Die verzweifelte Suche der Angehörigen "Für meine Mutter brach eine Welt zusammen"

Stand: 25.08.2007 20:18 Uhr

Gerhard Priesemann, aufgenommen kurz vor seiner Hinrichtung in Moskau.
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Gerhard Priesemann, aufgenommen kurz vor seiner Hinrichtung in Moskau.

Gerhard Priesemann verschwindet im März 1950 spurlos. Zurück bleiben seine vier Kinder und seine körperlich behinderte Frau. Christoph Priesemann: „Für meine Mutter brach eine Welt zusammen, für meinen Vater ja letztendlich auch. Und all die Jahre, die mein Vater im Krieg war und nicht bei der Familie sein konnte, sollten ja eigentlich zu Ende sein. Ich weiß jetzt auch von meiner Schwester, dass meine Mutter oft nachts geweint hat. Es war schon sehr, sehr schlimm für sie.“

Wie bei der Schweriner Familie Priesemann bedeutet das Verschwinden des Vaters - des Ernährers - auch bei der Familie Franke finanzielle Not. Nur notdürftig leben sie von der Rente der Großmutter. Außerdem werden sie von der Verwandtschaft im Westen mit Paketen unterstützt.

Von den Behörden belogen

Warum der Vater, die Mutter, die Tochter, der Sohn verhaftet wurden, wo sie waren, ob sie wiederkommen würden – die Familien wissen es damals nicht, erklärt der Historiker Jörg Rudolph vom Berliner Geschichtsinstitut "facts&files". Sofort nach dem Verschwinden ihrer Angehörigen beginnen die Familien mit der Suche. Einige schalten Annoncen in der Presse oder erheben Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft. Die Familien wenden sich mit ihren Fragen aber auch an Kirchen, an Polizeidienstellen, an das Ministerium für Staatsicherheit und an die Volkskammer. Einige nahmen sogar Kontakt zu sowjetischen Dienststellen auf. Hier haben sie feststellen müssen, dass sie immer wieder vertröstet und belogen werden, so Rudolph.

Suche über westdeutsche Organisationen

Einige Familien bitten deshalb heimlich westdeutsche Organisationen um Hilfe. Die Mutter von Gerhard Priesemann wendet sich 1952 an die "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", eine Westberliner Organisation, die damals unter anderem auch eine Art Suchkartei für von der sowjetischen Besatzungsmacht Verhaftete oder Verschleppte führt.

Zellentrakt des Untersuchungsgefängisses
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Zellentrakt des Untersuchungsgefängnisses am Demmlerplatz in Schwerin. Von dort aus verschwanden viele der Opfer sowjetischer Verfolgung aus dem Norden der DDR. Heute befindet sich im Gebäude ein Dokumentationszentrum.

Erna Dunkelmann schreibt am 11. November 1952 nach Westberlin. Ein Briefauszug: "Mein ältester Sohn Gerhard Priesemann...fuhr mit dem Fahrrad, wie jeden Tag, morgens um sieben Uhr von seiner Wohnung in Schwerin nach seiner Dienststelle.... Er ist an seiner Dienststelle nicht angekommen und ist auch nicht zu seiner Familie, seiner Frau und seinen vier Kindern, jetzt 11, 10, 8 und 6 Jahre, zurück gekehrt. Aus den auf dem Polizeiamt gemachten Erkundungen muss vermutet werden, dass er schon lange bespitzelt wurde und verschleppt ist. Alle bisherigen Nachforschungen meinerseits blieben erfolglos.....Ich bitte sie ebenso herzlich als dringend uns ratend und helfend beizustehen und möglichst gleich zu antworten. Wir haben keinerlei Nachricht von und über meinen Sohn und auch keinerlei Vermutungen, was mit ihm geschah und warum. Da mein Sohn sehr beliebt und begabt und tüchtig war, nehme ich an, dass er Neider hatte."

Verschleierungsstrategien

Da ahnt sie noch nicht, dass ihr Sohn bereits seit eineinhalb Jahren tot ist – am 14. Mai 1951 verscharrt in einem Massengrab auf dem Moskauer Donskoje Friedhof. Sieben Jahre später – im Jahr 1959 – erhält die Familie eine Todesurkunde – datiert auf den 14. Mai 1953. Die falsche Jahreszahl ist eine übliche Verschleierungspraxis der DDR-Behörden. Da die Familie nie eine verlässliche, vertrauenswürdige Antwort erhält, bleibt die Hoffnung auf eine Rückkehr des Vaters immer noch lebendig. So berichtet Christoph Priesemann, dass die Familie mehrmals überlegt habe, sich in den Westen abzusetzen: „Aber meine Mutter hat gesagt, wir könnten nicht in den Westen gehen, wenn Vati wiederkomme, müssten wir in Schwerin sein. Denn wir vermuteten immer noch, dass vielleicht noch in der Sowjetunion, irgendwo in irgendeinem Lager weit weg in Sibirien noch Deutsche sind, die vielleicht auch irgendwann nach Hause kommen."

Hoffen auf die Rückkehr

Die Großeltern von Arno Franke sind noch in den 50er Jahren nach Hamburg geflüchtet. Sie suchen ihren Sohn über das Deutsche Rote Kreuz und schicken noch bis Ende der 50er Jahre Pakete in die Sowjetunion im Glauben, Arno Franke würde sie erhalten.

Bis in die 90iger Jahre hinein kennen die Familien nicht die genauen Umstände des Verschwindens ihrer Angehörigen. Einige müssen noch länger auf Antworten warten. Mehr als vierzig Jahre lang ist Trauern und Abschied nehmen für sie nicht möglich. Die Großeltern von Christoph Priesemann und Jürgen Franke nehmen ihre verzweifelte Hoffnung auf eine Rückkehr des Sohnes mit ins Grab.

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