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Sie reden in einer Sprache, die sie selbst nicht verstehen, unterhalten sich mit Geistern, bitten, klagen, singen. Und wenn sie wieder aus ihrer Trance erwachen, erinnern sie sich dunkel, dass sie den Göttern nahe waren. Stefan Rocker berichtet über die Voodoo-Priester auf Haiti.
Von ARD-Korrespondent Stefan Rocker, Mexiko Stadt
Der Aufstieg zu Pferd ist mühsam und dauert drei Stunden. Jacqueline Joseph ist eine junge Voodoo-Priesterin. Sie will zum Beten hoch in die Berge, zu einem Kultplatz im Norden Haitis. In den Grotten und Höhlen des Bergmassivs wohnt der Gott, den sie verehrt: Ogou Feray – auch St. Jacques genannt. Er liebt Feuer und Alkohol, vorwiegend Rum. Jedes Gebet beginnt mit diesen Gaben. Erst dann lässt St. Jacques mit sich sprechen", erklärt die Priesterin. "Dieser Ort hier oben wird die Pforte von Saint Jacques genannt. Manchmal steigt er hinab nach Plaine du Nord, dann gibt es ein Fest. Aber zuerst musst du ihn hier oben um Beistand bitten".
[Bildunterschrift: Armut, politisches Chaos und Naturkatastrophen - viele Menschen kämpfen täglich ums Überleben. ]
Ein Geist kann nach ihrem Glauben einen Menschen in Besitz nehmen. Man sieht es im Gesicht, das sich verändert. Nicht Jacqueline ist es, die trinkt, raucht und tanzt. Es ist ein Geist, ein Mittler zwischen dem Menschen und den Göttern. Musik, Tanz, Trance öffnen die Türen zu einer übernatürlichen Welt, in die Wünsche und Sehnsüchte gehören und manchmal erfüllt werden.
Unten im Tal liegt Plaine du Nord, ein kleines schmutziges Städtchen. Einmal im Jahr wird es zum Zentrum des Voodoo-Kultes. Zehntausende strömen aus dem ganzen Land hierher. Ende Juli steigt St. Jacques aus den Grotten der Berge herab in ein kleines Schlammloch.
[Bildunterschrift: Wassermangel - nur Hilfsorganisationen können zeitweise noch für die rettenden Rationen sorgen. ]
Gläubige werfen Opfertiere, Kerzen und Geld in den Pfuhl. Einige Kinder und junge Männer wühlen den Grund der Schlammpfütze durch, um die Opfergaben später auf dem Markt zu Geld zu machen. "Das ist keine leichte Arbeit", meint ein Junge. "Die Gläubigen, die vom Geist besessen sind, schmeißen ihre Gaben in das Becken. Für uns ist das einmal im Jahr die Chance, etwas zu verdienen. Wir kaufen uns davon etwas zum Essen".
Das spirituelle Becken sorgt in dem kleinen Ort auch für Streit: "Die weißen Herren schütteten früher immer wieder dieses Bassin mit Erde zu, um den Voodoo-Kult zu verhindern", berichtet die Priester Jacqueline Joseph. Aber mit jedem starken Regenfall hätte sich das Becken wieder gefüllt. "Ein Zeichen, dass die Geister stärker waren", meint die Voodoo-Priesterin.
[Bildunterschrift: Nur noch Habseligkeiten hatte Mislena Maco nach der Flutkatastrophe im Herbst 2004. ]
Um das von Göttern und Geistern bewohnte Becken herum finden den ganzen Tag Rituale statt. Priester mit ihren Voodoo-Gruppen, die singend durch die Straßen ziehen. Gläubige, in die Geister gefahren sind, die sie zu wilden Zuckungen und Bewegungen hinreißen. Tiere, vorwiegend Hühner, die als Opfergaben gebracht werden und deren Kehlen - wenn es der Geist befiehlt - von Besessenen durchgebissen werden.
Haiti ist fremd und verstörend. Das ärmste Land der westlichen Hemisphäre wird von Gewalt und Not heimgesucht. Die zweitgrößte Stadt, Cap Haitien im Norden, versinkt in Dreck und Müll.
Wie eine Oase wirkt da die kleine Wohnung Josephs. Nachbarn, Freunde, Anhänger kommen zu der Voodoo-Priesterin, um von ihr Ratschläge und Einweisungen in den Glauben zu bekommen. Von ihrer Großmutter - ebenfalls eine Priesterin - wurde sie einst in das Amt eingeführt. Heute kann sie von ihrer Arbeit ganz gut leben. "Der Voodoo ruft die guten Geister an", sagt sie. Er vertreibe die bösen Energien in einem Menschen. Aber er kann nicht die großen Probleme des Landes lösen.
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