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In Aufständen und gewalttätigen Protesten hatte sich die explosive Stimmung in den Pariser Vorstädten im Herbst 2005 entladen. Vor der Präsidentschaftswahl galt dort vor allem ein Slogan: "Tout sauf Sarkozy - alles außer Sarkozy."
Von Angela Ulrich, SR-Hörfunkstudio Paris
Die Sonne scheint über Clichy-sous-Bois. Kleine Häuser, schmale Straßen, eine Vorstadt 15 km östlich von Paris. Ein paar Schritte weiter versperrt ein schweres Eisentor die Straße, daneben ist ein Stacheldrahtzaun. Das Umspannwerk von Clichy, dort, wo im Herbst 2005 zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei an Stromkabeln verbrannten. Das war der Auslöser für die wochenlangen Krawalle in Frankreich. In großen roten Buchstaben steht auf die Steinmauer gesprüht: "Die Revolte ist unser gutes Recht".
Ein paar Straßen vom Umspannwerk entfernt sieht Clichy-sous-Bois anders aus. Graue Wohntürme ragen in die Luft. Aus den Fenstern hängt Wäsche, unten in den Hauseingängen stapelt sich Müll. Auf einem holprigen Platz spielen Jungen Fußball. Alle sind schwarz. In einem Hauseingang stehen Jugendliche in Turnschuhen und Kapuzenshirts. Sie erinnern sich gut an den Herbst 2005.
Clichy-sous-Bois ist eine junge Stadt. Die Hälfte der 28.000 Einwohner ist unter 25. Jeder dritte von diesen jungen Leuten ist arbeitslos, in manchen Gegenden der Stadt sogar jeder zweite. Viele sind Einwanderer, viele von ihnen haben weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung. Die Wut ist bei vielen noch da. Denn nichts ist vergessen und wenig hat sich seit den Unruhen verändert, sagt Grégory. Er ist 23, stammt aus Guadeloupe, und ist enttäuscht von allen Politikern, wie er sagt: "Ehrlich gesagt, wir sitzen immer noch in derselben Scheiße. Sie tun doch nichts. Es geht nur darum, an die Macht zu kommen, und sich da einzurichten. Ich finde Ségolène Royal besser als Nicolas Sarkozy, das ist klar. Alle außer Sarkozy. Ganz schlimm wären Sarkozy und Le Pen in der Stichwahl. Das wäre schrecklich."
TSS heißt die gängige Abkürzung unter den meisten Jugendlichen in Clichy-sous-Bois vor der Präsidentschaftswahl: "TSS – Tout sauf Sarkozy, alles außer Sarkozy." Die 19-jährige Alison in Clichy hat Sarkozys markige Worte vor den Aufständen nicht vergessen, als er Vorstadt-Jugend und Kriminelle über einen Kamm zu scheren schien. "Den Leuten ist im Gedächtnis geblieben, dass er gesagt hat, er wolle das Gesindel mit dem Dampfstrahl vertreiben."
Manche klagen mit Musik an. "Hier hat man uns geparkt, in diesen Ghettos, die Cités heissen", singt ROST, ein Rapper. Er ist schwarz und stammt aus Togo. Nach den Vorstadtunruhen hat ROST den Verein "Banlieues Actives" gegründet. In den Banlieus, den Vorstädten, hat er mit Jugendlichen diskutiert, sie überzeugt, sich in die Wählerlisten einzutragen, damit sie diesmal mitbestimmen können. "Wir sind lange in unserer Ecke geblieben und haben gesagt: die Politiker kümmern sich nicht um uns. Aber kümmern wir uns um die Politik? Die Politiker verstehen doch nur die Sprache der Wahlurne. Wenn sie merken, dass wir Wähler sind, dann nehmen sie uns und unsere Probleme auch ernst. Deshalb müssen wir unser Schicksal in die Hand nehmen und wählen gehen."
Das Rathaus von Clichy-sous-Bois liegt in einem kleinen Park. Ein ehemaliges Jagdschloss, der Putz bröckelt. Olivier Klein ist Lehrer und stellvertretender Bürgermeister. Was sich nach den Unruhen verbessert hat in Clichy? Wenig, sagt er. "Die Bürger von Clichy wollten vorankommen, diese schlimme Zeit hinter sich lassen. Viele Vereine sind entstanden. Die Leute wollten darüber reden und nach vorn schauen. Aber konkret hat sich kaum etwas verbessert. Wenig, fast nichts hat sich im letzten Jahr verändert", klagt Klein.
Dabei wurde viel versprochen. Der Pariser Bürgermeister Delanoe ist nach Clichy-sous-Bois gekommen und hat eine Partnerschaft zwischen Hauptstadt und Vorstadt ins Leben gerufen. Clichy soll eine Strassenbahn Richtung Paris bekommen. Luftlinie sind es nur 15 km bis zur Stadtgrenze, mit Bus und Bahn dauert das derzeit eineinhalb Stunden. Wann die neue Linie gebaut wird, ist aber noch nicht klar.
[Bildunterschrift: Ségolène Royal ]
Die sozialistische Kandidatin Royal war vor kurzem hier, eingeladen vom Verein "Assez le feu" – Schluss mit den Bränden. Sie will nach einem möglichen Wahlsieg wieder eine Nachbarschaftspolizei schaffen. Die hatte Ex-Innenminister Sarkozy aufgelöst. "Was alle Formen von Diskriminierung angeht, die die Jugendlichen hier erleben, ist eine Quartierspolizei die Antwort. Wir brauchen gegenseitigen Respekt. Die Vorstädte dürfen nicht länger als Schwierigkeit betrachtet werden, sondern als der Teil der Lösung des Problems, das Frankreich hat", so Royal.
Royal wurde freundlich empfangen. Ihr Versprechen, landesweit eine halbe Million sogenannter Trampolin-Jobs für Jugendliche zu schaffen, die den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern sollen, kommt an. Außerdem will Royal Partner aus Unternehmen für Vorstadtjugendliche gewinnen. Für die 20-jährige Cornelie ist klar: "Ich wähle Ségolène Royal. Sie ist für die Jugendlichen, für alle. Bloß nicht Sarkozy. Der ist gegen die Einwanderung. Eigentlich wie Le Pen, nur etwas weniger hart."
An einer der Ausfallstraßen von Clichy-sous-Bois liegt das Alfred-Nobel-Gymnasium. Ein langgestreckter Bau aus Metall und Glas. Schulleiter ist Daniel Peletier, ein grauhaariges Energiebündel. Fast alle seiner knapp 1200 Schülerinnen und Schüler kommen aus sozial schwachen Familien. Nach den Unruhen vom Herbst 2005 hat sich einiges verändert im Alfred-Nobel-Gymnasium. Es gibt seitdem eine Partnerschaft mit der renommierten Elite-Schule Sciences-Po in Paris.
Ein besonderer Aufnahmezyklus für Bewerber von Schulen aus sozialen Brennpunkten ermöglicht Schülern eine leichtere Aufnahme an der Eliteschule. Und Peletier hat Verbindungen in die Wirtschaft geknüpft, denn das größte Problem sind immer noch die fehlenden Ausbildungsplätze. "Wir versuchen gerade, für jeden Schüler einen Tutor zu finden - Leute, die in Firmen arbeiten. Eine Art Paten, die den Jugendlichen helfen sollen, ihren Horizont zu erweitern."
Im Alfred-Nobel-Gymnasium haben sich viele der volljährigen Schüler neu in die Wahllisten eintragen lassen. Das Rennen ums Präsidentenamt ist Dauerthema auf dem Schulhof, auch in Unterrichtsstunden, sagt Schulleiter Peletier. "Die Schüler haben große Erwartungen und Hoffnungen, und man muss sehr aufpassen, sie nicht zu enttäuschen. Sie lassen sich nicht reinlegen. Im Gegenteil, ich bemerke bei vielen eine grosse Reife. Sie kämpfen um ihr Leben, schon seit sie ganz klein sind. Ihre Eltern haben oft keine Arbeit oder nur eine sehr schlecht bezahlte. Die Lebensumstände sind oft schwierig. Das macht sie reif, lässt sie eher erwachsen werden. Sie erwarten viel von den Politkern, und zwar von allen."
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