Soldaten als Ersatzpolizei Kosovo: Gefährlicher Job für die Bundeswehr

Stand: 26.08.2007 14:01 Uhr

Von Heiner Heller, ARD-Hauptstadtstudio

Bundeswehrtruppe in Prizren
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Bundeswehrtruppe in Prizren

Der Mann ist knapp zwei Meter groß, durchtrainiert und er lächelt, während er ausholt. Mit voller Wucht drischt er den Schlagstock auf den Brustkorb des Soldaten: „Pöck"! Mehr Wirkung als das trockene Geräusch löst der gezielte Schlag nicht aus. Kein Schrei, der Mann steht ruhig, hat kaum gezuckt.Für den Kompaniechef ein beruhigender Moment. Denn der wuchtige Hieb auf den Kunststoffpanzer seines Untergebenen zeigt, dass der Offizier seine Mannschaft ohne große Sorge auf Streife schicken kann - so gut geschützt, wie es eben geht.

An diesem Tag hilft die Schutzpanzerung auch gegen den Regen. Es schüttet auf Prizren im Kosovo, sonst ist es ruhig. Der Nordwind drückt stundenlang dicke Wolken gegen die Berge hinter der Stadt, bis sie zerplatzen. Die Gipfel verschwinden in einem wabernden Schleier aus Nebel und Wasser, im Tal ist es feucht. Klamm ist auch die Außenhülle der „Crowd Riot Control" - Ausstattung. Nur mühsam lassen sich flammenfeste Jacke und Hose bei diesem Wetter über Arme und Beine ziehen. Grüne Plastikteile schützen die Glieder, schränken aber die Beweglichkeit ein.

Körpernah gewölbte Protektoren an Brust und Rücken lassen kaum Spielraum, um den Reißverschluss des Anzugs ohne Verrenkung zuzumachen. Angetan mit dem rundum Harnisch der Neuzeit wirken auch breitschultrige Leistungssportler wie etwas dickliche römische Legionäre. Der kugelrunde Helm samt Ledernacken verstärkt den Eindruck. Statt Kurzschwert und Blechschild bekommt jeder Soldat einen schwarzen Schlagstock und eine mächtige, halbrunde Plexiglasplatte mit auf den Weg.

Gewappnet gegen Messer, Knüppel und Ketten

Heiner Heller
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Heiner Heller, ARD-Korrespondent

„Crowd Riot Control" bedeutet im Ernstfall Straßenschlacht gegen eine brodelnde Menschenmenge. Diesen Auftrag erfüllt nur, wer gegen Brandflaschen, Messer, Knüppel, Ketten oder gar Schusswaffen gewappnet ist, die gegen jeden gerichtet sind, der sich in einem solchen Moment als Ordnungsmacht zu erkennen gibt. Seit knapp einem Jahr verfügt die Bundeswehr im Kosovo auch über entsprechende Waffen gegen Gewalttäter in einem Protestzug: Gummigeschosse, Tränengasgranaten, Wasserwerfer. Eigentlich Handwerkszeug für Polizisten. Aber hier, im Auslandseinsatz, gibt es nicht genug davon.

So musste die Bundeswehr tatenlos zuschauen, als im März 2004 albanische Demonstranten serbische Häuser angriffen, ein orthodoxes Kloster vor der Stadt niederbrannten und ein serbisches Priesterseminar in der Altstadt ansteckten, in dessen Keller dann ein Obdachloser verbrannte. Es war der erste Tote im Verantwortungsbereich der Bundeswehr. Auf die Demonstranten zu schießen, verbot die „Verhältnismäßigkeit der Mittel". Wie weit die Angreifer damals gehen konnten, ohne scharfes Feuer auf sich zu ziehen, hatten sie offenbar genau vorausberechnet. Seither gilt für KFOR, dass die Situation im Kosovo meist ruhig, aber nie stabil ist.

Soldaten gegen den angrifflustigen Mob

Jederzeit, so fürchten die Militärs, kann es wieder losgehen. Die Schutztruppe will darauf vorbereitet sein. Ständig werden entsprechende Situationen geübt. An zentralen Plätzen in der Stadt setzen Hubschrauber Soldaten mit Schild und Schlagstock ab, die einem angriffslustigen Mob den Weg versperren sollen, egal ob bei Tag oder in der Nacht. An wichtigen Kreuzungen innerhalb und außerhalb Prizrens stehen mobile Straßensperren bereit, das ehemalige Serben-Viertel über der Altstadt ist inzwischen militärisches Sperrgebiet - betreten verboten. Dort dürften die Soldaten auf jeden schießen, der sich Kontrollen widersetzt oder gar auf die Posten losgeht.

Damit so was wie im März 2004 nicht wieder passiert, hat der Bundestag sogar das Kriegswaffenkontrollgesetz geändert. Vorher hätte die Bundeswehr das in Deutschland gebräuchliche Reizgas gar nicht einsetzen dürfen. Das galt als chemischer Kampfstoff und war bei den Soldaten geächtet. Den Offizieren im Kosovoeinsatz ist klar, dass sie zu Hause eindeutig gegen das Grundgesetz verstießen, schickten sie ihre Soldaten gegen Demonstranten auf die Straße. Die öffentliche Ordnung zu schützen, sehen sie auch hier nicht als eigentlich militärische Aufgabe, trotzdem müssen sie sie im Kosovo erledigen.

Olivgrüne, eckige Schildkröten

Bisher hat die „Ersatzpolizei" noch nicht eingreifen müssen. So kann kein Vorgesetzter einschätzen, wie gut seine Soldaten auf diese Sorte Ernstfall vorbereitet sind. Die Bereitschaftspolizei in Deutschland bereitet ihre Beamten dreieinhalb Jahre auf das vor, was die Bundeswehr im Kosovo nach knapp fünfzehn Monaten drauf haben soll - wenigstens in Grundzügen.

Im Feldlager Prizren wird es dunkel. Der Regen lässt etwas nach, vor dem Kasernentor jaulen streunende Hunde. Gegenüber beginnt das Fußballtraining für die kleinen Jungs aus der Nachbarschaft. Auf dem Sportplatz hinter dem Stacheldraht, unterhalb der Wohncontainer kauern knapp zwanzig Soldaten.

Im Vorbeifahren sehen sie aus wie eine olivgrüne, eckige Schildkröte mit eingezogenem Kopf. Riot Control Ausbildung: Plastikschilde oben und an den Seiten, ein Ausbilder kontrolliert, dass die Deckung keine Löcher hat. In Berlin haben sie gerade das fünfzigjährige Bestehen der Bundeswehr gefeiert, jener Armee die „Deutschland zur Landesverteidigung" aufgestellt hat, wie es in der Verfassung heißt. Den Schildkröt-Soldaten in Prizren dürfte das gerade ziemlich gleichgültig sein. Sie sind erst zur Bundeswehr gekommen, als der Auslandseinsatz längst schon zum Alltag deutscher Soldaten gehörte.

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