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Selbstmord durch den Druck am Arbeitsplatz war lange ein Tabuthema in Frankreich. Doch eine Studie bestätigt: Täglich wird ein Selbstmord in unmittelbarem Zusammenhang mit der Arbeit begangen. Damit steht Frankreich weltweit an dritter Stelle, nach der Ukraine und den USA.
Von Ellen Ehni, ARD-Studio Paris
[Bildunterschrift: Das Atomkraftwerk Chinon: immer mehr Selbstmorde ]
Vor allem in der Kernindustrie scheint der Druck am Arbeitsplatz zu wachsen. Hier strukturiert der staatliche AKW-Betreiber EDF seit rund sieben Jahren kräftig um: Kürzungen von Stellen, Auslagerung besonders gefährlicher Arbeit an Subunternehmen, Erweiterung der Aufgabenbereiche und Schichtarbeit.
Für viele Mitarbeiter ist das schwer zu ertragen. So nahmen sich in der Zentrale von Chinon seit 2004 vier Mitarbeiter das Leben Der erste von ihnen war Dominique Peutevynck. Mehr als die Hälfte seines Lebens arbeitete der 49-Jährige in Chinon. Er war zuständig für die Überwachung der Leitungssysteme. Im August 2004 wurde der Techniker aber wegen einer Netzhautablösung krank geschrieben. Wenige Tage später warf er sich in der Nähe der Zentrale vor einen Zug. Seitdem kämpft sein Sohn Jérôme vor Gericht für die Anerkennung des Selbstmordes seines Vaters als Folge einer Berufskrankheit. „Dieses Verfahren ist nicht nur persönlich für mich wichtig, sondern auch für alle anderen, die so leiden wie mein Vater, ohne vielleicht dann genauso weit zu gehen wie er“, sagte Jérôme Peutevynck.
[Bildunterschrift: EDF-Betriebsarzt Dominique Huez ]
Jérôme ist nicht der einzige, der die Arbeit für den Selbstmord seines Vaters verantwortlich macht. Einen Zusammenhang sieht auch Betriebsarzt Dominique Huez. Er behandelte Peutevynck zwölf Jahre lang. Laut der Krankenakte litt Peutevynck seit März 2003 an Depressionen und beklagte sich regelmäßig über die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Für den Arzt war Peutevynck ein gewissenhafter Mitarbeiter: „Er hat sein ganzes Leben für den Job gegeben - und ich habe gesehen, wie sich sein Gesundheitszustand dabei verschlechtert hat", erzählt er - und nicht nur bei ihm. Sechs Monate vor Peutevyncks Selbstmord sei es der "Hälfte der Mitarbeiter psychisch sehr schlecht" gegangen, so der Arzt. Für ihn ist das eine Folge der zunehmenden Arbeitsaufgaben und Belastung. Seit 2003 habe er die Betriebsleitung alarmiert und auf die besorgniserregende Lage der Mitarbeiter in der Leitungsüberwachung hingewiesen, sagt er. Allerdings ohne Erfolg.
Im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes versucht der Noch-Monopolist EDF Kosten einzusparen. Unter anderem wurde der Einkauf von Ersatzteilen in Paris zentralisiert. Die Gewerkschaften beklagen, dass deshalb häufig wichtige Teile fehlen. Michel Lallier von der Gewerkschaft CGT erzählt, wie es in Chinon zugeht: „Wenn zum Beispiel eine Computerspeicherkarte kaputtgeht, wir keine mehr haben oder sie zu schwierig zu beschaffen ist, dann basteln wir halt daran rum. Wir schweißen, wechseln Teile aus, verändern die Karte. Dass wir in einem Atomkraftwerk so rumbasteln müssen, ist unerträglich.“ Manche Ersatzteile müssten sogar im Baumarkt wenige Kilometer von der Zentrale entfernt gekauft werden, da sie nicht mehr vorrätig sind. Für die Mitarbeiter sind diese Arbeitsbedingungen frustrierend.
Betriebsarzt Huez sieht darin eine große Gefahr und eine der Hauptursachen, die zum Selbstmord führen können. „Einige Mitarbeiter ziehen sich zurück, um sich zu schützen. Das macht aus gesundheitlicher Sicht absolut Sinn. Andere können nicht loslassen, weil sie zu recht denken, dass sie das letzte Glied in der Kette sind.“ Nach dem Selbstmord von Dominique Peutevynck haben die Berichte des Arztes immerhin Wirkung gezeigt: Sechs zusätzliche Mitarbeiter wurden für die Überwachung der Leitungssysteme eingestellt.
[Bildunterschrift: Der 49-jährige EDF-Mitarbeiter Dominique Peutevynck nahm sich als erster das Leben ]
Peutevyncks Abteilung ist allerdings nicht die einzige, die in der Zentrale von Chinon Schwierigkeiten hat. Zwei Jahre nach ihm bringt sich Jean-Pierre Levaillant um. Kopfschuss. Sein Arbeitskollege Patrick Guillon kannte Levaillant 15 Jahre lang. Er ist sich sicher, dass sich Levaillant wegen der Arbeit umgebracht hat. Zwei Tage vor seinem Selbstmord habe er ihn das letzte Mal gesehen. „Levaillant wollte aus dem Atomkraftwerk weg, weil es hier zu viel Stress und zu viel Druck gibt, und zu einem normalen Kraftwerk wechseln. Beim Einstellungsgespräch dort haben sie ihm dann gesagt, dass sie sich freuen, wenn er mit seiner Erfahrung aus der Kernkraft kommt - denn auch in normalen Kraftwerken soll jetzt die Produktivität erhöht werden.“
Nur drei Monate später nimmt sich wieder ein Kollege das Leben. Guy Saldana erschießt sich im Garten seines Hauses. Wie Peutevynck litt Saldana unter schweren Depressionen. Seine Witwe will EDF nicht für den Selbstmord ihres Mannes verantwortlich machen, aber sein Freund und Arbeitskollege Didier Penneteau erzählt, Saldana habe oft von dem nicht auszuhaltenden Druck in der Zentrale gesprochen.
Wieder drei Monate später: ein vierter Selbstmord. Der Verantwortliche einer der Kommandozentralen erschießt sich in seinem Ferienhaus mehrere hundert Kilometer von Chinon entfernt. Über diesen Fall gibt es nur wenige Informationen, aber unsere Recherchen haben aufgedeckt, dass er wenige Tage vor seinem Selbstmord einen Reaktor falsch bedient hatte und dieser heruntergefahren werden musste.
Vier Selbstmorde innerhalb von zweieinhalb Jahren – doch für die Geschäftsführung gibt es keinen Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen. „Keines dieser Dramen hat sich auf dem Gelände des Atomkraftwerks abgespielt", betont Eric Maucort, Geschäftsführer der Zentrale von Chinon. "Ich begegne solchen persönlichen Schicksalen mit großem Respekt - aber auch mit Vorsicht. Das heißt: Ich hüte mich vor jeglicher Interpretation.“
Betriebsarzt Huez dagegen spricht von "strategischem Mobbing" in dem Atomkraftwerk. "Die Geschäftsführung weiß, dass sich die individuelle Situation der Arbeitnehmer verschlechtert. Aber sie nimmt es in Kauf, weil sie dadurch die Angst regieren lässt und es leichter hat, den Apparat umzuorganisieren und zu verschlanken.“
Huez hat nun einen außergewöhnlichen Schritt unternommen: Er zeigte die Geschäftsführung an - wegen gesundheitlicher Gefährdung von zwei Mitarbeitern. Ob das etwas an der Stategie von EDF ändern wird, wird sich zeigen.
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