass man Einfluss auf die Politiker habe, meint auch Adam Posen vom Peterson Institute. Er hat in wirtschaftspolitischen Fragen sowohl die Clinton-als auch die Bush-Regierung beraten. Seiner Ansicht nach hängt der Einfluss nicht nur davon ab, wo die Wissenschaftler politisch stehen, sondern auch davon, wie offen die Regierung für die Ratschläge von außen ist und wie gut sich die Wissenschaftler vermarkten: "Teil des Problems auf der demokratischen Seite, auf der ich offen gestanden stehe, ist, dass wir weniger erfolgreich waren, als es darum ging Konzepte vorzulegen. Die Neokonservativen haben Konzepte vorgelegt, die für den Irak falsch und katastrophal waren, aber sie hatten einen Sinn für intellektuelle Debatten, Aufregung und Stimmigkeit und sie konnten das dann der Bush Regierung präsentieren und wurden sehr einflussreich."

Parkplatz für zukünftige und ehemalige Politiker?

null (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der Einfluss der Think Tanks auf die Politik in Washington ist groß ]
Einfluss gewinnen nun aber auch wieder den Demokraten nahestehende Wissenschaftler. Nach der Zwischenwahl und dem Machtwechsel im Kongress wurden Posten neu besetzt. So wurde beispielsweise Peter Orszag von der Brookings Institution Chef der einflussreichen Haushaltsbehörde des Kongresses, die für Planung und Kostenkontrolle des Etats zuständig ist. Im Gegenzug wechseln Mitarbeiter - seien sie Wissenschaftler oder Politiker - aus dem Weißen Haus oder dem Kongress bei Machtverlust zu den Think Tanks. Später, wenn die Mehrheitsverhältnisse sich ändern, kommen sie wieder zurück.

Lobbyismus als lohnendere Alternative

Karlyn Bowman nennt es den Drehtür-Effekt, meint aber, das sei heute nicht mehr in dem Maße relevant wie noch vor einigen Jahrzehnten. David Boaz sieht das etwas anders: "Die Brookings Institution wurde seinerzeit eine demokratische Regierung in Wartestellung genannt. Als eine republikanische Regierung ins Amt kam, gingen alle demokratischen Gelehrten zu Brookings, schrieben Bücher und warteten darauf, dass sie zurück in die Regierung können - und das American Enterprise Institute wurde eine republikanische Regierung in Wartestellung genannt. Das läuft teilweise heute immer noch so ab." So seien einige Leute aus seinem liberalen Cato Institute in die Bush-Regierung gewechselt. "Ja, es gibt immer noch einen Wechsel in beide Richtungen", sagt Boaz. "Die erfolgreicheren Leute in der Regierung werden aber Lobbyisten. Da verdient man mehr Geld."

Stand: 06.02.2007 14:54 Uhr
 

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