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Boutros-Ghali über die Rolle der UNO "Ohne die USA sind die UN nicht arbeitsfähig"

Stand: 16.02.2016 17:07 Uhr

Boutros Boutros-Ghali stand von 1992 bis 1996 an der Spitze der Vereinten Nationen. Er war der Vorgänger von Kofi Annan im Amt des UN-Generalsekretärs. tagesschau.de sprach mit ihm über die Rolle der Vereinten Nationen im Nachkriegs-Irak, über die Krise der Organisation und die Auswirkungen des Konflikts auf die internationale Gemeinschaft.

tagesschau.de: Die USA haben deutlich gemacht, dass die UN keine politische Rolle beim Wiederaufbau des Irak spielen sollen. Wie stehen Sie zu dieser Position?

Boutros Boutros-Ghali (Archivbild)
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Ex-UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali (Archivbild)

Boutros-Ghali: Ich glaube, dass die Internationale Gemeinschaft früher oder später die Vereinten Nationen braucht. Sie sind die einzigen, die eine Atmosphäre des Vertrauens zwischen dem irakischen Volk und den Amerikanern und Briten herstellen können. Natürlich stehen wir im Irak vor einer sehr komplizierten Aufgabe: Flüchtlinge kehren zurück, der Wiederaufbau steht an, Wahlen müssen vorbereitet werden. Das können die Vereinten Nationen nicht alleine machen. Da müssen sich viele internationale Organisationen beteiligen.

tagesschau.de: Aber sollten die USA den UN nicht eine politische Rolle im Irak zugestehen?

Boutros-Ghali: Es ist noch zu früh zu sagen, was getan werden muss. Wir müssen einfach anfangen zu arbeiten. Und während wir alle zusammenarbeiten, die Hilfsorganisationen, internationale Organisationen, die Staaten, die ein Interesse haben, wird man sehen, wie sich die Aufgaben verteilen. Sehen Sie, in den letzten Tagen beobachten wir mit dem Fall des Regimes eine Auflösung fast aller Strukturen im Land. Das heißt, die Internationale Gemeinschaft muss sofort eingreifen.

tagesschau.de: Viele sagen, die Vereinten Nationen seien im Vorfeld des Irak-Krieges schwer beschädigt worden. Sehen Sie das auch so?

Boutros-Ghali: Ja. Aber wenn Sie die Geschichte der UN betrachten von 1945 bis heute, werden Sie feststellen, dass die Organisation schon mehrfach mit schwierigen Situationen konfrontiert war. Und sie hat alle Krisen überlebt. Das wird auch dieses Mal so sein.

tagesschau.de: Denken Sie nicht, dass der Irak-Krieg vielleicht deutlicher als alle Krisen zuvor gezeigt hat, dass kein Staat, keine internationale Organisation der Supermacht USA etwas entgegen setzen kann?

Boutros-Ghali: In der US-Politik hat es stets zwei Richtungen gegeben, die sich abwechselten. Immerhin war es US-Präsident Wilson, der den Völkerbund 1919 ins Leben gerufen hat, Präsident Roosevelt trug 1945 entscheidend dazu bei, dass die Vereinten Nationen gegründet wurden. Es gibt also keinen Grund, anzunehmen, dass sich die Politik der Vereinigten Staaten nicht wieder in Richtung Multilateralismus ausrichten wird. Außerdem: Die amerikanische Öffentlichkeit wird es nie akzeptieren, dass die USA ständig Weltpolizist spielen.

tagesschau.de: Denken Sie, dass die UN mittel- bis langfristig ein Gegengewicht zu den USA bilden könnten?

Boutros-Ghali: Nein, denn die USA sind eines der wichtigsten Mitglieder der UN. Ohne die USA sind die Vereinten Nationen nicht arbeitsfähig.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen hat der Irak-Krieg Ihrer Meinung nach auf die arabische Welt?

Boutros-Ghali: Das kommt jetzt sehr darauf an, was im Irak nach dem Krieg geschieht. Wenn der Aufbau konstruktiv und organisiert vorangeht, werden die arabischen Länder das unterstützen. Wenn das Ergebnis der Militärintervention Chaos und Unsicherheit ist, wird das auch Auswirkungen auf die arabische Welt haben.

USA sollten in Nahost zur Politik Clintons zurückkehren

tagesschau.de: Werden die anti-amerikanischen Gefühle, die es unter der Bevölkerung arabischer Länder verbreitet gibt, zunehmen?

Boutros-Ghali: Noch einmal: Das hängt davon ab, was jetzt beim Wiederaufbau im Irak geschieht. Und es hängt auch davon ab, wann eine Lösung im Nahost-Konflikt gefunden wird und wie die aussieht.

tagesschau.de: Wie sollten sich die USA im Nahost-Konflikt jetzt verhalten?

Boutros-Ghali: Sie müssen zurückkehren zur Politik, die Präsident Clinton und Präsident Carter verfolgt haben. Wir werden sehr viel Zeit, sehr viel Geduld und Phantansie brauchen, um eine neuen Friedensprozess einzuleiten. Aber es gibt keinen anderen Weg. In diesem Konflikt kann es nur einen Vermittler geben und das sind die Vereinigten Staaten von Amerika.

Europa braucht einen gemeinsamen Repräsentanten

tagesschau.de: Wie beurteilen Sie die künftige Rolle der Europäer? Könnten Sie ein Gegengewicht zur USA bilden, vorausgesetzt, sie wären sich einig?

Boutros-Ghali: Ja. Wenn die Euopäische Union eine gemeinsame Außenpolitik hätte, einen Repräsentanten, der tatsächlich im Namen aller europäischen Staaten sprechen würde, dann wäre Europa sicher in der Position, ein Gegengewicht zu den USA zu bilden. Ein solches Europa hätte auch im internationalen Zusammenspiel der Organisationen viel mehr Gewicht. Das Entscheidende ist aber: Wir brauchen eine Demokratisierung auf internationaler Ebene. Wenn das nicht geschieht, wird die Globalisierung die Demokratie in den Nationalstaaten zerstören.

tagesschau.de: Heißt das, das internationale Organisationen mächtiger werden müssten?

Boutros-Ghali: Das ist ein Aspekt. Die internationalen Organisationen müssen den Rahmen für diese Demokratisierung bilden. Aber die Demokratisierung, die ich fordere, braucht die Beteiligung der Zivilgesellschaft. Jeder muss sich daran beteiligen können, Regeln für den Umgang mit einer globalisierten Welt zu schaffen, über welche Organisation auch immer.

Das Interview führte Sabine Klein, tagesschau.de

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