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Silvio Berlusconi war bei der Wahl seiner Vorbilder noch nie bescheiden. Mit dem Vater der italienischen Republik, Alcide de Gasperi, hat er sich verglichen, mit dem mächtigen US-Präsidenten Bush und vor kurzem auch mit Jesus. Jetzt aber hat Italiens Regierungschef eine neue Lichtgestalt entdeckt: Er möchte gern so sein wie Gerhard Schröder.
Von Jörg Seisselberg, ARD Hörfunkstudio Rom
"Bei Schröder habt ihr gesehen, was ein fähiger Führer, einer der kommunizieren kann, erreicht: Der hat die Merkel geschlagen", sagte Berlusconi über seinen deutschen Kollegen. Die Merkel geschlagen? Zumindest den Kollegen in Rom scheint Schröders eigenwillige Interpretation der Wahlergebnisse überzeugt zu haben. Und das, obwohl sich "Acker aus Talle" und der Multi-Milliardär aus Mailand bislang nicht riechen konnten. Zwar guckten sie vor Jahren in Dortmund mal Seite an Seite ein Fußballspiel – ansonsten aber waren sich die beiden in herzlicher Abneigung verbunden.
Ein guter Machtmensch aber muss vergessen können. Jetzt gilt für Berlusconi das Motto: Von Schröder lernen, heißt siegen lernen. Wie sein neuer Berliner Leitstern will auch der in Umfragen hinten liegende Berlusconi mit TV-Duellen gegen den Oppositionsführer das Blatt noch wenden: "Ich bin sicher, dass ich Prodi schlagen werde. Absolut sicher. Ich hoffe, dass ich tausend Fernsehduelle mit Prodi machen kann – und dann wollen wir mal sehen, was da herauskommt."
Schröder, so Berlusconi laut "Corriere della Sera" reumütig, habe ihm auch in Sachen Taktik und Cleverness eine Lektion erteilt. Es wäre besser gewesen, räumt Italiens Ministerpräsident mit Blick auf die Bundestagswahl ein, wenn auch er Neuwahlen ausgerufen hätte nach der schweren Niederlage bei den Regionalwahlen im Frühjahr – so wie der schlaue Schröder.
[Bildunterschrift: Gerhard und Silvio: Wenigstens einen hat Schröders Reaktion auf die Wahlergebnisse überzeugt. ]
Die Begeisterung geht offensichtlich so weit, dass sich Berlusconi auch in seinen Umgangsformen am neuen Berliner Vorbild orientiert. Nach dem Motto: Man wird doch noch ein bisschen rumrüpeln dürfen. Nicht nur in Elefantenrunden, sondern auch wie Berlusconi gestern auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. "Ich werde früher oder später explodieren", polterte Berlusconi. "Wenn es so weitergeht, hat die Geduld ein Ende. Wenn mein Image immer verdreht wird sage ich: Entweder mit mir oder raus." Getreu der Devise: Gibt mein Vorbild Gerd den rotzigen Kämpfer, kann ich das schon lange – wenn’s denn dem erhofften Comeback dient. Die anwesenden Koalitionsfreunde schauten betroffen zu Boden, weil sie die Schröder-Masche offensichtlich noch nicht kannten.
[Bildunterschrift: Auch dieser Regierungchef hat's nicht einfach, obwohl er die meisten italienischen Medien kontrolliert. ]
Als wäre es eine Gerd-Klon-Show würzte Berlusconi seinen furiosen Auftritt in Rom mit allumfassendem Führungsanspruch und ein bisschen Medienschelte. "Es gibt weder in Forza Italia noch sonst irgendwo jemanden, der alle wie ich zusammenhalten kann. Aber wo werde ich jemals verteidigt. Ich mache jeden Tag den Fernseher an und schlage die Zeitungen auf – und alle reden gegen mich." In Italien fragt man sich nach der denkwürdigen Inszenierung, wie lange Berlusconi den Italo-Schröder geben will. Wahrscheinlich, vermuten Beobachter, wird die Begeisterung relativ schnell erlöschen, wenn Berlusconis neues Idol doch noch den Kanzlerstuhl räumen muss. So ist das nun mal unter Machtmenschen.
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