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Pelé, Kaká, Ronaldo - Brasilien ist zweifellos das Land mit den meisten Fußballstars. Und damit das auch so bleibt, rekrutieren windige Geschäftsleute Kinder und Jugendliche, um aus ihnen künftige Stars zu machen. Die Methoden sind zweifelhaft. Denn was zählt, ist allein das Geschäft.
Von Thomas Aders, ARD-Korrespondent, Rio de Janeiro
[Bildunterschrift: Der 13-jährige Dunginha soll Fußballstar werden - und träumt von Europa ]
Dunginha hat einen Marktwert von 200.000 Euro, genauer gesagt - seine Beine. Der brasilianische Junge ist gerade mal 13 Jahre alt, doch er hat bereits einen Beruf: Fußballtalent, ein begnadeter Dribbler, antrittsstark, intelligent und schussgewaltig. "Alle, auch meine Familie, haben mich gedrängt, dribbeln zu lernen und Tore zu schießen", erzählt Cleysson Dunginha Alves. Denn er weiß: "Das Talent, das habe ich!"
Mit diesem lebenden Rohstoff werden in Brasilien Jahr für Jahr rund 100 Millionen Euro verdient. Der Export zukünftiger Ze Robertos, Könnte-mal-Kakás und potentieller Pelés hat ein doppelt so großes Volumen wie der Verkauf von Kaffee.
[Bildunterschrift: Ex-Fußballprofi Carlso Roberto will viel Geld verdienen ]
Um einen Rohstoff wie den kleinen Dunginha zu veredeln und meistbietend zu verkaufen, schießen im Land des fünffachen Weltmeisters Fußballschulen aus dem Boden. Dabei liegen die Rechte nicht etwa bei den jungen Talenten selbst. Die an Dunginha zum Beispiel gehören Carlos Roberto. Der frühere Profi hat umgesattelt auf den Handel mit blutjungen Talenten. 85 Kinder aus ganz Brasilien hat er unter Vertrag, alle stammen aus armen oder ärmsten Verhältnissen.
Wie das lukrative Geschäft funktioniert, erklärt Roberto so: "Zuerst säen wir, dann ernten wir und schließlich verkaufen wir unser Produkt auf dem Markt. Direkt auf den Tisch des Verbrauchers. Unser Hauptabsatzmarkt ist Europa."
Dunginha ist derzeit eines der besten Pferdchen im Stall des Carlos Roberto. Für ein Ticket ins Paradies nach München, Mailand oder Madrid akzeptieren die Jungs alles - sogar das verhasste Krafttraining. 30 Prozent Muskelaufbau ist die Obergrenze, um die wertvollen Körper nicht zu schädigen. Ein Aufzuchtrrogramm, wissenschaftlich fundiert. Aus Hunderten von Aspiranten werden jedes Jahr nur solche Spitzentalente ausgewählt, die eine Investition lukrativ machen.
[Bildunterschrift: Gemeinsames Essen in der Fußballschule in Mirassol ]
Mirassol ist ihre neue Heimat. Hier im Bundesstaat São Paulo wurden früher Bäume geholzt, später Gold gewaschen, dann Rinder gezüchtet - und jetzt Torjäger. Mit wöchentlichem Taschengeld und vier Mahlzeiten am Tag fühlen sich die Kids in der ländlichen Tristesse bereits auf der Sonnenseite des Lebens. Doch fußballerisch gesehen befinden sich die Superstars in spe hier in der zweiten Regionalliga.
Dunginhas Ziel - und damit auch das seiner Eltern - richtet sich ausschließlich auf Europa. Vorbilder gibt es dafür genug. Sehen konnten wir sie zuletzt beim Spitzenspiel Flamengo gegen Fluminense. Den Spielern im weltberühmten Maracaná-Stadion von Rio de Janeiro fliegen die Herzen zu. Mehrere von ihnen waren sogar bereits im Ausland. Diese Helden haben es geschafft. Denn in Europa zu spielen, ist die höchste denkbare Stufe einer brasilianischen Fußballerkarriere. Dort winken Millionenverträge, dort fließen Wein und Honig.
Am Tag nach dem Spiel treffen wir bei Fluminense einen der Auserwählten mit Auslandserfahrung. Ein Spielervermittler hatte Jean Carlos an Saturn Moskau verkauft. Aber nach nicht einmal einem Jahr ist er von dort zurück nach Rio geflüchtet - gescheitert und völlig depressiv. Vertragsbrüche, Hänseleien, und die furchtbare Kälte haben ihn vertrieben. Oft hätten Schneeräummaschinen den Rasen während des Spiels freischaufeln müssen, erzählt der junge Brasilianer. Und als man ihm dann auch noch seinen Dolmetscher strich, konnte er sich mit niemandem unterhalten, es fehlte ihm die Wärme - klimatisch und menschlich.
"Ich war schon sechs Monate in Russland, als meine Familie endlich nachkam", sagt Stürmer Jean Carlos da Silva Ferreira. Seine kleine Tochter sei sofort krank geworden. "Das komplizierte Essen, die Kälte - ich hatte keinen Wagen, obwohl das im Vertrag stand, wir konnten nicht mal einen Ausflug machen. Es war furchtbar! Meine Tochter bekam eine Lungenentzündung nach der anderen."
Auch Douglas de Santos träumte von Europa. 3000 Euro Monatsgehalt hatte man ihm versprochen. Sein Vater hatte für den Flug sogar sein Auto verkauft. Doch als Douglas mit sechs anderen Spielern im Frankfurter Flughafen ankam, tauchte niemand auf. Kein Agent, kein Trainer, kein Übersetzer. Über drei Wochen vegetierten der 20-Jährige und die anderen im Terminal. Sie hatten kein Geld für den Rückflug und zu allem Übel funktionierte nicht einmal das Handy. "Ein Albtraum", sagt Douglas dos Santos. "Ich war total verzweifelt."
Sportjournalist Dalmo Pessoa beurteilt den neuen Boom der Talentaufzucht kritisch: "Wir sind zu einer Kolonie von Spielertalenten geworden", sagt er. "Das Königreich, also der europäische Fußball, zwingt uns, einen Rohstoff von höchster Qualität zu liefern. Und dafür zahlt uns dieses 'Königreich' soviel, wie es ihm passt."
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Die Talentfarm von Carlos Roberto präsentiert ihre Spitzenprodukte in Russland, Holland und Spanien. Barcelona etwa interessiert sich für Dungingha, der zu einem der lukrativsten Investitionen von Roberto werden dürfte. In der Buchhaltung, dem Herzstück der Spielerfabrik, werden die Prozesskosten optimiert. Auf unsere Frage, was die "Veredelung vom Talent zur exportfähigen Ware" kostet, erhalten wir eine klare Antwort: "3000 Euro pro Kind und Jahr." So viel gibt Robertos Schule für Ernährung, Training, Unterkunft, Gesundheit und Erziehung aus.
Mittagessen in Mirassol: Schwarze Bohnen mit Reis und Salat. Die Gruppe von jungen Spielern und die Köchin sind jetzt Dunginhas Familie - zumindest so lange, bis er endgültig reif ist für den Verkauf. Eltern, Geschwister und Freunde haben Dunginha und die anderen für ihren großen Traum "Europa" verlassen müssen. Doch Dunginha ist überzeugt: "Dort ist alles besser." Und sein Kumpel Nicão meint: "Da kann man viel mehr Geld verdienen."
Dass mehr als 800 Talente jährlich ins Ausland verkauft werden und der brasilianische Fußball ausblutet, dass man den Verkaufpreis für einen Spieler verschämt "Ausbildungsentschädigung" nennt, weil Minderjährige nicht verkauft werden dürfen, und dass Dunginha manchmal furchtbar einsam ist - wen kratzt das alles schon? Geschäft ist Geschäft.
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