Interview

"Katrina" und die Folgen "New Orleans möglicherweise aufgeben"

Stand: 26.08.2007 08:52 Uhr

Die Lage der Menschen in der vom Hurrikan "Katrina" betroffenen Gebieten ist dramatisch. Sie wird in den kommenden Tagen verzweifelt werden, es drohen möglicherweise Seuchen, ausgelaufene Abwässer und Chemikalien verseuchen weite Gebiete. So die Prognose von Joachim Müller, er ist Leiter der Katastrophenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes. tagesschau.de sprach mit ihm.

tagesschau.de: Herr Müller, zweieinhalb Millionen Menschen sind ohne Strom, mindestens eine Million hat kein Haus mehr. Brauchen die Amerikaner unsere Hilfe?

Joachim Müller: Bisher haben sie nicht um unsere Hilfe gebeten. Wir sind natürlich in ständigem Kontakt mit dem amerikanischen Roten Kreuz und stehen notfalls bereit, wenn die US-Kollegen an die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten kommen und Hilfe brauchen.

tagesschau.de: Was können Sie denn tun, wenn die Hilfsanforderung kommt?

In einer Turnhalle der Louisiana State University in Shreveport/Louisiana informieren sich Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, auf einer Internetseite über den Zustand der Häuser in ihrem Wohngebiet.
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In einer Notunterkunft in der Louisiana State University in Shreveport informieren sich die Menschen auf einer Internetseite über den Zustand der Häuser in ihrem Wohngebiet.

Müller: Wir haben so genannte "Notfallreaktions-Einheiten", die wir in Bewegung setzen können. Das sind mobile Gerätschaften und Personal, die wir innerhalb weniger Stunden losschicken können. Die können Trinkwasser herstellen und Verletzte versorgen. Unter anderem haben wir ein mobiles Zeltkrankenhaus, das etwa die Kapazität eines Kreiskrankenhauses hat.

tagesschau.de: Das sind ja ziemlich genau die Anforderungen, die an die Helfer in der Region gestellt werden, die "Katrina" heimgesucht hat ...

Müller: Das ist aber nur die eine Seite. Außer Soforthilfemaßnahmen - Leute vom Dach retten und sie in Notunterkünfte bringen - muss ja auch die Versorgung mit Trinkwasser, Nahrung, Kleidung und Medikamenten organisiert werden. Stellen Sie sich vor, wie viele Dialysepatienten, Diabetiker und andere chronisch Kranke unter den Obdachlosen sind.

Großer psychischer Stress in den Notunterkünften

tagesschau.de: Und die psychologischen Folgen?

Müller: Die darf man nicht unterschätzen. Die Menschen waren auf zwei Tage eingestellt, die sie in Notunterkünften verbringen sollten. Da sind teilweise hunderte Menschen auf engstem Raum mit Fremden zusammengepfercht. Und das wird jetzt noch Tage, vielleicht Wochen dauern. Viele haben keinen Kontakt zu ihren Angehörigen, die Telefonleitungen sind zusammengebrochen. Viele wissen nicht, ob ihr Haus noch steht, etliche werden ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Die psychosoziale Betreuung ist deshalb jetzt sehr wichtig.

tagesschau.de: Hätte das langsame Volllaufen von New Orleans - das auch als "Tsunami in Zeitlupe" bezeichnet wurde - überhaupt verhindert werden können?

Müller: Das ist aus der Ferne kompliziert einzuschätzen. Normalerweise gibt es in New Orleans 21 große Pumpwerke, die auch das Sicker- und Grundwasser aus der Stadt herauspumpen. Die sind nun teilweise ausgefallen, nachdem ein Damm gebrochen ist und die Flut immer weiter steigt. Dieses Problem war sicher nicht in diesem Umfang vorhersehbar.

tagesschau.de: Ohne Strom können die Pumpen nicht arbeiten, abfließen wird das Wasser auch nicht. Wie geht es jetzt weiter?

Müller: Das ist sicher ein Hauptproblem. Wenn der Damm nicht geflickt werden kann, muss man New Orleans erst einmal aufgeben.

tagesschau.de: Was heißt das?

Müller: Die Stadt muss zwangsevakuiert werden, auch der "Superdome", wo 30.000 unter zunehmend dramatischen Bedingungen ausharren.

tagesschau.de: Und wie lange können die Menschen dann nicht mehr in die Stadt zurück? Als Laie gefragt: Gut für die Fundamente kann das doch nicht sein, muss man da nicht erstmal alles abreißen?

Vom Wasser eingeschlossene Tanks einer Raffinerie in Gulfport, Miss.
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Vom Wasser eingeschlossene Tanks einer Raffinerie in Gulfport, Miss.

Müller: Wenn der Damm nicht geflickt wird, muss man die Stadt abreißen. Das sprengt momentan unser Vorstellungsvermögen, und das sind natürlich auch belastende Faktoren für die Rettungskräfte und die Betroffenen, die evakuiert wurden.

tagesschau.de: In Medienberichten ist von Leichen die Rede, die im Wasser treiben. Viele Chemikalien wurden außerdem in die Stadt gespült, als Industrieanlagen überschwemmt wurden. Dazu kommen Abwässer und Fäkalien. Wie groß ist die Gefahr von Seuchen und wie vergiftet ist New Orleans, wenn das Wasser eines Tages wieder weg ist?

Müller: Es ist sicher eine Gefahr, dass Leute das kontaminierte Wasser trinken und dann krank werden. Die Temperaturen sind tropisch, das begünstigt das Wachstum von Keimen. Verseucht sind übrigens auch die Wasserleitungen, sie werden lange unbrauchbar sein. Wie lange diese großflächige Verseuchung andauert, kann jetzt noch niemand verlässlich sagen. Die Lage ist noch nicht komplett erfassbar, aber es stellt sich alles in den Schatten, was wir bisher von Hurrikans kannten.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de

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