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Der Schriftsteller und Journalist Geert Mak hat mit "Das Jahrhundert meines Vaters" die jüngere niederländische Geschichte in Form einer Biografie erzählt. Weitere Werke widmen sich der Amsterdamer Geschichte und Europa.
[Bildunterschrift: Der niederländische Schrifsteller Geert Mak ]
tageschau.de: Seit dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh hat es es Brandanschläge auf Moscheen gegeben, eine mehrstündige Polizei-Belagerung in Den Haag, aber auch Proteste von Muslimen gegen Gewalt. Wie ist die Stimmung in den Niederlanden jetzt?
Geert Mak: Es gibt zwei Lager. Van Gogh war jedem, der in den Medien arbeitet, bekannt, viele waren persönlich mit ihm befreundet – oder verfeindet. Er gehörte zu unserer kleinen Welt von Journalisten, Künstlern und Intellektuellen. Die ganzen Niederlande waren geschockt. Was die Brandstiftungen angeht, ist sehr auffallend, dass sie sich vor allem in Orten am Rand der Niederlande ereignet haben, in denen überhaupt keine großen Spannungen zwischen Muslimen und Einheimischen bestehen.
tagesschau.de: Was wollen Sie damit sagen?
[Bildunterschrift: Brandanschlag in Helden ]
Mak: Ich denke, dass das Parallelen zur Situation in Deutschland hat, wo solche Dinge auch geschehen sind. So platt es klingt – das waren in den Niederlanden manchmal Dorf-Rabauken, die zwar einerseits für Aufregung sorgen und den Ton bestimmen, aber andererseits auch mehr eine Folge von örtlichen Problemen sind, die nichts mit Ausländern zu tun haben. In den großen Städten wie Amsterdam und Rotterdam, in denen es echte Probleme gibt, blieb es dagegen auffallend ruhig. Wenn man sagt, dass die Niederlande brennen, dann ist das einfach nicht wahr.
tagesschau.de: Wie kommen dann diese heftige Reaktionen zustande?
Mak: Niederländer können manchmal sehr grob sein in einer Debatte. Nach dem Mord an Van Gogh wurden auf einmal ganze Keller von unterdrücktem Rassenhass ausgeleert. Auf der anderen Seite sind wir in einer Sache wirklich gut – im Friedenstiften. Das hat seine Nachteile, manchmal wird viel unter den Teppich gekehrt. In diesem Fall kam das Gute der Eigenschaft nach oben.
tagesschau.de: Dann sagen Sie, dass die Probleme längst nicht so ernst sind, wie das im Ausland wahrgenommen wird?
Mak: Es ist natürlich ernst. Ganze Familien sind untergetaucht, der Bürgermeister von Amsterdam läuft mit sechs Leibwächtern herum. Aber jetzt reden die verschiedenen Gruppen wirklich intensiv miteinander, gebürtige Niederländer und Einwanderer; Christen, Moslems und – das ist sehr wichtig – die vielen nicht-religiös denkenden Menschen. Man sieht, dass es auf allen Seiten einen enorm starken Willen gibt, um den "Bürgerfrieden" zu bewahren. Nicht das, was geschehen ist, fällt mir auf, sondern vor allem das, was in Amsterdam nicht geschehen ist.
tagesschau.de: Ausländische Medien und Politiker sehen das anders: "Holland ist überall" meinen sie, streiten über Integration oder fordern strengere Sicherheitsmaßnahmen. Wie fühlt es sich an, auf einmal im Mittelpunkt der europäischen Aufmerksamkeit zu stehen?
[Bildunterschrift: Trauer um van Gogh: Blumen am Attentatsort ]
Mak: Eigentlich konzentrieren sich die Niederlande im Moment sehr stark auf sich selbst. Ich denke, es ist schon eine sehr lange Debatte gewesen, ob die Integration von Türken und Marokkanern funktioniert. Dieser Mord hat aber nur wenig mit der Integration zu tun. Selbst wenn die Marokkaner vollständig integriert wären, hätte an einem unglücklichen Tag ein Mohammed B. (der mutmaßliche Van-Gogh-Mörder, Red.) auftreten können.
Es hätte aber auch in Berlin ein Theo van Gogh auf der Straße liegen können, es hätten auch auf dem Utrechter Hauptbahnhof vier Züge explodieren können wie in Madrid. Mohammed B. war ein Teil einer großen fundamentalistischen Bewegung. Das ist kein niederländisches Problem, das ist ein internationales Problem.
Meinem Gefühl nach ist es kein Zufall, dass der Mord an van Gogh und die Wiederwahl von George W. Bush am selben Tag stattfanden. Beide sind Reaktionen auf den Säkularismus der westlichen Gesellschaften: In Amerika von den fundamentalistischen Christen, in den Niederlanden von fundamentalistischen Moslems auf eine wachsende Säkularität, von der sie sich bedroht fühlen.
Lesen Sie weiter in Teil 2 des Interviews wie Mak die Erfolgsschancen rechtsextremistischer Parteien einschätzt und warum ihm marokkanische Mädchen und Taxifahrer Hoffnung machen
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